„Morgen bin ich schon ein ganz anderer Mensch“

An einem Sonntag fiel mir beim Aufräumen ein kleines Büchlein in die Hände. „The World According to Karl“. Eine Zitatensammlung des Modepapstes, der von sich selbst sagt: „Zwischen mir und dem Rest der Welt steht eine Glaswand.“ Damit hat er diese geheimnisvolle Distanz auf den Punkt gebracht, die mich so an ihm fasziniert. Karl Lagerfeld gehört zu den Menschen, die in einen Raum kommen und ihn durch ihre Anwesenheit verändern. Das Licht, die Luft, irgendwie verändert sich die gesamte Atmosphäre. Anlässlich einer TV-Dokumentation über den Modeschöpfer, an der ich mitwirken durfte, teilte ich mir vor vier Jahren mit Karl und einigen anderen Menschen ein Kino. Man könnte es eine magische Aura nennen, aber vielleicht gibt es auch einfach kein Wort dafür. 

Ich bewundere Karl für seine Kreativität und seine Kultiviertheit, das liegt auf der Hand. Ich bewundere ihn aber noch viel mehr für seinen unbändigen Enthusiasmus. Selbstgefälligkeit ist für ihn ein Fremdwort, eine Bremse. Das ist vielleicht auch das Geheimnis seines Erfolgs. Er designt für Chanel und für seine -eigenen Label, ist ständig unterwegs und bringt nebenbei im renommierten Steidl Verlag zwölf Bände Nietzsche-Manuskripte heraus. Diese hat er natürlich alle selbst gelesen. Hallo, wann macht dieser Mann das alles? Ich bewundere Karl aber auch dafür, dass er sagt, was er denkt, und gleichzeitig sagt: „Was ich sage, ist nur gültig, wenn ich es gerade gesagt habe (...). Nehmen Sie das, was ich sage, bitte nicht so ernst. Wenn ich jetzt etwas sage, kann ich mich vielleicht morgen daran nicht mehr erinnern. Morgen bin ich schon ein ganz anderer Mensch.“

Damit entzieht er sich jeder Angriffsfläche, obwohl er sich eigentlich sowieso um nichts schert: „Wie man nachts gut schläft, hat mir meine Mutter schon als Kind beigebracht: Die ganze Welt muss einem egal sein. Dann schläft man sehr gut.“ Karl ist vor allem wegen seiner unzähligen ironischen Kommentare bekannt. Ich kann mir solche Dinge gut merken, deshalb ist Karl so etwas wie mein Alltagsbegleiter. Wenn ich zum Beispiel mal wieder versucht bin, zu viel Geld auszugeben, denke ich an seine Worte: „Man muss das Geld zum Fenster rauswerfen, damit es zur Tür wieder reinkommt.“ Seit ich Mutter zweier Kinder bin, ist Karl mein ständiger Begleiter auf Abendveranstaltungen, denn von ihm stammt dieser großartige Satz: „Wer auf meiner Party über Kinder oder das Wetter redet, wird nicht mehr eingeladen.“ Daran halte ich mich, auch wenn meine Partys dann immer kleiner werden. Auch wenn ich mich ungerecht behandelt fühle im -Straßenverkehr oder im Supermarkt und vielleicht manchmal etwas zu gefühlvoll reagiere, denke ich an Karl:

„Wenn man mich schlecht behandelt, dann habe ich keine christliche Erziehung mehr.“ Und ich denke an ihn im Job, wenn man mich ansieht, als sei ich gestresst. Natürlich bin ich das nicht, denn ebenso wie Lagerfeld weiß ich:„Ich stand nie unter Druck. Stress – kenne ich auch nicht. Ich kenne nur Strass.“ Karl ist ein Genie, inspiriert und entzückt so viele Menschen weltweit. Okay, manche verärgert er auch, aber in der Summe fasziniert und beflügelt er sehr viele Erdenbürger auf die unterschiedlichsten Arten. 

Danke, Karl Otto Lagerfeld.

 

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