Menschen gewinnt man nicht mit Hummerzangen

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 04/2018

Wer „Knigge“ hört, denkt irrtümlich an Benimmregeln. Moritz Freiherr Knigge geht es um weit mehr: um einen gekonnten Umgang miteinander, der allen Beteiligten Freude macht, statt die Angst vor Fehlern zu schüren. Im Interview spricht der Knigge-Nachfahre über Charakterstärke, Gelassenheit und über die Kunst, Menschen zu gewinnen.

 

Sie stammen aus der Familie von Adolph Freiherrn Knigge. Der Name steht seit mehr als 200 Jahren für gutes Benehmen und einen guten Umgang mit Menschen. Wie wurden Sie selbst für dieses Thema sensibilisiert?

Meine Eltern haben uns sicher nicht jeden Abend aus dem berühmten Buch unseres Vorfahren „Über den Umgang mit Menschen“ vorgelesen – aber das Zwischenmenschliche war bei uns schon immer wichtig. Unser Haus war ein offenes Haus. Jeder war willkommen. Ich habe schon in meiner Kindheit und Jugend unterschiedliche Menschen kennen- und den Wert der Gastfreundschaft schätzen gelernt. Zum Beispiel erinnere ich mich daran, dass meine Mutter eines Morgens zum Frühstück kam und mich fragte, wann mein Freund denn aufstehen wolle. Ich fragte: „Welcher Freund?“ „Na der, der oben im Gästezimmer schläft.“ Wie sich herausstellte, war es ein Landstreicher, der sich darüber gefreut hatte, auf eine unverschlossene Haustür zu stoßen und ein Bett vorzufinden. Statt eines Hausverbotes gab es noch ein Frühstück und dann zog der „blinde Passagier“ seiner Wege.

So lernte ich früh, dass gutes Benehmen weniger mit steifen Regeln und strengen Tischsitten zu tun hat, sondern vielmehr mit einer natürlichen Freundlichkeit. Menschen gewinnt man nicht mit Hummerzangen, sondern mit Aufmerksamkeit. Eine freundliche Begrüßung, beim Tischdecken und -abräumen zu helfen und zu sehen, wer den Salzstreuer braucht: Das war bei uns zu Hause wichtig. Wer nicht weiß, dass die Serviette auf den Schoß gehört, der wird dann schon sehen, wie die anderen es machen. Je älter ich wurde, desto mehr merkte ich, wie schief das Bild war, das die meisten Menschen von Knigge hatten, und ich wollte meinen Teil dazu beitragen, dieses Bild geradezurücken. Mein Name steht für erfolgreichen Umgang mit Menschen. Einen Umgang, der allen Freude macht und nicht die Angst vor Fehlern schürt. 

Was sind die Maßstäbe für diesen Umgang? Und inwiefern haben sie sich im Laufe der letzten Jahre oder Jahrzehnte geändert?

Vor über 15 Jahren habe ich mich mit meinem Herzensthema „Menschen gewinnen“ selbstständig gemacht. Auf eine Faustformel gebracht: Angenehme Menschen gewinnen, weil für sie nicht zählt, was ist, sondern wie es gelingt. So wie jene Kassiererin, von der ich lernen durfte, wie eine solche wohlwollende Haltung in der Praxis aussieht. Sie begrüßte einen Kunden, der vor mir in der Schlange stand, freundlich mit „Guten Tag“. Er antwortete nicht. Die Kassiererin scannte seine Einkäufe ein und sagte: „Das macht 15,58 Euro, bitte.“ Der Mann gab ihr wortlos 20 Euro. Die Kassiererin bedankte sich und gab ihm das Wechselgeld, das er wieder stumm entgegennahm. Die Kassiererin blieb ihrer freundlichen Linie treu: „Auf Wiedersehen und einen schönen Tag noch.“ Der Unfreundliche blieb seiner Linie treu und verließ schweigend das Geschäft. >> 

Da drehte sich die Kassiererin zu mir um, begrüßte mich und sagte dann ganz unaufgeregt: „Wahrscheinlich hat er mich nicht gehört.“ Ich mag dieses Erlebnis sehr. Es ist ein Meisterstück an Gelassenheit und Freiheit. Es folgt dem Motto: Ob jemand unfreundlich oder in Gedanken ist – das entscheide allein ich! Wie Pippi Langstrumpf: Machen wir uns doch die Welt so, dass sie uns gefällt. 

