Schöpfer neuer Welten


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 4/2018

 

"Yeezus, ist der Typ groß!“ Das war mein erster Gedanke, als mir der in Aachen lebende Künstler Tim Berresheim die Hand reicht, als wir uns zum Interview treffen. Eine gewisse Größe haben auch seine Bilder, die Berresheim am Computer gestaltet. Seine Werke kann man in Ausstellungen von Düsseldorf bis New York und Los Angeles bewundern. Unter Insidern der Kunstszene ist Berresheim längst kein Geheimtipp mehr, nicht nur, weil er in den letzten Jahren eine exorbitante Karriere hingelegt hat. Er belebt die Kunstwelt auch mit seinen Gedanken, dahin gehend, dass die Institution Kunst, so wie wir sie kennen, gerade eine neue Ausrichtung erlebt. Ein unscheinbarer Hauseingang, ein langer Gang durch einen Keller, wie wohl jeder zweite in deutschen Städten aussieht. 

„Diese Beschäftigung erschien mir als maximal sinnvoll“

Aber dann kommt etwas, was es mit höchster Wahrscheinlichkeit nur einmal gibt. Die Studios New Amerika, die fast schon sakralen Räumlichkeiten des Bildermachers Tim Berresheim. Bildermacher, so nennt er sich selber. „Ich arbeite an einer ästhetischen Praxis mit hoher Kunstähnlichkeit“, sagt Tim Berresheim. Denn die Frage danach, was Kunst denn eigentlich ist, sein soll oder sein will oder in Zukunft sein wird, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Durch den Computer erfährt die Kunst Möglichkeiten, die unendlich sind, Möglichkeiten, die aufgrund ihrer Unendlichkeit nicht wirklich greifbar sind. „Es gibt diese eine Wahrheit nicht mehr, auch nicht in der Kunst. Es gibt Zehntausende. Es geht um Multiperspektivität. Genau das versuche ich in meiner ästhetischen Praxis umzusetzen.“

Bis es zum Wow-Erlebnis kam, das Berresheim schließlich zum Bildermacher machte, schwebte er zwischen den irdischen Galaxien. Laut eigener Aussage verbrachte er die Zeit bis zu seinem 25. Lebensjahr damit, Punkkonzerte zu besuchen und Dosenbier zu trinken, bis er Burkhard Driest kennenlernte. Dieser wurde sein Mentor und sorgte für die Einsicht, dass man mit Arbeit und viel Fleiß im Leben weiter kommen kann als mit seinem vorherigen Lebensentwurf: „Ich habe danach in einer sogenannten Orientierungsklasse beim Künstler Hartmut Neumann Bilder an eine Tafel gemalt und da ist der Groschen bei mir komplett gefallen. Diese Beschäftigung erschien mir maximal sinnvoll.“ Zu Beginn wandte er sich dem Computer eher aus Instinkt zu, nachher machte er ein Modell daraus.

Tim Berresheim sieht die Kunst heute inmitten einer Transit-situation und beschäftigt sich damit, was aktuell als Moderne bezeichnet werden kann. Als Jugendlicher nahm er die Kunst immer als abgeschlossenes System wahr, aber das seit Jahrhunderten aufrechtgehaltene System bekommt aus allen Richtungen neuen Input. „Die Kunstgeschichte und die Geschichte der Bilder ist rappelvoll, das geht jetzt schon seit einigen Jahrhunderten so. Dann kommt da plötzlich der Computer als Werkzeug dazu. Damit eröffnen sich völlig neue Möglichkeiten.“ Möchte man Berresheim bei seiner Arbeit porträtieren, kann man eben kein Foto machen, das ihn mit Pinsel und Kittel vor einer großen Leinwand zeigt. Sein Arbeitsplatz ist der Computer und den benutzen auch Bankangestellte und Immobilienmakler, nur kommt am Ende etwas völlig anderes dabei heraus.

