Vom Film verzaubert


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2018

Im Savoy, nur 300 Meter von der Königsallee entfernt, können Kinoliebhaber besondere Filme genießen. In diesem Jahr wird das beliebte Lichtspieltheater 60 Jahre alt.

François Truffaut war der erste Ehrengast. Der französische Regisseur stellte seinen Film „Sie küssten und sie schlugen ihn“ 1959 persönlich im Savoy vor. Was dann an Prominenz folgte, liest sich wie der Abspann eines Filmklassikers mit illustrer Starbesetzung: Heinz Rühmann, Lex Barker, Bud Spencer … Auch Götz George, Gudrun Landgrebe und Margarethe von Trotta waren schon Gäste des Kinos, das 2018 seinen 60. Geburtstag feiert. Seit seiner Gründung steht es für passionierte Programmkinofilme, abseits der großen Hollywood-Kassenschlager. 

1958 eröffnete der Kinobetreiber Willi Goldermann das Filmtheater, damals war es eines der modernsten Kinos Deutschlands. „Die Verwöhnung des Publikums ist, wie Sie wissen, so groß und die Konkurrenz des Fernsehens so stark, dass man dem Publikum heute schon etwas Besonderes bieten muss, um es zum Besuch eines Lichtspieltheaters zu bewegen“, sagte er am 18. April 1958 in seiner Eröffnungsrede, deren Text in der Jubiläumszeitschrift des Kinos abgedruckt ist. Schon vor 60 Jahren musste sich das Kino also auf dem Markt behaupten. Kurze Zeit später wurde auch der zweite Kinosaal im Untergeschoss eröffnet: das Atelier im Savoy. NRW- und Deutschlandpremieren fanden früher häufig in den Sälen an der Graf-Adolf-Straße statt. Der Film „Momo“ von Regisseur Johannes Schaaf feierte 1969 hier sogar Weltpremiere.

Fragt man Udo Heimansberg, der das Atelier im Savoy bis 2016 geleitet hat, bekommt man noch die eine oder andere Anekdote zu hören: „Günter Grass, der hat sich hier sauwohl gefühlt. Ein Kinobesucher hatte ihm eine Blechtrommel mitgebracht, die Grass für ihn signiert hat.“ Geschichten machen Orte zu etwas Besonderem und davon kennt Kinoliebhaber Heimansberg noch einige weitere. Zum Beispiel die von dem Dekorateur des Kinos, der einmal mit seiner Leiter durch die große Leinwand gefallen war. Der Raumausstatter blieb unversehrt, die Leinwand nicht. Der Riss wurde notdürftig geflickt und erinnerte noch Jahre später an den Vorfall.

„Die Atmosphäre im Kino ist für mich eine ganz besondere. Wenn der Lichtstrahl von hinten kommt und eine Geschichte an die Leinwand wirft, in die man hineintauchen kann … Da bin ich verzaubert“, schwärmt Udo Heimansberg. Bei seinem ersten Besuch im Savoy 1965 stand „Onkel Toms Hütte“ auf dem Programm. „Den gab es auf der 165 Quadratmeter großen Leinwand in 70 Millimeter mit 6-Kanal-Magnetton.“ 1975 stieg er dann selbst endlich in die Filmbranche ein. Im Savoy machte er bei Manfred Goldermann, dem Sohn des Gründers, eine Ausbildung zum Theaterleiter. Die Filme wurden damals bei den Verleihern bestellt, angeliefert und in den Vorführraum des Kinos getragen. „Schwere Kisten waren das, je nach Filmlänge bis zu 30 Kilogramm“, erinnert sich Heimansberg heute. 15 bis 20 Minuten Material passten damals auf eine Rolle. Damit ein Film für die Leinwand daraus wurde, musste er die einzelnen Streifen erst noch sorgfältig zusammenkleben. Mit dem Metropol auf der Brunnenstraße machte er sich 1979 selbstständig. 1997 gründete er die Düsseldorfer Filmkunstkino GmbH, zu der heute neben dem Metropol und dem Atelier im Savoy auch das Bambi, das Souterrain und das Cinema gehören. Im Jahr 2000 wurde aus dem Savoy Theater eine Kleinkunstbühne. Das Atelier, also das heutige Kino im Untergeschoss, eröffnete Heimansberg 2006 neu.

„Günter Grass hat sich hier sauwohl gefühlt. Ein Kinobesucher hatte ihm eine Blechtrommel mitgebracht.“

Was hält ein Kinoliebhaber wie er von den neuen Möglichkeiten, Filme zu schauen? „Mit dem Streamen kann ich nichts anfangen“, antwortet Heimansberg trocken. Sein Nachfolger Nico Elze, der seit 2016 die Düsseldorfer Filmkunstkinos leitet, sieht es ähnlich: „Wenn ich einen Film auf dem Bildschirm schaue, tun mir oft die Augen nach einer Weile weh. Das ist im Kino durch die Projektion angenehmer“, sagt er. „Sicher sind Netflix, Amazon und Co. beliebt. Viele Leute schätzen aber nach wie vor den Reiz des Kinos – das gemeinsame Filmerlebnis vor einer großen Leinwand.“ Anders als bei den Multiplex-kinos seien die Besucherzahlen im Arthouse-Sektor seit Jahren auf dem gleichen Niveau. Eine Erklärung ist für ihn, dass sich die Programmkinos die Filme oft aufteilen, während etwa beim Start eines Blockbusters fast alle großen Kinos sofort mitmischen. „Da ist das Geschäft dann schnell nach zwei Wochen durch“, so Elze. Auch die Eintrittspreise in den Programmkinos lassen sich ihm zufolge durch Förderer wie die Film- und Medienstiftung NRW relativ fair gestalten. 2012 stellte das Atelier im Savoy mit einem Digitalprojektor in 2K-Auflösung – in der Kinosprache das sind 2.048 x 1.080 Bildpunkte – auf die neueste Bild- und Tontechnologie um.

Und wie sieht die Zukunft des Kinos aus? Die nächsten 60 Jahre? „Ganz so weit planen wir natürlich nicht“, sagt Nico Elze. „Für die kommenden Jahre suchen wir aber schon nach Möglichkeiten, um unsere Kinos um ein paar Leinwände mit jeweils etwa 50 Plätzen zu erweitern und so die vielen guten Filme zeigen zu können, die derzeit produziert werden.“ Konkrete Pläne hierzu gebe es jedoch noch nicht. 

Dass all diese Filme ins Kino gehören, ist klar. Denn egal wie groß der Flatscreen oder die Auswahl im Internet ist: Das Erlebnis, mit einer Tüte Popcorn im Kinosessel vor einer großen Leinwand zu sitzen, ist unvergleichlich. Das gibt es nur im Kino. 

www.filmkunstkinos.de  

 

Text: Elena Winter 

Fotos: Raphael Janzer

 

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