Gerade der Umgang im Netz und in den sozialen Medien ist teilweise sehr ruppig geworden. Wie können wir hier wieder zu guten Umgangsformen zurückfinden?

Eine Blaupause dafür, was hier schief-läuft, sind für mich die Kommentare zu Artikeln der großen Nachrichtenportale oder in den sozialen Medien wie Facebook, Youtube und Konsorten. Es scheint zu gelten: Hier kann ich meinen Emotionen freien Lauf lassen, hier kann ich meine Meinung als Wahrheit adeln. Hier stampfe ich jeden in digitalen Grund und Boden, der von meiner Wahrheit abweicht. Ob harmloser Popsong oder große Politik, hier trenne ich die Spreu vom Weizen! In der vermeintlichen Anonymität des Netzes geben viele Vollgas ohne Rücksicht auf Verluste. Ein Gedankenexperiment kann helfen, den Furor zu zähmen: Wenn ich dem anderen von Angesicht zu Angesicht begegnen würde und ihn analog so behandelte wie digital, wie würde sich das anfühlen? Was anderes als eine handfeste Keilerei oder Schlimmeres wäre die Folge?

Was sind im analogen Alltag typische Fauxpas im Umgang miteinander? Und wie erklären Sie sich, dass uns gutes Benehmen bisweilen schwerfällt?

Typisch menschlich ist es, die eigenen Interessen in den Mittelpunkt zu stellen. Unaufmerksamkeit ist nun mal leichter als Aufmerksamkeit. Wie an den Nächsten denken, wenn ich mir selbst der Nächste bin? Wenn ich aber einen Klimmzug über den eigenen Tellerrand mache, sehe ich all die Interessen der anderen, die ich gewinnen kann. Typisch menschlich ist auch, von anderen etwas zu erwarten. Ein Beispiel: Ich gehe auf dem Bürgersteig, der sich plötzlich aufgrund einer Baustelle verengt. Einspurig. Eine zwei Meter lange Holzbrücke. Von der anderen Seite nähert sich ein Mann. „Warte ich halt zwei Sekunden und lasse ihm den Vortritt“, denke ich. Aber Moment mal, geht der plötzlich schneller? Und warum guckt der so unfreundlich? Mit so einer Selbstverständlichkeit im Blick, als wäre das seine Brücke! Na warte, so nicht, Freundchen! Auch ich beschleunige und bin vor ihm an der Brücke. Aber plötzlich bleibt er stehen und winkt mich herüber. Lässt mir den Vortritt.

Habe ich jetzt gewonnen oder verloren? Und warum grinst der so süffisant …? Typisch menschlich ist ebenso, sich von seinem eigenen Heiligenschein blenden zu lassen. Selbst- und Fremdsicht gehen sogar bei besonders aufmerksamen Menschen auseinander. Misslungene Begegnungen sind meist das Ergebnis der fehlenden Einsicht, selbst etwas zum Misslingen beigetragen zu haben: Eine gute Freundin bat mich einmal, über eine Mail zu schauen, bevor sie diese an ihre Vorgesetzte senden würde. „Ganz freundlich und unaufgeregt“ sei diese Mail. „Kritisch klar, aber wohlwollend und kons-truktiv“, meinte sie. Die besagte Mail war in meinen Augen das glatte Gegenteil. Ich habe der Freundin gesagt: „Wenn du einen Menschen verlieren willst, dann schick die Mail ab, wenn du deine Chefin gewinnen willst, schlaf noch mal eine Nacht drüber.“

Wer erfolgreich sein will, muss manchmal mit dem Kopf durch die Wand, glauben viele. Wie sehen Sie das?

Mit dem Kopf durch die Wand – das tut weh. Einem selbst und anderen. Ich glaube, dass ein erfolgreicher Umgang Schmerzen lindert und Freude bringt. Ein Erfolg hingegen, der auf Kosten anderer und der eigenen Menschlichkeit geht, ist ein Scheinriese. Der immer mickriger wird, je näher man ihn betrachtet. Der einsam macht, trotz erklommener Karriereleiter und dickem Portemonnaie. Es sind die Begegnungen, die unserem Leben einen Wert geben, nicht die missachteten Gefühle. Unserer Mitmenschen und unser selbst. Wer
Menschen gewinnt, ist ein Gewinner. Wer Menschen verliert, ein Verlierer. 

www.freiherr-knigge.de 

Über erfolgreichen Umgang und ein besseres Miteinander spricht Moritz Freiherr Knigge auch auf der Bühne. 

Interview: Elena Winter

 

 

 

 

 

 

 

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