Unendliche Räume

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 4/2018

Für ihr Privathaus „Casa Mariepoesella“ gewann die Düsseldorfer Architektin Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven im Oktober den Iconic Award 2018 in der Kategorie Interior. KÖNIGSALLEE hat sie in ihrem Haus in Düsseldorf besucht. 

Der Boden ist weiß und glänzt wie eine frisch polierte Badewanne. Die Schuhe lassen wir an der Tür zurück, ein Korb mit Filzpantoffeln steht für die Besucher bereit. Vorbei an Spiegeln, Holzflächen und Blumen, die überdimensional auf Schiebetüren und Farbbändern integriert sind, gelangen wir in das Herzstück des Hauses. Küche, Wohnzimmer und Esszimmer gehören zusammen. Durch eine bodentiefe Fensterfront blickt man in den leuchtend grünen Garten. Der weißglänzende Boden zieht sich durch den gesamten Wohnraum. „Ich mag keine Fugen, ich liebe unendliche Räume. Keine Begrenzungen, keine Ecken. Ich mag hell, klar, lichtdurchflutet. Neugeborene und Babys schauen auch immer zuerst ins Licht“, erzählt uns Dahmen-Ingenhoven.

Dass die Düsseldorferin irgendwann mal Architektin werden würde, stand nie zur Debatte. Ihr Vater war Kirchenarchitekt, sie dachte nie über etwas anderes, als ein Studium der Baukunst nach. An der RWTH Aachen studierte sie Architektur, lernte dort auch ihren heutigen Exmann, den Architekten Christoph Ingenhoven, kennen. Schon immer war es Dahmen-Ingenhovens Ziel, eine Architektur des Wohlfühlens zu konzipieren, sie beschäftigte sich mit architektonischen Fantasiewelten. Prof. Fritz Eller gefiel die neue Herangehensweise seiner Studentin und er wurde ihr Doktorvater. „Animation, Echtheit in der Architektur, Freizeit und Vergnügen im 20. Jahrhundert“ war der Titel ihrer Promotion. 

„Architektur ist die Beschäftigung mit Umwelt und Umgebung, mit Schönheit, Harmonie, Proportion, Materialität, Oberfläche, aber auch Konstruktion“

Das spiegelt sich auch heute, im wahrsten Sinne des Wortes, in der Casa Mariepoesella wider. Dort wo räumliche Weite nicht vorhanden ist, schafft Dahmen-Ingenhoven mit großflächigen Spiegeln die perfekte optische Illusion. So sucht man das Gäste-WC schon mal vergeblich, weil es sich hinter einer Spielwand befindet. „Schön ist es, wenn hinter der ersten Welt noch eine zweite auftaucht, die man nicht vermutet hat. Fließende Räume ohne Fugen, die nicht begrenzen, nicht rastern … Architektur und Design sind eine lohnenswerte Aufgabe, weil sie viel mit dem Menschen zu tun haben. Dabei ist die Atmosphäre für das Wohlbefinden entscheidend. Farben setze ich zum Beispiel gerne als Lockmittel für das Auge ein. Innenwelten liegen mir besonders am Herzen, wenngleich ich auch ein Fabrikgebäude für das Unternehmen Swarovski entworfen habe. Ich habe die Werkshalle von Swarovski mit einem Schleier versehen, der eine märchenhafte Atmosphäre erzeugt“.

Nach ihrem Studium in Aachen wurde sie als Meisterschülerin in die Klasse von Ernst Kasper an der Kunstakademie Düsseldorf aufgenommen. Eine besondere Ehre, nur zwei Studentinnen befanden sich damals in der 20-köpfigen Meisterklasse der Baukunst. Jeden Dienstag wurde im kleinen Akademiekreis über das Thema Städtebau debattiert. Wie soll eine Stadt aussehen, damit ideale Bedingungen für Menschen geschaffen werden? Form follows fun, dass ist bis heute ihr Motto.

Architektur soll Atmosphäre schaffen, freundlich stimmen, den Menschen mit offenen Armen empfangen und zur Kommunikation einladen. Deshalb ist der wichtigste Platz für Dahmen-Ingenhoven auch ihr Esstisch. „Das Haus selbst war nicht attraktiv, aber ich war mir sicher, dass ich daraus etwas machen kann, in dem ich mich wohlfühle. Aus einer trüben 80iger-Jahre-Tristesse-Einrichtung, ist ein helles, freundliches Heim entstanden. Der Küchentisch ist das Zentrum meines Hauses, deshalb ist er auch so groß. Hier habe ich Platz für meine fünf Kinder, ihre Partner, zunehmende Enkelkinder, meine Eltern, unsere Familie. Er ist ein multifunktionales Möbelstück. Die Tiere am Ende des Tisches sind eine Verbindung zu meinen Kindern. Mein jüngster Sohn ist 17 Jahre und lebt noch bei mir“, erklärt die Architektin.

„Wenn die Welt an Schönheit verliert, verliert sie ihre Seele. Architektur und Design waren und sind immer schon Parameter für den Zustand einer Gesellschaft.“

Durch ihre Kinder kam sie zu den Dingen, mit denen sich ihr Büro auch noch heute beschäftigt. Durch die Konzeption und Inszenierung von Räumen Wohlbefinden auslösen, so ihr Credo. Sie war vor mehr als 20 Jahren eine der ersten Architektinnen, die Kinderarztpraxen kindgerecht designten. Warme Farben, durchdachte Möbelkonzepte. Zum Beispiel Untersuchungstische, die Kinder spielerisch erklimmen können. Raumerlebnisse für Kinder schaffen, sodass ein Arztbesuch nicht zu einem negativen Erlebnis wird. Daraus entstanden weitere Projekte, wie die Außengestaltung der Swarovski Zentrale in Österreich, ein Shopkonzept für das Modelabel Allude oder verschiedene Projekte für die Gesundheitsresorts Lanserhof. Dabei geht es nicht um Exklusivität oder Luxus, sondern um ganz einfache Dinge, die sie auch in ihrem Zuhause umsetzt. Das kann zum Beispiel auch eine Bücherwand sein. „Alleine das haptische Erlebnis, ein Buch in die Hand zu nehmen, macht mir Freude. Ich liebe Papier. 

Das geht nicht so schnell, die Seiten wechseln nicht so schnell. Ich genieße es, ein schönes Bild zu betrachten“, Schwärmt Dahmen-Ingenhoven. Schönheit spielt für die Düsseldorferin eine essenzielle Rolle in der Architektur. Auch deshalb ist sie ihrer Heimatstadt immer treu geblieben und wollte nie woanders leben: „Düsseldorf ist von der Größe eine sehr humane Stadt. Ich möchte nicht in New York leben, wo man keinen Vogel hört. Ich mag die Grünflächen. Die Idee der Stadt, die Achse am Rhein konsequent durchzuziehen, ist sehr gelungen. Flanieren, spazieren, an der Luft sein, das funktioniert hier sehr gut. Ich liebe die vielen Kirchen in der Stadt, die Altstadt, den Carlsplatz, die Tonhalle und die Kunstakademie. Das sind aus architektonischer Sicht alles Plätze und Gebäude, die den Menschen Freude bringen sollen, wenn sich Menschen in ihnen aufhalten. Nicht umsonst heißt es Baukunst.“

Klar, hell, freundlich und kommunikativ. So haben wir Dr. Regina Dahmen-Ingenhoven auch während unseres Besuchs wahrgenommen. 

www.drdi.de

Text: Britt Wandhöfer| Fotos: Jens Schneider

 

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