Zukunft zum Anziehen

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2019

Text: Katharina Pfannkuch

Die einen verbinden seinen Namen mit spektakulären Visionen eines Modepioniers, die anderen mit Massenware von der Stange: Pierre Cardin hat nicht nur die Mode unserer Zeit stärker geprägt, als viele denken. Der Kunstpalast widmet dem Designer und Unternehmer nun eine große Ausstellung.

 

Wenn der Name Pierre Cardin fällt, gibt es meist nur zwei Arten von Reaktionen: Entweder das Gegenüber erinnert sich verzückt an futuristische Mode aus den 60ern, an schmale Schnitte, knallige Farben und an das glamouröse Paar, das der Designer gemeinsam mit seiner Muse, der Kinolegende Jeanne Moreau, abgab. Oder es folgt ein nachdenkliches Zögern: Pierre Cardin, ist das nicht der, dessen Herren-socken in Kaufhäusern als Schnäppchen ausliegen? Beides trifft zu. Pierre Cardin hat im Laufe seiner Karriere unzähligen Lizenzprodukten seinen Namen geliehen – aber er zählt auch neben André Courrèges und Paco Rabanne zu den wichtigsten Mode-Avantgardisten, die vom Paris der 60er-Jahre aus die Mode revolutionierten. Mit Rabanne teilt Cardin das Schicksal, oft auf Lizenzprodukte reduziert zu werden: Bei dem einen sind es die Herrendüfte, beim anderen die Socken.

In den USA, aber auch in Italien und Frankreich sei der Ruf Cardins ein ganz anderer, sagt Barbara Til, stellvertretende Leiterin der Sammlungen im Kunstpalast: „In Paris rund um den Élysée-Palast finden sich alleine vier Pierre-Cardin-Boutiquen, darunter auch sein riesiger Flagship Store. In Deutschland wird Cardin oft mit Mode von der Stange assoziiert. Wie sehr er die Mode seit den 50ern mit seinen Farben, Schnitten und Materialien beeinflusst hat, ist vielen gar nicht bewusst. Das wollen wir ändern.“ Ab dem 19. September bietet die Ausstellung „Fashion Futurist“ einen Einblick in das sieben Jahrzehnte umspannende Schaffen des mittlerweile 97-Jährigen. Der Fokus liegt auf seiner Haute Couture. Eine Retrospektive erwarte das Publikum aber nicht, betont Til: „Cardin war und ist kein Nostalgiker, der Blick zurück ist seine Sache nicht. Er prägt die Mode bis heute, sei es mit seinen Bodysuits und Overalls, geometrisch gestalteten Minikleidern oder futuristischen Kleidern aus Jersey.“

Auch deshalb sei die Ausstellung nicht chronologisch aufgebaut, sondern in vier große, abstrakte Themen eingeteilt. Unter dem Motto „Geometrisch-Skulptural“ etwa werden frühe Entwürfe aus den 50ern neben Designs aus den 90ern und 2000ern gezeigt. „So wird die ganze Bandbreite seiner Kreativität deutlich, aber auch der rote Faden, der sich durch Cardins Arbeit zieht. Für seine skulptural anmutenden Entwürfe entwickelte er eine Schnittführung, die er wie ein Bildhauer in die gewünschte Form modelliert. Das Stil-Repertoire Cardins kennt kaum Grenzen, dabei hat er sich nie selbst kopiert, sondern seine Innovationen immer wieder weiterentwickelt.“ So arbeitete er etwa mit bis dato modefremden Materialien wie Vinyl, entwickelte aber auch selbst einen Stoff: Cardine wurde nicht genäht, sondern thermoplastisch geformt.

Und er revolutionierte die Herrenmode, übersetzte die gesellschaftlichen Umbrüche der 60er in Mode. Mit nachhaltiger Wirkung, so Til: „Er hat Trends gesetzt. Dass Männer seit den 70ern unterm Sakko statt Hemd auch Rollkragenpullover tragen, geht auf Cardin zurück. Auch den schmalen Schnitt von Anzügen und Hosen, den wir heute als Slim Fit kennen und der auf die breite Silhouette der 50er folgte, prägte er mit seinem Cylinder Suit entscheidend.“ Nach einer Schneiderlehre im französischen Vichy wurde Cardin Ende der 40er die rechte Hand von Christian Dior in Paris und war hautnah bei der Entwicklung des legendären New Look dabei. Nach drei Jahren machte er sich selbstständig und entwarf Mode für mitten im Leben stehende, berufstätige und Auto fahrende Frauen – damals keine Selbstverständlichkeit. Für seine Männermode ließ er sich von den Existenzialisten der Pariser Rive gauche und den Mods in Großbritannien inspirieren.

