Wenn der Lebenstraum wahr wird


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2018

Roncalli ist nicht nur ein Zirkus, sondern ein Gesamtkunstwerk. KÖNIGSALLEE traf den Schöpfer und Direktor Bernhard Paul backstage und sprach mit ihm über sein Leben und die Anforderungen, um einen zeitgemäßen Zirkus zu realisieren.

“Ich wollte einen Zirkus zum Hingucken, nicht zum Wegschauen machen“

Bernhard Paul erwartet uns bereits in seinem mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Direktionswagen. Man sieht auf den ersten Blick: Er ist ein Original, wie es sie heute nur noch selten gibt. Mit seinem verschmitzten Lächeln und einer gehörigen Portion Wiener Schmäh sammelt er demzufolge sofort Sympathiepunkte.

Den Zirkus Roncalli gibt es nun schon seit über 40 Jahren. Mit seiner Gründung 1976 erfüllte sich Bernhard Paul einen Kindheitstraum. „Als ich sechs Jahre alt war, habe ich einen sehr guten Zirkus gesehen, und da war mir sofort klar: Das ist es, was ich im Leben will, und dieses Gefühl ist bis heute geblieben.“ Zunächst studiert der Österreicher Hoch- und Tiefbau sowie Grafikdesign und arbeitet als erfolgreicher Artdirector. „Doch mit 28 Jahren war ich es regelrecht satt und fragte mich, ob das immer so weitergehen soll. Und da habe ich mir gedacht: Jetzt organisiere ich mir meinen Kindheitstraum, jetzt mach ich einen Zirkus“, erzählt er.

Bernhard Paul war es von Anfang an wichtig, konzeptionell mit seinem Zirkus etwas ganz Neues zu realisieren. Dazu gehörte zuerst ein eingängiger Name, der italienisch klingen sollte und von dem Titel eines Drehbuchs wie dem bürgerlichen Namen von Reformpapst Johannes XXIII. inspiriert war: Roncalli. „Zudem machten wir es zu unserer Marketingstrategie, ein Gesamtkunstwerk zu sein. Ich kann doch nicht einen künstlerischen Zirkus machen und drucke dazu langweilige Plakate und Eintrittskarten! Auch die werden bei uns von jeher von Künstlern gestaltet. Unser Konzept ist es, unsere Zuschauer zum Staunen zu bringen und zu überraschen, nicht ,Menschen, Tiere, Sensationen‘“, erklärt Bernhard Paul.

Apropos Tiere: Seit dieser Saison verzichtet Roncalli erstmals komplett auf Tiere in der Manege. Wie kam es zu dieser Entscheidung? „Als Kind habe ich mal im Backstage-Bereich eines Zirkus einen Bären in einem Käfig gesehen, der nur noch mit dem Kopf hin und her gewackelt hat. Furchtbar. Schon damals wollte ich bestimmte Dinge nicht sehen. Neben solchen Tieren waren das auch Messerwerfer oder Seiltänzer ohne Netz. Ich wollte einen Zirkus zum Hingucken, nicht zum Wegschauen machen“, erzählt er. Der Verzicht auf Tiere sei allerdings ein langer Prozess gewesen. Die Zuschauer seien Tiere in der Manege gewohnt gewesen, daher habe man „die Dosis langsam herunterschrauben müssen“.

Um die Lücke zu füllen, hat Bernhard Paul ein rundes Hologramm bauen lassen, das über elf Beamer virtuelle Pferde in die Manege projizieren kann. „Die Technik macht so was möglich, und das sollte man als moderner Zirkus auch nutzen“, so Paul. Zu einem modernen Zirkus gehört natürlich auch ein nachhaltiges Bewusstsein, was für Bernhard Paul eine Selbstverständlichkeit ist. Stolz zeigt er uns einen seiner Foodtrucks, an dem Smoothies verkauft werden. Gesunde Ernährung ist einer der Grundpfeiler eines neuen Roncalli-Konzepts und soll dementsprechend bestmöglich umgesetzt werden. „Es ist uns wichtig, dass wir keine Augenwischerei betreiben, sondern alles gleich richtig anfassen.

Wir verkaufen unser Popcorn in Papiertüten, unsere Trinkbecher sind recycelbar, unsere Bratwürste sind Bio. Bis Ende der Saison wollen wir das abgeschlossen haben. Dann wird es kein Plastik mehr bei Roncalli geben. Das ist für mich ein Riesenthema, eine Herzensangelegenheit“, so Bernhard Paul. Früher stand er noch selbst als Clown in der Manege. Ursprünglich ein Provisorium, weil er für einen fehlenden Clown einspringen musste. „Aber ich bin sehr ehrgeizig und habe viel geübt. So ist aus diesem Provisorium schließlich das Leben geworden.“ Auch seine drei Kinder haben sich für den Zirkus entschieden. „Die wollen kein bürgerliches Leben, denn sie sind ja im Paradies! Die Welt ist furchtbar, und der Zirkus ist eine Art Gegenwelt, ein Biotop. Mein Sohn ist inzwischen künstlerischer Leiter im Apollo Theater, eine meiner Töchter ist dort Artistin, die andere hier im Roncalli. Und sie werden auf jeden Fall den Zirkus immer mehr übernehmen“, so Paul.

Hat die Institution Zirkus denn überhaupt noch Zukunft? „Heutzutage passiert alles über den Bildschirm, das wenigste ist live. Da sehnen sich die Leute nach etwas Realem. Wir bieten denen hier ein Multimedia-Spektakel, bei dem alle Sinne angesprochen werden. Sie essen Popcorn, sehen wunderbare Dinge, und der Duft des Parfüms der Artistinnen liegt in der Luft… Es geht uns um genau dieses Erleben, nur das ist wichtig!“, erklärt Bernhard Paul. Seinen Kindheitstraum vom perfekten Zirkus hat er definitiv wahr werden lassen. „Meinen Traum zu leben, funktioniert nur durch meine ungebrochene Liebe zum Detail, die ist sehr wichtig. Man muss Perfektionist sein und das kostet viel Geld und Zeit. Die kann man nicht investieren, wenn man den Zirkus nicht liebt“, so Paul. Und das steht bei Bernhard Paul außer Frage. 

www.roncalli.de

Fotos: Roncalli 

 

Infobox:

Bis zur Winterpause ist der Roncalli noch in der Heimat von Bernhard Paul unterwegs:

19.10.– 11.11.2018: Messe Freigelände, Graz

16.11. – 09.12.2018: Urfahraner Markt, Linz

 

Der Zirkus geht weiter! 
Die große Fotoreportage „Backstage Roncalli“

Wie die Artisten wohnen, wer ihre Kostüme näht und wie sie sich auf ihren Auftritt vorbereiten.
Was hinter den Kulissen passiert.

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