Textile Wertanlage

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2019

Text: Katharina Pfannkuch

 

Kleider und Luxus-Handtaschen von Prominenten erzielen auf Auktionen schwindelerregende Preise, der Handel mit Vintage-Haute-Couture floriert. Mode gilt immer öfter als die schönere Alternative zu Wertpapieren, Fonds und Co. Eine der bekanntesten Modesammlerinnen stammt aus Düsseldorf: Monika Gottlieb weiß, wo textile Schätze zu finden sind.

 

Wie viel kostet die teuerste Handtasche der Welt? 338.000 Euro. Für diese stolze Summe kam 2017 beim Auktionshaus Christie’s in Hongkong eine Hermès-Tasche unter den Hammer. Aber natürlich nicht irgendeine: Die „Himalaya“, 2014 aus grau-weiß gefärbtem Krokodilleder hergestellt, hat einen mit 205 Diamanten besetzten Henkel, Schnallen aus 18-karätigem Gold und ist eines von extrem wenigen Exemplaren weltweit. Eigentlich lautet das klassische Secondhandprinzip ja, Gebrauchtes günstiger zu verkaufen. Doch immer wieder schießen Preise für Stücke aus zweiter Hand aus limitierten Sondereditionen und Kollaborationen in die Höhe. 2015 etwa erzielte ein Balenciaga-Kleid auf einer Sotheby’s-Auktion mit 56.250 Euro das Siebenfache des Schätzpreises. Je seltener ein Stück ist, desto teurer lässt es sich offenbar wieder verkaufen.

Vermeintliche Faustregeln wie diese bringen Monika Gottlieb zum Schmunzeln. „Wenn man den möglichen Wiederverkaufswert so einfach kalkulieren könnte, wären wir wohl alle Millionäre“, sagt die Düsseldorferin, die eine der bedeutendsten Sammlungen aus Haute Couture und Prêt-à-porter-Mode, Accessoires und Schmuck in Deutschland aufgebaut hat. Ihre Liebe zu schönen Dingen begann schon als Kind im 1926 gegründeten Geschäft ihrer Eltern nahe der Kö. Hier gab es Parfum, Lederwaren, Schuhe und Schmuck von Modeschöpfern wie Dior, Pucci und Givenchy. Sie entfachten Gottliebs Begeisterung für Mode, Accessoires und die Geschichte dahinter. Ihr Erspartes steckte sie in Schönes; Geschenke und Erbstücke bewahrte sie sorgsam auf. So entstand  im Laufe der Jahrzehnte eine Sammlung, aus der immer wieder Teile den Weg in Ausstellungen finden, zuletzt im Museum of Style Icons im irischen Kildare.

 

„In Frankreich ist Mode auf dem Auktionsmarkt schon immer präsent.“

 

Was alle Kunden hier schätzen, ist das fundierte Know-how, die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten, die individuelle Beratung, das innovative Denken und die reele Handwerkskunst. „Anders als industriell gefertigte Bücher, bei denen die Seiten im Schnellbindeverfahren mit Metallklammern eingequetscht oder mit Heißkleber gebunden werden, der schnell unansehnlich gelb und brüchig wird, werden unsere so produziert, dass sie ganze Generationen überdauern“, erläutern die Buchbindermeisterinnen. „Wir machen Bücher, die bleiben.“ Zum Einsatz kommen meist tradierte Materialien wie Büttenpapier, Pergament, Holz, Acryl, Metall, Leder, Leinen und Samt, aber auch moderne, oberflächenbehandelte und damit äußerst strapazierfähige Papiere sowie auf Wunsch auch Exklusives wie Elefantenhaut. Jeder Einband kann mit einem Titel in Gold, Silber oder diversen Farben und verschiedenen Typografien geprägt werden. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Gefalzt wird noch von Hand mit Falzbein am Tisch, geheftet mit Nadel und Faden. Neben Ulrike Meysemeyer sorgen neun Fachkräfte, darunter auch eine Spezialistin für die Restaurierung historischer Bücher, plus einige Auszubildende für das hohe Qualitätsniveau des Hauses.

 

„Unsere Bücher werden so produziert, dass sie ganze Generationen überdauern.“

 

 

