Wheels & Waves


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2018

 

Im französischen Biarritz treffen sich einmal im Jahr Biker, Surfer und Skater, um beim Wheels & Waves Festival fünf fantastische Tage zu verbringen. Wir haben uns unter das bunte Völkchen gemischt.

Was käme eigentlich dabei heraus, wenn man sich sein ideales Männerwochenende selbst zusammenstellen könnte? Also alte Motorräder wären auf jeden Fall dabei, eine ordentliche Dosis Skaten, eine schöne Portion Surfen und Strandleben dazu, und klar, das Ganze würde schon wegen des Surfens nicht irgendwo im rheinischen Nieselregen stattfinden, sondern schön am Meer. Aber nicht das überlaufene und eh viel zu heiße Mittelmeer, sondern lieber ein bisschen ruppiger, am Atlantik. Ja, klingt schon gut. Nehmen wir doch Frankreich, wegen des Essens und des Trinkens – Biarritz vielleicht? Großes altes Seebad, nicht mehr ganz taufrisch mit pittoresker Patina, eine schroffe Küste mit ordentlicher Welle, Fruits de mer, eiskalter Rosé. Klingt gut? Ist es auch, gibt es schon und heißt Wheels & Waves.

Herkömmliche Motorradfestivals sind nicht jedermanns Sache und zeichneten sich bisher vor allem durch hemmungslosen Bierkonsum, Schlammcatchen und Heavy Metal aus, am liebsten alles gleichzeitig. Aber seit 2012 gibt es etwas ganz anderes – das Wheels & Waves Festival in Biarritz, das als ein kleines Treffen bikender Surfer begann und innerhalb kürzester Zeit richtig groß wurde. Heute treffen sich rund 10.000 Bike–Begeisterte in Biarritz und lassen es fünf Tage ordentlich 
krachen.

Aber mit Stil – und das ist der große Unterschied. In Biarritz laufen keine Altherren-Harleys, japanische Joghurtbecher oder gar rollende Tourensofas auf, sondern Café–Racer, Custombikes, Scrambler, Chopper und Bobber, von denen einer cooler und abenteuerlicher als der andere ist. Hier finden sich Bikes wie die Honda CX 500 als Café Racer, die vor gar nicht langer Zeit noch verächtlich als „Güllepumpe“ tituliert wurde, genauso wie erstaunlich viele gestrippte BMW–Boxer, die in den 80er- Jahren als ultraspießig verpönte Krads bei der Polizei liefen.

Und so stylish wie die Bikes sind auch die Besitzer. Überaus gut gekleidet in dunklen Jeans und Lederjacke, garantiert ohne Integralhelm, Kevlarkombi oder gar Warnwesten, knallen die Biker durch Biarritz und die Berge, um an den verschiedenen Rennen teilzunehmen: etwa dem „Punks Peak“, einem Bergsprintrennen die Serpentinen über Biarritz hinauf, oder der „Deus Swank Rallye“, einem Enduro-Rennen, bei dem sich die Zwiebacksägen der 80er-Jahre mit schweren Viertakter-Einzylindern ohne Rücksicht auf Verluste messen. KTMs, Husqvarnas, Bultacos – längst vergessene Schätzchen werden gekickstartet und über den Track gescheucht, dass es nur so kracht.

Die ganze Veranstaltung ist dabei von enormer Lässigkeit und erstaunlichem Mangel an Sicherheitsvorkehrungen geprägt. Polizei sieht man gar nicht, Absperrungen wenig und Sicherheitsbekleidung ist auch eher uncool – und wenn nun ein deutsches „Ja, aber“ zu zucken droht, ersticken wir es gleich im Keim: es ist nichts passiert. Gar nichts. Außer einer Menge Spaß und ein wenig fröhlicher Anarchie, da könnten wir uns in Vollkasko–Deutschland schon mal ein Scheibchen von abschneiden.

Zurück zum Thema, zurück zum Track – das dritte Rennen „El Rollo“ findet hinter San Sebastian im spanischen Baskenland statt, sodass sich die ganze Bikerbande aufmacht, mit ihren Motorrädern die Küstenstraße Richtung Spanien zu brettern. Und zwar dressed in style, was neben den fantastischen Motorrädern auch erheblich zum hübschen Gesamtbild des Festivals beiträgt – denn wie bereits erwähnt, wird hier nicht in bauchigen Kevlarkombis aufgelaufen, sondern in einem Hipsterlook, der wirklich Geschmack beweist: japanische Rawdenim-Jeans, alte Fliegerlederjacken von Schott, eine Menge gestreifte Shirts aus den 70ern, Sonnenbrillen von Persol und American Optics. Käme Steve McQueen auf seiner Triumph Bonneville um die Ecke, würde vermutlich nicht mal einer gucken.

So viel Stil und Geschmack führt dazu, dass eine auf Motorradtreffen sonst eher selten vorkommende Spezies erstaunlich häufig zu sehen ist – Ladys. Und zwar nicht auf dem Beifahrersitz, sondern auf dem eigenen Bike. Auch das tut dem Festival gut, weil sich Männer im Beisein von Frauen doch in der Regel besser benehmen und so das Niveau weiter steigt. Zudem treiben sich die kleinen und inzwischen auch großen Marken in Biarritz herum, um von dem kleinen Hype ein Stück auf sich abfärben zu lassen: Der altehrwürdige Chronografenhersteller Breitling zeigt sich hier und stellt eine ganz neue Heritage-Linie vor, BMW rückt gleich mit einer ganzen Armada von Rennmaschinen an und DEUS Motorcycles sind als inoffizielle Style-Benchmark überall zu sehen.

Fazit: Hier wird dem Verbrennungsmotor in traumhafter Kulisse gehuldigt, als gebe es weder Morgen noch E-Mobilität. Einzylinder, Twins, bollernde Viertaktmotoren und kreischende Zweitakter – auf dem Wheels & Waves wird die kostbare fossile Energie dem God of Speed geopfert. Zu Recht. Wir können nur empfehlen: Hin da, bevor es verboten wird. 

www.wheels-and-waves.com

Text: Olaf Ebeling

Fotos: Matthäus Walotek

 

Infobox:

Unser Redaktionsteam ist übrigens auf vier Rädern statt deren zwei angereist – aber standesgemäß im bayerischen Alteisen BMW 635 CSI, Baujahr 81. Ein Bajuware ohne ABS und sonst irgendwas, aber mit Durst wie Depardieu, mon dieu, und ausgesprochen locker bereitgestellten 218 PS. Für die Strecke Düsseldorf – Biarritz – Düsseldorf musste allerdings sechsmal getankt werden. Prost.

 

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