Yes, we camp


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2018

Die Social-Media-Accounts sind voll von Sehnsucht auslösenden Bildern wunderschöner Menschen, die mit ihren selbst ausgebauten Camping-Vans vor traumhaften Kulissen posieren. Auch wenn bestimmt nicht alles so paradiesisch ist wie auf den Bildern, Fakt ist: Camping ist wieder in. Es ist cool. Doch warum ist das so? Königsallee hat sich auf Spurensuche begeben.

Früher stand Camping in der Reise-Hierarchie ganz unten, man dachte an dreckige Toiletten, Plastikteller, Mücken und Wohnwagen-einrichtungen im Stile des Gelsenkirchener Barocks.Dieses Bild hat sich komplett geändert. Bereits 2013 vermeldete der Deutsche Tourismus Verband mehr als 26 Millionen Camping-Übernachtungen allein in Deutschland. Auf den Straßen der Republik sind mehr als eine Million Reisemobile zugelassen. Junge Paare und Familien bilden den Hauptanteil der Neucamper.

Die Berlinerinnen Antje Wolter und Henrike Nötzold machten aus ihrer Outdoor-Passion sogar ein Business. „Ich befand mich nach der Geburt meiner zweiten Tochter in Elternzeit, dabei entdeckte ich das Buch The Outsiders. Viele der Produkte, die dort vorgestellt wurden, waren gar nicht in Deutschland erhältlich. Außerdem gefiel mir diese Idee des ,new outdoor movement‘ so gut, dass ich direkt wusste, dass ich daraus ein Business machen wollte“, erzählt Antje Wolter. Als sie Henrike von ihrer Idee erzählte, war die sofort dabei. 2015 gründeten die beiden den Online-Concept-Shop Wildhoodstore, zwei Jahre später folgte ein stationärer Laden in Berlin-Neukölln.

„Auf sich selbst zurückgeworfen sein, ohne die ganzen Annehmlichkeiten, da haben die Leute Bock drauf“

Angeboten werden die unterschiedlichsten Dinge rund um die Themen Outdoor und Camping. Was auffällt: Shop und Produktauswahl unterliegen einem hohen ästhetischen Anspruch. Was auch daran liegen mag, dass die beiden zusammen in Weimar Mediengestaltung studierten, bis sie sich irgendwann in Berlin wiederfanden und ihr Business starteten. Aber woher kommt die neue Lust auf Camping, die Lust, wieder draußen zu sein?

„Alle sitzen den ganzen Tag vorm Rechner oder am Handy, da ist es total wichtig für die Leute, dass es da einen Ausgleich gibt. Dass man auch mal wieder was mit seinen Händen macht, das Leben in sich spürt und nach draußen geht“, erzählen die Gründerinnen.

Im Store gibt es beispielsweise Reiseführer, die großartige Tipps abseits des Massentourismus geben. Ein ganzer Band beschäftigt sich unter anderem mit möglichen Wild-Schwimm-Optionen in Italien und führt an unberührte Seen, Flüsse und Lagunen. Es ist der Wunsch nach Freiheit, nach Flexibilität und der Möglichkeit, den Ort zu wechseln, immer dann, wenn man Lust dazu hat.

Gerade Menschen mit höherem Bildungsniveau, die sich für eine bewusste Lebensweise entschieden haben, wählen die Camping-Option als Urlaubsprogramm. Sie möchten ihre Komfortzone verlassen, selbst entscheiden, wann sie was machen oder konsumieren, das ist in einem Kluburlaub mit durch- getakteten Essens- und Animationszeiten nur bedingt möglich. Viele Städter legen sich eigene Mobile zu, mit denen sie auch am Wochenende ins Grüne fahren. Es ist nicht so, dass diese Menschen nicht gerne in der Stadt leben, dort arbeiten sie ja auch, aber sie schätzen die Abwechslung und die mit dem Campen verbundene Aktivität.

Wir beobachten und konsumieren nur noch, wir schaffen kaum noch was mit unseren Händen. Selber ein Feuer machen, auf sich selbst zurückgeworfen sein, ohne die ganzen Annehmlichkeiten, da haben die Leute Bock drauf“, sagt Henrike Nötzold.

Trotzdem, gewisse Annehmlichkeiten machen den Urlaub entspannter. Da diese Annehmlichkeiten ganz individuell wahrgenommen werden, lassen sich immer mehr Menschen ihren Campingtraum auf die eigenen Bedürfnisse zuschneiden. Craig Kammeyer, selbst begeisterter Surfer und Camper, hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Nach seinem Holzbaustudium gründete er bereits 2006 Custom-Bus. In Zusammenarbeit mit dem Möbeldesigner Nils Holger Moormann ist zum Beispiel das Modell Holzklasse entstanden. Ein designvollendeter Van-Traum, der mit einem normalen Wohnmobil nicht mehr wirklich etwas gemeinsam hat.

„Nils stand plötzlich bei mir in der Ausstellung und sagte, dass er einen Bus braucht, um den Hotelübernachtungen zu entfliehen. ‚Da ihr anscheinend die Einzigen in der Branche seid, die etwas von Interior-Design verstehen, möchte ich, dass ihr mir einen Bus baut.‘ Nachdem er bereits ein Jahr mit seinem neuen Custom-Bus-Camper unterwegs war, haben wir uns entschieden, gemeinsam die Holzklasse zu entwickeln und in Serie zu bringen“, schwärmt Craig Kammeyer.

Die Holzklasse gibt es ab 74.900 Euro, diese Premiumvariante ist auf zehn Modelle im Jahr limitiert. Insgesamt produzieren Kammeyer und seine Crew 80 bis 100 Modelle im Jahr. Auch er merkt, dass das Interesse an multifunktionalen individuellen Vans immer größer wird. „Ich glaube, der Wunsch nach Freiheit und Work-Life-Balance nimmt immer mehr zu, und was könnte da besser passen als eine Kombination aus Alltagsauto, Personenbeförderer, Camper und Transportesel?“, sagt der Firmengründer. Der größte Reiz liegt darin, einfach loszufahren und sich fast spontan zu entscheiden, wo die Reise hingehen soll. In Zeiten von minutiöser beruflicher Planung und teilweise ausartendem Freizeitstress ist das kalkulierbare Abenteuer mit dem Camper-Van eine erholsame Alternative zu terminlich konkret getakteten Pauschalreisen. 

 

Text: Britt Wandhöfer

Foto: iStock, MOORMANN Custombus

 

Infobox:

2015 gründeten die Freundinnen Antje Wolter und Henrike Nötzold einen Online-Concept-store für coole Campingaccessoires. Seit 2017 gibt es auch ein Ladenlokal in Berlin.

www.wildhoodstore.com

2006 gründete der Surfer und Holzbau-ingenieur Craig Kammeyer Custom-Bus. Der gelernte Schreiner und seine zwölf Mitarbeiter bauen Vans zu individuellen Wohnmobilen um.

www.custom-bus.de

Nils Holger Moormann ist ein deutscher Möbeldesigner und -hersteller. Funktionalität, regionale Produktion und reduzierte Formsprache zeichnen seine Designs aus.

www.moormann.de

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