PEACEFUL PIANO

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2019

Autor: Susanne Ruprecht
Fotos: Rahi Rezvani

Der Niederländer Joep Beving ist einer der meistgestreamten Pianisten der Welt. Seine ebenso minimalistischen wie melancholischen Kompositionen treffen einen Nerv der Zeit: die Sehnsucht nach Ruhe und Entschleunigung. Soeben erschien sein drittes Album „Henosis“.

„Dass ich von der Musikhochschule geflogen bin, war eine äußerst wichtige Erfahrung.“

EInfache Musik für komplizierte Gefühle – mit diesem Konzept avancierte der Zweimetermann aus Amsterdam binnen kürzester Zeit zum Kultpianisten. Charakteristisch für sein ebenso schlichtes wie traumschönes Spiel ist die Fokussierung auf wenige Tasten. Es geht ihm nicht um technische Virtuosität oder ausgeklügelte Tonfolgen. Vielmehr entwickeln seine eingängigen Motive und kreisenden Strukturen eine meditative Kraft und Tiefe, die ganz unmittelbar berührten. Sanft, filigran, zurückhaltend und federleicht kommen seine Stücke daher. Vor vier Jahren noch kannte ihn niemand, und seine berufliche Beschäftigung mit Musik beschränkte sich auf das Produzieren von Begleitmusik für Werbekampagnen.

Heute erreicht er mit seinen Kompositionen ein Millionenpublikum, tourt um die ganze Welt und konzertiert in so bedeutenden Häusern wie dem Concertgebouw in Amsterdam, dem Opernhaus in Sydney und der Hamburger Elbphilharmonie. „Sehr surreal“, lautet sein Kommentar zu seiner Blitzkarriere. „Ich habe angefangen, Klavier zu spielen, als ich ein kleiner Junge war“, resümiert er seinen Werdegang. „Musik spielte immer schon eine ganz wesentliche Rolle in meinem Leben, aber ich hätte nie gedacht, dass ich gut genug bin, um es damit zu etwas zu bringen.“ In seiner Jugend spielt er in einer Band und studiert später sogar an einer klassischen Musikhochschule. Die muss er aber nach einem Jahr wieder verlassen, weil er mit dem Niveau seiner Kommilitonen einfach nicht mithalten kann. „Das war eine wichtige Erfahrung“, erinnert er sich. „Ich ging befreit und wusste, dass ich nie ein virtuoser Instrumentalist sein würde, aber auch, dass ich unbedingt Musik machen möchte - mehr denn je.“ 

Ein weiteres Schlüsselerlebnis hat er bei einer Geschäftsreise zum „Cannes Lions International Festival of Creativity“, wo die Oscars der Werbebranche vergeben werden. Als er abends im Hotel einige seiner privaten Kompositionen auf dem Flügel zum Besten gibt, haben die Leute plötzlich Tränen in den Augen. „Es war das erste Mal, dass ich sah, was für eine emotionale Wirkung meine Musik haben kann“, erinnert er sich. Als er kurz darauf erneut eigene Werke auf einer Privatparty spielt, ist die Resonanz ähnlich. Derart ermutigt, schreibt er weitere Stücke und nimmt sie in jeweils nur einem Take auf. Meist komponiert er nachts in seiner Küche, wenn alles still ist, während seine Familie schläft. So entsteht auch einer seiner ersten Hits: „Sleeping Lotus“ ist ein zarter Walzer über sein schlafendes Kind, ein Klang gewordenes Staunen über das Wunder des Vaterseins.

„Meine Musik entsteht aus dem Bedürfnis nach Seelenfrieden.“

Sein erstes Album „Solipsism“ produziert er komplett selbst, mehr so nebenbei, nachts in besagter Küche. Die erste Auflage, bestehend aus 1500 Vinylplatten, ist schnell ausverkauft. Vor allem an Freunde. Doch als er einige Stücke auf Spotify einstellt und „The Light She Brings“ dort kurz darauf in die Playlist „Peaceful Piano“ aufgenommen wird, explodiert die Schar seiner Fans schlagartig. „Solipsism“ entwickelt sich in kürzester Zeit zu einem viralen Phänomen – schnell erreicht es ein gigantisches Publikum, inzwischen ist es fast 85 Millionen Mal gestreamt worden. Warum seine Musik einen solchen Hype auslöst? Vielleicht hat es mit dem existenztiellen Gestus zu tun, der ihr innewohnt. „Ich suche nach der Wahrheit. Ich möchte verstehen, was uns antreibt, was der Sinn des Lebens ist“, benennt er seine Motivation. Und: „Die Welt ist zurzeit ein hektischer Ort.

