Man of the Game


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2019

Die Niederberger sind im Eissport so etwas wie die Schauspielerfamilie Douglas in Hollywood. Vater Andreas Niederberger ist eine Eishockeylegende, seine Tochter Zoe Niederberger ist Eiskunstläuferin und seine Söhne Mathias und Leon spielen erfolgreich bei der Düsseldorfer Eislauf-Gemeinschaft. Leon ist nicht nur DEL-Eishockeyprofi, sondern auch Model und Sänger. KÖNIGSALLEE hat sich mit dem 23-Jährigen im ISS Dome getroffen.

Was möchtest du mal werden, wenn du groß bist? Diese Frage kennt jeder von uns aus Kindertagen. Der Berufswunsch änderte sich beinahe täglich, und als man dann erwachsen war, hatte man sich für etwas ganz anderes entschieden. Nicht so Leon Niederbeuge. „Ich habe noch eine leicht verschwommene Erinnerung daran, als ich drei oder vier Jahre alt war. Da hat mein Vater mich mit zur Brehmstraße genommen. Die erste Mannschaft trainierte gerade. Ich lief zusammen mit Walter Köberle (DEG-Legende) übers Eis. Für mich war immer klar, dass ich das auch mal machen will. Ich habe nie ernsthaft über eine andere Option nachgedacht“, erzählt Niederberger.

Obwohl der Stürmerstar erst 23 Jahre alt ist, weiß er, wovon er redet und was er will. Dass zum Erreichen eines Traums mehr gehört, als nur davon zu träumen, war für ihn von Anfang an klar. Wusste er doch, wie hart sein Vater und später auch sein vier Jahre älterer Bruder Mathias für den Erfolg auf dem Eis gearbeitet hatten.Man muss mit dem aus dem Leistungssport resultierenden Druck umgehen können. Bringt man eine Zeit lang, aus welchen Gründen auch immer, nicht die geforderten Leistungen, kann das das Ende einer noch jungen Karriere bedeuten.

„Ich habe für mich ein Rezept gefunden: Ich fokussiere mich immer nur auf den nächsten Tag und konzentriere mich nur auf die Dinge, die ich selber beeinflussen kann. Sobald du versuchst, etwas um dich herum zu beeinflussen, das du aber nicht beeinflussen kannst, wie zum Beispiel, ob der Trainer sich entscheidet, ob du spielst oder nicht, bist du verloren. Man muss sich dienstags auf sein Training konzentrieren und nicht währenddessen darüber nachdenken, ob der Trainer einen am nächsten Freitag aufstellt“, erklärt Niederberger.

Ein Tag im Leben eines Eishockeyprofis ist streng getaktet. Um 06:30 Uhr klingelt der Wecker, um 8:30 Uhr muss Niederberger im ISS Dome sein. Er beginnt mit Krafttraining. Danach geht es für circa zwei Stunden aufs Eis. Leon hat einen sehr geregelten Tagesablauf, achtet auf seine Ernährung. Mindestens einmal die Woche findet ein Spiel statt, in Düsseldorf oder auswärts. Erst kürzlich wurde er für die Nationalmannschaft nachnominiert. Ein Tempo, bei dem nicht alle mithalten können Die Grundvoraussetzungen waren für ihn bestimmt idealer als bei manch anderen kleinen Jungen, die den Traum vom Eishockeyprofi träumen. Doch auch bei ihm lief nicht immer alles rund und geradeaus. Diese Entwicklungen kann man nicht zu 100 Prozent beeinflussen. Wenn es mal nicht so gut lief, erinnerte sich die Nummer 17 der DEG immer wieder an Momente auf der Brehmstraße.

„Ich war als Kind und Teenager immer im Stadion und habe Daniel Kreutzer (Anm. d. Red. DEG-Legende) zugeschaut. Du guckst dir dann das Spiel an und fragst dich: Was wäre, wenn ich hier irgendwann mal stehen darf? Jetzt ist es so weit. Wenn ich mir das Trikot anziehe und das Vereinswappen ansehe, dann denke ich, so kitschig das auch klingen mag: Ich lebe meinen Traum. Als kleiner Junge wollte ich Eishockeyprofi werden, jetzt bin ich Eishockeyprofi. Der 1,84 große Stürmer liebt die Dynamik, Schnelligkeit und die Körperlichkeit seines Sports. In einer Minute kann so unglaublich viel passieren, was spielentscheidend ist.

