Portwein Plädoyer

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 4/2019
Text: Sebastian Bordthäuser

 

Unser KÖNIGSALLEE-Sommelier Sebastian Bordthäuser schmückt in flamboyanten Wortgebilden aus, warum wir alle mehr Portwein konsumieren sollten.

 

Ab dem letztem August-Wochenende werden alljährlich die ersten Lebkuchen und Printen neben Grillkohle und Gartenfackeln in den Supermärkten angeboten. Ich sitze derweil am Schreibtisch und verfasse Empfehlungen zum Osterlamm für die Feiertage 2020. Obwohl es so aussieht, als sei etwas aus den Fugen geraten, folgt es jedoch einem größeren Plan. Damit die Dinge so laufen wie vorgesehen, werden sie von langer Hand geplant und folgen dem antizyklischen Prinzip. Finge der Aachener erst am ersten Advent an, Printen zu backen, er bekäme das Land bis Weihnachten nicht hinreichend versorgt. Das hat zur Folge, dass man sich zu Beginn des Sommers mit Dingen wie Silvestermenüs, den feinsten Champagnern für die Festtage oder dem alljährlich wiederkehrenden Glühweinthema beschäftigen muss. 

Anfragen zu Glühwein weise ich seit einiger Zeit jedoch weit von mir. Was sollte man auch dazu sagen? Der Weihnachtsmarkt ist ein Ort der Geselligkeit, der Zusammenkunft und des Frohsinns. Auch wenn man in den letzten Jahren dort im T-Shirt auflaufen konnte, ist der Besuch für viele Menschen Pflicht. Und ein Becher Glühwein gehört eben dazu. Oder fünf. Was gibt es also Jahr für Jahr darüber zu berichten? Ob Sensationsjournalismus, der überall Abzocke wittert, oder die Geschmackstests, bei denen man sich von Bude zu Bude trinkt: Es ändert nichts. Natürlich ist die Qualität lausig, denn für Glühwein werden billigste Grundweine aus EU-Überschussproduktion mit künstlichen Aromastoffen und jeder Menge Zucker versetzt. Eine Scheibe Orange dazu, und fertig ist der Zaubertrank. Echte Gewürze sind natürlich Fehlanzeige, da die teurer sind als der Wein und die Margen derart einbrechen ließen, dass alle Glühweinverkäufer kollektiv verarmen würden. Letztes Jahr blieb der Becherpreis knapp unterhalb der Schallmauer von 4,00 Euro, wobei Düsseldorf mit durchschnittlich 3,75 Euro an bundesdeutscher Spitze lag. Wo soll das enden? Kann man sich jetzt bereits die Schlagzeilen vorstellen. Meine Antwort darauf ist seit Jahren dieselbe: bei Portwein.


„Ein unangefochtener Klassiker mit ramponiertem Image.“

 

Portwein ist ein unangefochtener Klassiker der Weinwelt, dessen Image leider völlig ramponiert ist. Dabei ist Portwein ein freundliches Getränk und zählt zu den ältesten geschützten Produkten der Welt. Zum Schutze der Qualität wurden im Jahre 1756 Gesetze erlassen, die seine Herstellung streng reglementieren. Nachdem zunehmend Fälschungen mit zugegebenem Holundersaft den Markt kurzfristig einbrechen ließen, wurden kurzerhand sämtliche Holunderbüsche im Douro als Folge dieses Reglements gerodet. Der weltweite Ruf des Portweins als „Englishmen Wine“ liegt begründet in den Handelskriegen zwischen England und Frankreich, die den Nachschub an französischer Ware versiegen ließen und die ewig durstigen Briten zwangen, nach einer Alternative Ausschau zu halten. Die fanden sie im Douro-Tal, wo Mönche Schnaps in den gärenden Most gaben, was die Weine nicht nur fruchtsüßer, sondern auch stärker und vor allem transportfähiger für die Seereisen machte. Der Siegeszug des Portweins um die Welt begann. 

 

„Rubies zeichnen sich durch ihre Fruchtfülle und ihre Rubinrote Farbe aus.“

 

Der Rubies passt hervorragend zu Blauschlimmelkäse

Portweine zählen zu den langlebigsten Weinen und können weit über 100 Jahre reifen. Noch in den 70er-Jahren existierte keine Hausbar ohne Port, bis das Diktat des trockenen Trinkens das Land überrollte und ihn ins Abseits schickte. Er rutschte ab in unsere kollektive Vergessenheit, die Erinnerung an ihn nun mehr schwarz-weiß denn farbig, allenthalben wird einmal jährlich zu Silvester ein Glas serviert, beim Dinner for One im Fernsehen. Ein beklagenswerter Zustand, der nicht länger haltbar ist. Daher mein flammendes Plädoyer an alle Weihnachtsmarkt- Freunde: Trinkt mehr Port! Eine anständige Flasche Ruby Port eines guten Produzenten ist bereits für unter 10 Euro zu haben und bereitet immense Freude. Rubies zeichnen sich durch ihre Fruchtfülle und ihre rubinrote Farbe aus. Sie sind für den sofortigen Genuss produziert und schmecken toll zu all dem Weihnachtsgebäck, das seit August in den Supermärkten steht. Man muss also nicht mal bis zur Weihnachtsmarkt- Eröffnung warten, sondern kann jetzt schon loslegen. Schokoprinten, Lebkuchen, Dominosteine, ein Paradies in Kombination mit einem Gläschen Ruby Port. Oder fünf. Bezüglich des Preis-Leistungs-Verhältnisses hat der Port hier eindeutig die Nase vorn, denn der Schuss ist bei 20 Prozent bereits mit drin. Noch dazu ist der herkunftsgeschützte Wein immer Produkt eines Portweinhauses und dessen verschiedener Quintas, auf denen die Trauben gewachsen sind. Es wird einem folglich kein namenloser Wein aus Überschussproduktion eingeschenkt, sondern feinste portugiesische Ware aus dem seit 2001 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärten Douro-Tal.

