Wissensschatz über der Kö


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2018

Hoch oben im Turm des Görres-Gymnasiums auf der Königsallee 57 befindet sich faszinierendes Kulturgut: 20.000 wissenschaftliche und literarische Werke aus fünf Jahrhunderten. Autor Tom Corrinth und Fotograf Raphael Janzer sind hinaufgestiegen und haben sich die Bibliothek genauer angeschaut.

Wir sehen Bücher, so weit das Auge reicht. Vom Hosentaschenformat bis zur Größe eines Schuhkartons, vor allem in Braun, Grün oder Grau. Ihre Einbände sind aus Stoff, Schweinsleder und teilweise sogar aus Holz. Sie stehen gut sortiert in meterhohen Regalen aus Stahl, die kreisförmig mit rund zwei Metern Abstand um eine Wendeltreppe herum angeordnet sind. Die Treppe verjüngt sich nach oben wie ein Schneckenhaus und führt zu einer weiteren Etage – mit noch mehr Büchern. Es riecht nach altem Papier. Wir befinden uns in der historischen Lehrerbibliothek im Turm des Görres-Gymnasiums auf der Königsallee. „In diesem Raum ist kein Buch jünger als 99 Jahre“, erklärt uns Dr. Ulrich Hamm, Lehrer für Griechisch, katholische Religion und Latein. Er kümmert sich nebenbei um diesen besonderen Ort. An einem Schultag im November gewährt er uns Einblick in sein Reich.  

Rund 20.000 Bücher beherbergt die Bibliothek insgesamt. Sortiert sind die Werke nach einem Katalog des „Königlichen Gymnasiums zu Düsseldorf“, wie die Schule 1896 noch hieß. Dieser Katalog umfasst 29 Wissensgebiete – darunter Archäologie, Griechisch, Latein, romanische Sprachen, Theologie, Rechtswissenschaften, Geschichte, Naturwissenschaften und Kunst. Die meisten Bücher wurden im 19. Jahrhundert angeschafft oder der Schule geschenkt, aber es gibt auch wahre Methusalems unter ihnen: „Das älteste Werk hier, das wir auch schon einmal aufwendig restauriert haben, ist die Hartmann-Schedelsche Weltchronik aus dem Jahr 1493“, erklärt Hamm. Der Wert aller Bücher dürfte, so der Lehrer, in Summe bei mehreren Millionen Euro liegen. „Viel wertvoller ist allerdings das Wissen, das auf diese Weise bewahrt wird.“

Damit spricht der Lehrer das humanistische Leitbild an, das das Görres-Gymnasium über seine bewegte Geschichte hinweg beibehalten hat. Zu diesem Leitbild gehören ein weltoffener, respektvoller Umgang untereinander und auch die Bewahrung traditioneller Werte. „Wir versuchen, unseren Schülern zu vermitteln, dass Bücher und Lesen etwas Wertvolles sind. Ein Gegenentwurf zur schnelllebigen digitalisierten Welt heute. Wir möchten den technischen Fortschritt aber nicht verteufeln – vielmehr geht es um die sinnvolle Verknüpfung von beidem“, erklärt Hamm. Viele der jungen Menschen seien stolz darauf, eine solche „Harry-Potter-Bibliothek“ an der Schule zu haben, und identifizierten sich stark damit. In Projektwochen etwa ordneten sie die Regale oder schrieben Facharbeiten über bestimmte Werke. Auch die Lehrkräfte versuchten, das historische Bildungsgut, so gut es geht, mit in den Schulunterricht einzubauen.

Dong, dong, dong, dong. Unser Gespräch wird unterbrochen von einer vierstufigen, immer dunkler werdenden Klangfolge – eine beeindruckende Glocke, die den Beginn der nächsten Schulstunde anzeigt. „Jetzt demonstriere ich Ihnen mal, woher die Redewendung ‚ein Buch aufschlagen‘ kommt. Kommen Sie mal mit“, sagt der Lehrer und führt uns in die andere Raumhälfte zu einem Schreibtisch, auf dem ein dickes, großes Buch mit Holzeinband liegt – ein sogenannter Foliant. Mit der bloßen Faust schlägt Ulrich Hamm darauf, und die zwei Metallschließen an der Seite springen auseinander. Das Respekt einflößende Werk mit dem Titel „Magnum Chronicum Belgicum“ lässt sich nun öffnen. „Und schauen Sie mal hier“, der Lehrer deutet mit dem rechten Zeigefinger auf zahlreiche kleine Löcher in dem bräunlichen pergamentartigen Papier im >> Innenteil. „Bücherwürmer haben sich hier ein wahres Rennen geliefert. Und der hier hat es sogar bis auf Seite 314 geschafft“, schmunzelt er.

