Über den Dächern der Königsallee

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2019

Autor: Dagmar Haas-Pilwat
Fotos: Melanie Zanin

Der Blick über die Königsallee ist ihr vertraut. Im Haus mit der Nummer 42 ist sie aufgewachsen – unten war schon immer das traditionsreiche Geschäft „Porzellanhaus Franzen“, und in den oberen Etagen hat die Familie gewohnt – die Großeltern, die Eltern und bis zu ihrem zehnten Lebensjahr auch Steffi Kluth-Franzen. 

Ihre Vorfahren zogen 1911 von der Benrather Straße, Ecke Carlsplatz an die Kö und kauften das Wohngeschäftshaus – zu Kaisers Zeiten, kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs. „Sie glaubten daran, dass die Allee eines Tages tonangebend sein würde“, sagt Steffi Kluth-Franzen. Zusammen mit ihrem Bruder Peter (34) und ihrem Onkel Claus Franzen führt sie nun als geschäftsführende Gesellschafterin – unterstützt von Hermann und Marietta Franzen – in der vierten Generation das 1820 gegründete Familienunternehmen. 

Vor 15 Jahren hat sich die inzwischen 48-Jährige wieder auf der Kö niedergelassen. Mit ihrem Mann Peter Kluth (Rechtsanwalt) und den beiden Söhnen (18 und 16) lebt sie in den beiden oberen Etagen des stattlichen Gebäudes. „Es ist herrlich, hier mitten im Geschehen zu wohnen auf einer der schönsten Straßen Europas“, sagt Steffi (so nennen sie alle). Von ihrer Terrasse aus genießt die groß gewachsene, schlanke Lady die Aussicht auf den Boulevard und den von Kastanienbäumen gesäumten Stadtgraben. In der Ferne sind Andreas- und Lambertuskirche zu sehen, der Kaufhof an der Kö, das Wilhelm-Marx-Haus, der Fernmeldeturm scheinen zum Greifen nah. 

„Mein Vater bat die Angestellten, mich nicht mit Samthandschuhen anzufassen“

Steffi Kluth-Franzen ist voller Stolz auf die Straße, die ihre Kindheit prägte, ihr damals Spielplatz war und nun die Chance bietet, aus der Tradition Neues zu schaffen. Sie trägt einen „Markennamen“, der weit über Düsseldorfs Prachtmeile hinaus einen guten Klang hat. Hineingeboren in eine Firma, in der Fleiß und Disziplin das Leben bestimmten, weiß sie sehr genau, wie hoch die Messlatte liegt – und hat es doch gewagt, als Nachfolgerin ihres Vaters Hermann Verantwortung zu übernehmen. Sie findet es wunderbar, Bestehendes weiterzuführen und eigene Akzente zu setzen. „Wir, mein Bruder und ich, haben uns als Teenager hochgedient – vom Lager zum Verkauf bis an die Kasse“, sagt die Düsseldorferin. Geschenkt wurde ihr nichts. „Im Gegenteil. Mein Vater bat die Angestellten, mich nicht mit Samthandschuhen anzufassen.“

Nach dem Abitur am „Comenius“ hat sie Kommunikationswissenschaft studiert, später in New York und Los Angeles unter anderem für das französische Luxuslabel Lalique gearbeitet. Wenn ihr persönlicher Geschmack in den 80ern/90ern auch viel strenger und moderner als die Traditionsmarken war, so hatte sie während der Lehre im Familien-unternehmen doch Blut gelckt. Sie hat sich eine Nische erobert und aufs moderne Design konzentriert. Klare Formen und Linien sind ihr Metier, was sich auch im Privaten widerspiegelt. Heute stellt die 48-Jährige besonders für ihr stilbewusstes Gespür einen unersetzlichen Teil der inhabergeführten Firma dar. 

In der großzügig angelegten Wohnung erinnert nichts an vergangene Zeiten, als Opa Hermann Franzen dort eine Art Museum mit Wandtellern und Keramikobjekten aller Art eingerichtet hatte. „Wir haben alles umgekrempelt, das Dach geöffnet, Balken freigelegt, Fensterfronten geschaffen, Wände versetzt, einen Erker eingebaut, jeder Raum wurde komplett neu gestaltet“, erzählt die Hausherrin. Während im vierten Stockwerk die Schlafräume und Bäder sind, wird unterm Dach gelebt, gekocht, gegessen, gefeiert. Küche-, Ess- und Wohnzimmer gehen nahtlos ineinander über, alles ist offen – und die Handschrift der Hausherrin unverkennbar.