Meine Musik entsteht aus meinem persönlichen Bedürfnis nach Seelenfrieden und der Ruhe des Geistes. Viele Menschen sind offenbar auf der Suche nach solch friedlicher Musik.“ So einfach kann das sein. Genau wie Bevings Musik.Nächster Meilenstein seiner Karriere ist die Begegnung mit dem Produzenten Christian Badzura von der Deutschen Grammophon, einem der bedeutendsten Klassiklabel der Welt. Badzura hört Bevings Musik zufällig um zwei Uhr morgens beim Nachtschwärmen zwischen Zigarettenrauch und Moscow Mules in einer Berliner Bar. Sofort nimmt er Kontakt zu ihm auf, ihr anschließendes Gespräch besiegeln sie umgehend mit einem Vertrag. Bei Grammophon produziert Beving sein zweites Album „Prehension“. Es führt die Themen aus „So-lipsism“ fort. Er reagiere hier „auf die absolute Verrücktheit der Dinge, die um uns herum geschehen“, erläutert Beving.

„Wir fühlen uns so unbedeutend und machtlos, dass wir uns von der Realität und den Menschen um uns entfremden, weil es unmöglich ist, diese Verrücktheit zu begreifen. Ich schreibe einfach, was mir schön erscheint und versuche, uns mit etwas zu verbinden, das schlicht und ehrlich ist.” In seinem Remix-Album „Conatus" erklingen die Stücke seiner ersten beiden Alben in einer Bearbeitung anderer renommierter Musiker. Statt tiefer Bauchatmung provozieren sie nun eher Dringlichkeit. Es dominieren elektronische Klangräume, Geräuschkulissen und Atmosphären. Mit „Henosis“ schließlich, das im April 2019 erschien, vollendet Beving seine Album-Triologie. Es markiert das Ende einer intensiven vierjährigen persönlichen, spirituellen und philosophischen Forschungsreise. Erstmals kommen hier auch andere Instrumente und elektronische Elemente zum Einsatz. Während sein Debütalbum „Solipsism“ das Menschsein an sich untersucht und „Prehension“ sich vom Individuum zum Kollektiv vortastet, verhandelt „Henosis“ die Suche nach der ultimativen Realität.

Seine zweite Single daraus „Unus Mundus” etwa beschreibt das Konzept einer allem zugrunde liegenden einheitlichen Realität, aus der alles entsteht und zu der alles zurückkehrt. Beving betrachtet sich selbst als spirituelle Person und ist überzeugt: „Neben dem rationalen Verstand, dem Wissen des Geistes, gibt es ein inneres Wissen, das mit allem um uns herum verbunden zu sein scheint und nur mit dem Herzen verstanden werden kann.“Stilistisch erinnert „Henosis“ an seine vorherigen Werke, entwickelt sich jedoch sowohl melodisch als auch harmonisch zu jenseitigen und mehrdeutigen Sphären. „Mein neues Album ist immer noch nicht übermäßig komplex, obwohl es mehrschichtig und manchmal sogar ein bisschen experimentell ist“, so Beving. „Es ging mir in meinem Gesamtwerk vor allem um die Erforschung des Inneren. Und ich möchte den Menschen einen Raum geben, in dem sie zumindest einige Minuten oder Stunden das Gefühl haben, dass alles in Ordnung ist, dass sie verstanden werden oder dass sie einfach nur sein können.“ 

Infobox:

JOEP BEVING

(* 9. Januar 1976 in Doetinchem) 

ist ein niederländischer Pianist und Komponist. Seine Werke werden der Neoklassik zugeschrieben. Er arbeitet zunächst in der Werbung, bis er 2015 durch den Musikstreamingdienst Spotify quasi über Nacht berühmt wird. Heute gilt er als einer der meist-gestreamten Pianisten der Welt. Viele seiner Melodien erinnern an Eric Satie, Frédéric Chopin, Yann Tiersen oder Michael Nyman. Er selbst nennt Philip Glass, Keith Jarret and Arvo Pärt als Künstler, die ihn inspiriert haben. 

www.joepbeving.com

 

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