 

Die Demokratisierung der Mode, seit der Zusammenarbeit zwischen H&M und Karl Lagerfeld 2004 ein Schlagwort der Branche, war Cardin schon wichtig, als es den Begriff noch gar nicht gab. „Er führte Ende der 60er als einer der ersten Designer neben Haute Couture und Prêt-à-porter auch eine günstigere Drittlinie ein“, so Til. Anders als andere Designer gab Cardin jedoch nie die Zügel aus der Hand: Dior gehört seit den 80ern dem Luxuskonzern LVMH, dessen Konkurrent Kering lenkt seit den 90ern die Geschicke von Yves Saint Laurent, Chanel wird von den Brüdern Alain und Gérard Wertheimer geleitet. Cardin gehört Cardin. Diese Unabhängigkeit findet Barbara Til beeindruckend. Auch, weil Cardin in seiner Anfangszeit keinen Mentor hatte, der ihm finanziell den Rücken frei hielt: „Er baute alles aus eigener Kraft auf und wurde in kurzer Zeit erfolgreich und bedeutend.“ 

Um unabhängig bleiben zu können, stieg Cardin früh ins Lizenzgeschäft ein. Seinen Beinamen als „König der Lizenzen“ dürften gerade seine Desi-gnerkollegen nicht nur als Kompliment gemeint haben. Neben hochwertigen Produkten stand der Name Cardin nämlich bald auch auf Socken und Unterwäsche im Kaufhaus. Dem Designer selbst verschaffte dies aber auch Freiraum für Projekte wie sein eigenes Theater im ehemaligen Schloss des Marquis de Sade im französischen Lacoste. Cardin kaufte auch das berühmte Restaurant Maxim’s in Paris, er veranstaltet Kulturfestivals im „Palais Bulles“, seiner futuristischen Villa an der Côte d’Azur, er designt Möbel – die Liste ließe sich noch lange weiterführen. All diese Aktivitäten sind jedoch nicht Teil der Ausstellung, so Til: „Wo soll man da anfangen und aufhören? Wir sprechen hier alleine von 600 bis 800 Lizenzen, das könnte man in einer Ausstellung gar nicht abbilden.“ Der Couturier, nicht der Geschäftsmann, steht im Kunstpalast im Fokus. Als solcher entwarf Cardin auch Accessoires. Genug Material also, um die große Halle im Kunstpalast zu füllen, in der Anfang des Jahres noch Traumautos ausgestellt waren. 

 

 

Hier wird Haute Couture von Cardin an Figuren von Bonaveri gezeigt. Dieser Name ist für Branchenkenner so klangvoll wie Ferrari für Auto-Fans: Das italienische Unternehmen stellt luxuriöse Schaufensterfiguren her, die auch in der jährlichen Modeausstellung im New Yorker Metropolitan Museum und in Boutiquen weltweit zum Einsatz kommen. Die Düsseldorfer Bonaveri-Vertretung habe die Ausstellung im Kunstpalast tatkräftig unterstützt, erzählt Til begeistert. Überhaupt sei Düsseldorf der perfekte Ort für eine Ausstellung wie diese: „Als Modestadt ist Düsseldorf auch über die Grenzen Deutschlands hinweg bekannt. Viele Designer arbeiten hier, die großen Modemessen finden hier statt, hinzu kommen ein modeaffines Pu-blikum und ein dichtes Netzwerk aus Modeliebhabern und Multiplikatoren aus der Branche.“ 

 

„Er baute alles aus eigener kraft auf und wurde in kurzer Zeit erfolgreich und bedeutend.“

 

Auch Cardin hat hier Spuren hinterlassen. In den 70ern wurde in der Umgebung Pierre-Cardin-Bettwäsche hergestellt, eines seiner vielen Lizenzprodukte. Das habe sie ganz zufällig bei einem Event erfahren, erzählt Til lächelnd: „Noch ein charmanter Beleg für Düsseldorf als idealen Ort für unsere Ausstellung!“ Nur auf eine Frage hat sie noch keine Antwort: Ob der Meister selbst bei der Eröffnung dabei sein kann. Das werde sich erst kurz vorher herausstellen, immerhin wurde Cardin im Juni stolze 97 Jahre alt und ist noch immer ein vielbeschäftigter Mann. Til aber schaut genauso optimistisch wie der stets nach vorne blickende Designer in die Zukunft: „Ein Zimmer für ihn ist schon reserviert.“ •

 

 

PIERRE CARDIN.
FASHION FUTURIST

19.09.2019 bis 05.01.2020 

Museum Kunstpalast
Ehrenhof 4–5
40479 Düsseldorf

www.smkp.de 

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