Steffi Kluth-Franzen ist ein aufgeräumter Typ, Unordnung ist ihr ein Gräuel. Die Einrichtung ist puristisch, lebt von ausgesuchten Designmöbeln und einem klaren Farbkonzept in Schwarz, Grau und Weiß, allenfalls durchbrochen durch Farbkleckse in Rot und Orange. Bereits der Treppenaufgang ins lichtdurchflutete Dachgeschoss fällt mit seiner breit gestreiften Schwarz-Weiß-Tapete ins Auge. 

Wir haben alles umgekrempelt, jeder Raum wurde komplett neu gestaltet“

In den farbigen Boxen und auf dem schwarzen Sideboard von Piure, auf dem Kaminsims und in der Küche stehen lieb gewonnene Erinnerungen aus Porzellan und Glas: Ihre Herzensstücke sind die berühmten „Hentschelkinder“, die der Meißener Jugendstilkünstler Julius Konrad Hentschel aus Porzellan geschaffen hat. Kostbar sind die Unikate auch deshalb, weil jedes ganz individuell die Gravur der Namen und Geburtsdaten ihrer Söhne Maximilian und Laurenz trägt. Da sie ein Fan von Symmetrie ist, gibt es alle Objekte, Windlichter, die von der Großmutter geerbten Nymphenburg-Figuren, die großen Duftkerzen von Baobab, die schwarzen Lalique-Vasen, stets als Paar – mit Ausnahmen wie der stets mit frischen Blumen gefüllten Venini-Vase aus rotem Muranoglas, den drei bunten Affen, die nichts hören, sagen und sehen, in Lila, Rot und Orange über dem Kamin und den drei schwarzen auf der Anrichte.

Wer im Porzellanhaus aufgewachsen ist, der lebt Tischkultur. Keine Frage, dass die feinen Sachen von Meißen, KPM (Königlich Preußische Porzellanmanufaktur) und Nymphenburg, von Christofle und Venini ganz selbstverständlich zum Haushalt gehören. Doch so wie sich das Geschäft, das mit Porzellan begann, in ein modernes Lifestyle-Atelier verwandelt hat – so mixt die Hausherrin Tradition mit neuen Ideen. Sie liebt das Spiel der Gegensätze und zelebriert eine neue, lässigere Art von Luxus. „Ich habe gern und oft Gäste“, erzählt sie, wenngleich sie lieber den Tisch deckt, als in der Wohnküche am Herd zu stehen. „Kochen zählt eindeutig nicht zu meinen Stärken“, verrät sie schmunzelnd.

Zum Frühstück wird das rot-weiße Geschirr von Hermès aus der Serie Balcon du Guadalquivir aufgetischt, im Schrank findet sich auch ein schlichtes weißes Porzellan von Dibbern. Die goldenen Champagnerbecher von Sieger stehen neben dem schwarzen Gluckigluck – einer Karaffe in Form eines Fisches. Das Besondere ist, dass der Krug aufgrund seines Designs ein glucksendes Geräusch von sich gibt, wenn man ihn füllt oder ein Glas Wasser ausschenkt. Ein besonderes Paar an Wasserkrügen wurde übrigens 1958 für Königin Elizabeth II. und Prinz Philip geschaffen. Steffi Kluth-Franzen mag es unprätentiös und bequem – so wie das gemütliche graue Sofa, die Loungemöbel auf der Terrasse oder die Ledersitzbänke von Girsberger am großen schwarzen Esstisch.

Dort hat sie auch die leuchtend roten haltbaren Rosenblüten der Flower Box von Ivoryi aus Düsseldorf arrangiert.Das Mobiliar ist so ausgesucht wie die zeitgenössische Kunst an den Wänden: die farbenfrohen 3D-Wandskulpturen oder der rote Kussmund von David Gerstein, das Bild „Forget the old Pop“ von Jörg Döring und die großformatige Fotografie von Ralf Caspers. Dazwischen finden sich Familienfotos, Muttertagsherzen der Söhne und aus der Manufaktur Meissen der kostbare von Hand gefertigte und bemalte Baron von Münchhausen, der auf seiner Kanonenkugel davonfliegt. - Jedes Unikat erzählt seine eigene Geschichte und ist lieb gewordenes Erinnerungsstück. 

 

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