Viele ihrer Schätze fand und findet Gottlieb auf Mode-auktionen. Potenziellen Profit hat sie dabei aber nie im Sinn: „Ich überlege nicht, ob ein Kleid oder ein Accessoire ein Sammelobjekt sein könnte oder sich wertsteigernd verkaufen ließe. Ich kaufe, wenn mir etwas wirklich gefällt – und wenn der Preis gerechtfertigt ist.“ Das kann auch Ansichtssache sein. Denn der Wert von Vintage-Kleidung ergibt sich nicht nur aus Material, Zustand, Marke und Seltenheit. Das beweisen Auktionen, auf denen die Garderobe von Prominenten versteigert wird, wie erst kürzlich bei Christie’s in Paris. Dort wurden Entwürfe von Yves Saint Laurent aus Catherine Deneuves Kleiderschrank versteigert. Auch Monika Gottlieb war da, aus Neugier. Vor allem Bewunderer der Schauspielerin ersteigerten Deneuves Kleidung, überwiegend Prêt-à-porter, also keine Einzelstücke. Ein Mantel, der in Deutschland einst 1.200 Mark kostete, fand für rund 29.000 Euro einen neuen Besitzer. „Wer vor allem an einer Wertsteigerung interessiert ist, sollte sich nach Mode von prominenten Testimonials umschauen,“ meint auch Katrin Stoll, Leiterin des Münchner Auktionshauses Neumeister: „Wie auf dem Kunstmarkt zählen auch hier Namen und Marken.“ 2008 übernahm sie das Traditionshaus und veranstaltete bereits ein Jahr später die erste, viel beachtete Vintage-Mode-Auktion. Damit gehört Stoll zu den Pionierinnen in Deutschland. Im Juli kam bei Neumeister erneut Vintage-Mode unter den Hammer, diesmal Haute Couture. Auch Stücke aus Monika Gottliebs Sammlung waren dabei. Wieder war das mediale Echo groß. Stoll nahm im Zuge ihrer Ausbildung an Auktionen des renommierten Pariser Auktionshauses Hôtel Drouot teil, das Mode schon lange im Programm hat. In Deutschland sieht sie Nachholbedarf: „In Frankreich ist Mode ein ganz selbstverständlicher Teil der gelebten Kultur und auf dem Auktionsmarkt schon immer präsent.“ Mode sei ein Botschafter, bestimmte Key-Pieces stünden für ganze Epochen. Der legendäre Pillbox-Hut etwa, den vor allem Jackie Kennedy in den frühen 60er-Jahren populär machte, rufe unweigerlich Gedanken an diedamalige Zeit und die sie prägenden gesellschaftlichen und politischen Themen wach. Auch deshalb seien immer mehr Museen unter den Kunden. Das wiederum stärke den Markt: „Wenn Mode auch museal gewürdigt wird, erfährt sie eine andere gesellschaftliche Aufwertung“, so Stoll. 

 

„Wenn Mode museal gewürdigt wird, erfährt sie eine andere gesellschaftliche Aufwertung.“

 

Die geht aber nicht immer mit einer finanziellen Aufwertung einher. Um den Luxus-Vintage-Markt zu verstehen, braucht es laut Gottlieb vor allem profunde Kenntnisse: „Ein Dior-Etikett allein sagt noch nicht viel über den Wert aus.“ Ganze Bücher und Webseiten widmen sich Mode-Etiketten im Wandel der Zeit. Eine Liebhaberin wie sie erkenne und schätze aber auch ein Original, aus dem der Vorbesitzer das Etikett herausgeschnitten hat – wenn Stoff, Schnitt und Qualität überzeugen. Nicht nur Erfahrung, auch Wissen sei wichtig: „Ich lese fast jeden Tag über Mode und lerne noch immer dazu.“ So erklären sich dann auch die enormen Ausmaße von Gottliebs Büchersammlung. Mit so viel Erfahrung ausgestattet stöbert sie auch über Antiquitäten- und Flohmärkte, die jenseits der Prachtboulevards liegen. „Zeit und Mühe muss man schon investieren – aber das macht ja auch wahnsinnig viel Spaß!“

Das sehen offensichtlich immer mehr Menschen so. Und zwar weltweit: Bei ihrer jüngsten Modeauktion habe sie an Kunden in 21 Staaten verkauft, erzählt Neumeister-Leiterin Katrin Stoll, von Finnland bis Hongkong. „Es ist ein globaler Markt“, so Stoll. Und ein vielseitiger. Die einen investieren aus purer Begeisterung für das Haute-Couture-Handwerk in hochwertige Einzelstücke, die anderen sind auf der Suche nach etwas aus dem Kleiderschrank ihres Idols und wieder andere stecken ihr Geld mit Blick auf eine hohe Rendite in limitierte Sondereditionen. Es muss ja nicht gleich eine Himalaya-Birkin sein. •

 

Netzwerk des globalen Luxus-Vintage-Marktes

 

London
Kerry Taylor 
Eine der wichtigsten Mode-Auktionatorinnen der Welt, arbeitete als Expertin für historische Textilien und Auktionatorin bei Sotheby’s, bis sie 2003 „Kerry Taylor Auctions“ in London gründete.

Los Angeles
Cameron Silver
Auch als „König des Vintage“ bekannt, eröffnete 1997 seine Boutique „Decade“ in Los Angeles, ersteigert weltweit Vintage-Haute-Couture und kleidet unter anderem Amal Clooney ein.

Paris
Didier Ludot 
Gründer eines der ersten Secondhandgeschäfte für Haute Couture und Luxus-Vintage-Mode, eröffnet 1983 in Paris.

Hamburg
Peter Kempe
Designer, Berater, Mitgründer von Kuball & Kempe, leidenschaftlicher Modeexperte und Sammler, initiiert Ausstellungen und kuratiert Mode-Auktionen.

Düsseldorf
Monika Gottlieb
Sie stellt immer wieder Teile ihrer Modesammlung für Ausstellungen zur Verfügung, ver- und ersteigert weltweit.

Paris
Mouna Ayoub
Modemäzenin, Schmucksammlerin und dank ihrer ausgeprägten Leidenschaft für Luxus-Shopping auch als „La Richesse“ bekannt, versteigert regelmäßig Stücke aus ihrer Haute-Couture-Sammlung und investiert den Erlös in den Designer-Nachwuchs.

New York
Sandy Schreier
Modehistorikerin und Autorin, ihre Modesammlung wird im kommenden Mai im New Yorker Metropolitan Museum of Art bei der jährlichen Mode-ausstellung gezeigt, die traditionell mit der Met-Gala eröffnet wird.

München
Katrin Stoll
Leiterin des Auktionshauses Neumeister, seit 2009 wird hier auch Vintage-Mode versteigert, damit ist das Haus eines der ersten in Deutschland auf diesem Markt.

 

Onlinebörsen und Übersichten über anstehende Auktionen auf: lot-tissimo.com, invaluable.com, rebelle.com, vestiairecollective.com

Zurück