 

„Der Wert aller Bücher liegt bei mehreren Millionen Euro. Viel wertvoller ist aber das Wissen, das hier bewahrt wird.“

Wir steigen über die Wendeltreppe weiter nach oben. Auch hier sind wieder kreisförmig Stahlregale aufgestellt, voll mit Büchern. Rund 800 von ihnen bilden die „Bibliotheca Vossiana“. Dieser Nachlass des Altphilologen Abraham Voß enthält einige Manuskripte seines berühmten Vaters, des Dichters und Übersetzers Johann Heinrich Voß. „Der handschriftliche Nachlass von ihm ist für Literaturwissenschaftler ein wahrer Schatz“, erklärt Hamm. Schon Forschungsarbeiten, etwa der Heinrich-Heine--Universität, haben sich mit dieser außergewöhn-lichen Privatsammlung beschäftigt. Auf einer Fensterbank gegenüber liegen einige Päckchen, die ebenfalls Bücher beinhalten. Ulrich Hamm nimmt eins davon in die Hand und sagt: „Die retten wir. Sie werden vom Schimmel befreit und bekommen von einer Buchbinderin einen hübschen neuen Einband.“ Bei einem Jahresbudget von 1.800 Euro reicht das allerdings nur für drei Bücher jährlich. „Um alle Bücher zu retten, bräuchten wir unter dieser Voraussetzung theoretisch 6.000 Jahre“, so der Lehrer. 

Eine weitere Möglichkeit, den wertvollen Literaturbestand zu bewahren, ist seine Digitalisierung. Genau das geschieht aktuell mit den preußischen und anderen deutschen Schulprogrammen aus dem 19. und dem beginnenden 20. Jahrhundert: „Das sind Berichte, die alle Gymnasien hierzulande damals einmal im Jahr abliefern mussten mit Informationen über das Kollegium, den Stundenplan, Statistiken, Prüfberichten und vielem mehr“, so Hamm. „Unsere Sammlung ist eine der größten dieser Art in Deutschland.“ Für die Zukunft wünscht sich der Lehrer, dass diese besondere Bibliothek noch mehr für den Schulalltag und auch für die Düsseldorfer Gesellschaft geöffnet wird und mehr Projekte zur Erhaltung initiiert werden – aber hierzu wären mehr Ressourcen und zusätzliche Gelder nötig. 

Dong. Dong. Dong. Dong. Wir werden erneut unterbrochen von der Schulglocke – die Stunde ist vorbei. „Dann zeige ich Ihnen jetzt noch unseren ganz besonderen Ausblick“, sagt Ulrich Hamm und führt uns eine Treppe weiter hoch nach draußen auf einen Balkon. Von hier oben, in luftiger Höhe, haben wir einen wunderbaren Blick auf die Kö, auf der einige Menschen flanieren. Dass moderner Konsum und traditionelle Bildung hier so nah -beieinanderliegen – wer hätte das gedacht?

Info:

Schule mit Geschichte

Das Görres-Gymnasium ist eine der ältesten Schulen Deutschlands. Sie wurde 1545 von Humanisten gegründet und von 1621 bis 1773 von Jesuiten geleitet. Nach dem Verbot des Ordens wurde sie in ein „kurfürstliches Gymnasium“ umgewandelt. Durch die französische Besatzung 1803 wurde aus der Institution ein „Lyzeum“, elf Jahre später nach Eingliederung in das Königreich Preußen nannte man es „Königliches Gymnasium“. Nach weiteren Umbenennungen bekam die Schule 1942 während der Naziherrschaft den Titel „Staatliches von-Reichenau-Gymnasium“. 1947 erhielt sie ihren heutigen Namen, angelehnt an den Hochschullehrer und Publizisten Joseph Görres. Die Schule ist bisher sieben Mal umgezogen: Erster Standort, von 1545 bis 1655, war der Stiftsplatz. Seit 1906 befindet sich das Gymnasium auf der Königsallee. Heute hat es 750 Schüler und 55 Lehrkräfte. Viele Prominente sind hier zur Schule gegangen – zum Beispiel Heinrich Heine oder Ex-DFB-Präsident Wolfgang Niersbach.

Text: Tom Corrinth 

Fotos: Raphael Janzer

 

 

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