Nach Stationen bei den Kölner Haien oder den Moskitos Essen ist Niederberger nun sehr glücklich, für seinen Heimatverein auf dem Eis zu stehen. „Es ist jedes Mal ein überwältigendes Gefühl, wenn man aufs Eis kommt, ich kann das nur schwer in Worte fassen. Wenn 13.500 Menschen im Stadion sind und du hörst, wie die Zuschauer deinen Namen rufen, das ist immer noch und jedes Mal etwas sehr Besonderes. Ich als echter Düsseldorfer kann mich zu 100 Prozent mit dem Verein und der Stadt identifizieren. Für mich ist das mehr, als wenn ich nur das Trikot von irgendeinem Team anziehe. Düsseldorf ist mein Heimatverein, hier habe ich meine Familie und meine Freunde.“ 

„Ich habe nie ernsthaft über eine andere Option nachgedacht“

Seit seiner Schulzeit ist er mit seiner Freundin Sabina zusammen. Nach dem gemeinsamen Abitur widmet er sich seiner Eishockeykarriere und sie studiert Textil- und Bekleidungstechnik. Sabina weiß, wie viel Raum der Beruf ihres Freundes einnimmt, und unterstützt ihn.

„Es ist immer wieder ein überwältigendes Gefühl“

„Es ist sehr wichtig, einen Menschen an seiner Seite zu haben, mit dem man reden kann, auch wenn es mal nicht so gut läuft. Wenn ich Zeit mit ihr verbringe, dann ist der Sport aus meinem Kopf verschwunden. Ich kann mich da fallen lassen. Meine Familie und meine Freunde sind auch sehr wichtig. Ich kann dann auch Freund sein und nicht Mitspieler und Konkurrent. Im Leistungssport zeigt man ja nicht wirklich Schwäche. Es tut mir gut, wenn ich einige Zeit mal nicht an den Sport denke und frisch im Kopf bin, für die nächste Trainingseinheit.“

Sabina schenkte ihrem Freund zum 18. Geburtstag eine Gitarre. Damit begann im Grunde seine zweite Karriere. Er lernte das Instrument, sang dazu Coversongs und lud diese auf seinen Social-Media-Accounts hoch. Die Resonanz der Fans war so positiv, dass er sich dazu entschloss, mit seinem Jugendfreund und Produzenten Björn Olson einen eigenen Song aufzunehmen.

Sie luden „You don’t know what I’m missing“ hoch, und als Leon am nächsten Morgen wach wurde, hatte er Platz 5 der iTunes-Charts erreicht und einen Anruf der Plattenfirma Universal. Er unterschrieb einen Vertrag beim Branchenriesen. In einigen Wochen kommt sein neuer Song auf den Markt. Auch hier bleibt Niederberger seiner Leitlinie treu. „Ich gucke einfach mal, was passiert, ich kann es ja dann sowieso nicht wirklich beeinflussen. Eishockey bleibt natürlich die Nummer 1, da liegt mein Fokus drauf und das wird sich auch nicht ändern.“ 

Infobox:

Leonhard Niederberger

Geburtsdatum: 

31. Januar 1996 in Düsseldorf

Nach Stationen u. a. bei den Füchsen Duisburg, den Kölner Haien und den Moskitos Essen feierte Leon Niederberger im Oktober 2015 sein Debüt im DEG-Trikot. Seitdem kommt der Stürmer auf 78 Einsätze, zehn Tore und ebenso viele Vorlagen. Beim Deutschland-Cup 2018 lief der 23-Jährige erstmals für die deutsche Nationalmannschaft auf.

www.deg-eishockey.de

Fotos: Marina Weigl

Text: Britt Wandhöfer

Styling: Sina Pilgrim

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