„Es gibt keine vorgefundenen Objekte, es ist einfach das unendliche Nichts“

„Ich arbeite mit einem 3D-Programm. Ich schaue in eine zentralperspektivische zweidimensionale Abbildung des dreidimensionalen Raumes. Ich kann mich da komplett frei bewegen, es gibt keine Verortung. Es gibt keine vorgefundenen Objekte, es ist einfach das unendliche Nichts, ich kann mich in jede Richtung unendlich bewegen. Damit ich mich nicht komplett verliere, stelle ich mir meine Umgebung immer als Bühnensituation vor. So existiert eine Rückwand, auf der man Dinge passieren lassen kann“, beschreibt Berresheim seine Arbeit.

Seine Bilder haben unterschiedliche Preise, auch wenn sie die gleiche Größe haben. Das liegt nicht daran, dass ein Bild für ihn mehr Wert hat als das andere, sondern daran, dass seine Bilder unterschiedliche Render- und Rechenzeiten haben. Ein Bild braucht sechs Stunden, das andere zwei Wochen. Das eine ist mit einem Laserscanner gemacht worden, der allein schon 70.000 Euro kostet. Berresheim legt seine Prozesse offen, erklärt Sammlern und Käufern, warum seine Bilder wie viel kosten. Das Bild „Tarnen & Täuschen (tl;dr) SOS Portrait III (Viscid)“ von Tim Berresheim, das das Ludwig Forum angekauft hat, brauchte sogar die Hilfe schwedischer Server.

„Die Kunst hat das Hoheitsgebiet, dass etwas absolut Unökonomisches passieren darf“

„Unser Rekord waren 600 Rechner, die über sechs Tage an einem Bild gerechnet haben. Die Rechner stehen im schwedischen Trollhättan, wir haben 81.000 CPU-Stunden an einem Bild verballert. Zum Glück hat die Kunst ja das Hoheitsgebiet, dass etwas absolut Unökonomisches passieren darf. Die RWTH Aachen hat sich den Datensatz des Bildes genommen und eine Virtual Reality daraus gemacht. Man konnte den Datensatz des Bildes also begehen.“ Das hat nun wirklich nichts mehr mit dem landläufigen Gedanken zu tun, der einem in den Sinn kommt, wenn man an jemanden denkt, der Bilder kreiert. Pinsel, Stift und Leinwand kommen dabei nicht zum Einsatz. Durch seine diversen Ausstellungen spielt Düsseldorf für den Erschaffer immer schon eine besondere Rolle.

„In dieser Stadt ist mir sehr viel Liebe und Wärme entgegengebracht worden. Wenn ich meine Ausstellungen im Kunstverein und in Galerien gemacht habe, war das jedes Mal ein ganz tolles Erlebnis für mich, der Austausch mit den Menschen vor Ort war immer unglaublich herzlich“, schwärmt der 43-Jährige. Tim Berresheim ist der Meinung, dass das klassische System Kunst in einigen Jahren nicht mehr in der Form, wie wir es heute kennen, existieren wird. Nun, das wäre nicht das erste Mal, dass der Computer etwas damit zu tun hat, dass vermeintlich in Stein gemeißelte Strukturen und Organisationen umdenken, sich neu erfinden oder völlig neue Wege gehen müssen. 

 

TIM Berresheim

Er wurde am 26. Februar 1975 in Heinsberg geboren.

Tim Berresheim lebt und arbeitet in Aachen als Künstler, Musiker, Label- und Projektraumbetreiber. Er ist Geschäftsführer der SNA – Studios New Amerika GmbH.

Er ist einer der wichtigsten Protagonisten der zeitgenössischen computergenerierten Kunst. Als international etablierter Künstler stellt er unter anderem in den USA und Brasilien aus. Seine Werke werden weltweit verkauft.

www.timberresheim.de

Fotos:

Robert Eikelpoth, www.eikelpoth.com

Styling:

Julia Franken, www.juliafranken.net

Text:

Britt Wandhöfer

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