Auch zu Nüssen oder Blauschimmel-käse ist der Ruby die Waffe der Wahl. Wer es würziger und filigraner mag, greift zum Tawny Port. Der erhielt seinen Namen aufgrund seiner rostroten Farbe, die von der längeren Lagerung in kleinen Fässern herrührt. Tawnies duften nach winterlichen Aromen wie Dörrobst, Pfefferkuchen, Orangeat und Tabak. Je älter sie sind, desto trockener werden sie und lassen sich hervorragend zum Essen einsetzen. Die klassische Variante wäre ein Gläschen 20 Jahre alter Tawny zum Rehrücken mit Spitzkohl oder zu geschmorten Bäckchen mit Dörrpflaumen. Aber auch zum Burger mit Bacon oder Chili Cheese, BBQ-Rippchen oder chinesischen, rot lackierten Spezereien wie Char Siu trinken sich Tawnies wie von selbst. Sogar die Aperitifsituation ist eine leichte Aufgabe für den Port und sticht 1:0 gegen den heißen Weißen vom Weihnachtsmarkt: 5 cl weißen Port (Dry oder Extra Dry) in ein Longdrinkglas mit Eis geben und mit dem Tonicwasser der Wahl auffüllen. Passt im Sommer, im Winter, an Silvester oder montagmorgens sowie im Stehen oder im Liegen. Wer seinen inneren Mixologen freilassen möchte, wirft noch einen Zweig Minze und eine Zitronenzeste ins Glas. Egal ob zum Apero, einfach nur so oder mit ein paar Leckereien, Portwein macht immense Freude. Man muss sich nur trauen und die so oft lieb gewonnenen Vorurteile über Bord werfen. Und nicht vergessen: Old School is Gold School. Cheers!

 

 

Die Sommeliers

 

Sebastian Bordthäuser

Er ist studierter Germanist und entschied sich dann doch für die Flasche. Seit 2014 ist er als Weinunterhalter selbstständig und schreibt regelmäßig für die Welt am Sonntag, Effilee, Der Feinschmecker und Meiningers Sommelier-Magazin sowie für zahlreiche andere Genussmagazine. 2017 veröffentlichte er zusammen mit Manuela Rüther das Buch „Wein & Gemüse“ im Fackelträger Verlag, im März 2018 erschien die Sammlung „Die Philosophie des Kochens“ im Mairisch Verlag. Außerdem doziert er an Sommelier- und Hotelfachschulen.

 

Yvonne Hoffmann

Bei dem Düsseldorfer Weinhandel ROTWEISS machte Yvonne Hoffmann ihre Ausbildung, um anschließend die Londoner WSET School zu absolvieren. Sie reiste zwei Jahre um die Welt, um die Weinherstellung auch in der Praxis zu lernen. Heute hat die 32-jährige Sommelière einen kleinen Weinladen in Düsseldorf-Friedrichstadt und leitet die Wine- & Bar-Abteilung des Delikatessenhändlers Bos Food.

 

 

3 Ports zur Auswahl

 

1. Graham’s
THE TAWNY

„The Tawny“, eine Premiummischung mit perfekt ergänzender Weinselektion. Sieben bis neun Jahre reift dieser Tropfen im Holzfass. Perfekt zu Mandel- oder Cremetörtchen. Leicht gekühlt, eröffnet er seine volle Komplexität und Sinnlichkeit, die auch Wochen nach dem Öffnen noch vorhanden ist. Er kommt mit tief goldener Bernsteinfarbe daher und bringt weiche Aromen von gerösteten Mandeln und einen Hauch von Orangenschale und Gewürzen mit. Verführerisch volle Note mit großzügig langem Finish.

 

 

 

2. Graham’s
FINE RUBY

Dieser Portwein ist körperreich mit jugendlicher Frische und attraktiv üppiger Fruchtigkeit. Von dunkler Farbe und intensiv aromatisch, wird dieser Portwein jung abgefüllt, um die Kraft der Früchte zu bewahren – ein unverkennbares Gütezeichen für die Graham Portweine.

 

 

 

 

3. Graham's
SIX GRAPES

„Six Grapes“ spiegelt Graham’s Stil wider, er zeigt sich mit großer Fülle und Komplexität. Für diesen großher-zigen Portwein, der in seiner Qualität einem Vintage-Charakter entspricht, werden nur Trauben der besten Weinberge ausgewählt. Fruchtig, robust und von vorzüglicher Qualität. Im Glas dunkelrot mit verführerischem Parfum von reifen Pflaumen und Kirschen. Am Gaumen komplex, gut strukturiert, mit langem nachklingendem Finish. Bestens zum Menüabschluss mit Nuss- und Schokoladendesserts oder zum kräftigen Käse. Graham’s Port ist einer der führenden Portweinproduzenten in der Wiege des Portweins. Die Familie versteht seit zwei Jahrhunderten, aus den Trauben des Douro-Tales und im idealen mediterranen Klima optimal gereifte Portweine herzustellen.

 

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