"Lebenslänglich Karneval"


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2019

„Düsseldorf – gemeinsam jeck“ ist das Motto der Karnevalssession 2019. Wir haben mit dem Karnevalswagenbau-Künstler Jacques Tilly gesprochen: über sein Leben, seine Arbeit und über den Sinn von Satire. Welche Wagen er am Rosenmontag auf die Straße schickt, hat er uns traditionsgemäß nicht verraten.

Es ist 11:11 Uhr. Die ideale Uhrzeit für einen Interviewtermin mit dem Karnevalswagenbau-Künstler Jacques Tilly. Er wohnt in einem Altbau in Oberkassel, unter einem Dach mit der Familie: dem Vater, einem von zwei -Brüdern, einem von zwei Söhnen und seiner Frau, der Filmemacherin Ricarda Hinz. Die Regale in Tillys Arbeitszimmer -reichen bis unter die Decke und sind gefüllt mit dicken Bildbänden, Lexika und Zeitschriften. Seitenweise Wissen, das vom Schreibtisch, der in der Mitte des Raumes steht, leicht zu erreichen ist. „Im Moment lese ich viel über das britische Empire, auch um den Brexit besser zu verstehen“, sagt Tilly – und bietet uns statt English Tea „den guten Kaffee“ aus der Stempelkanne an.

Wie sehr er sich mit politischen Themen und gesellschaftlichen Entwicklungen beschäftigt, sieht man nicht nur in seinem Büro, sondern auch an seinen satirischen Karnevalswagen, die jedes Jahr am Rosenmontag durch Düsseldorf fahren. Viele der schrillen Figuren haben schon weltweit für Schlagzeilen gesorgt. So schickte Tilly 2015 nach dem Anschlag auf Charlie Hebdo gleich vier Wagen durch die Stadt, die den islamistischen Terror thematisierten. Andere Karnevalsstädte waren da sehr viel vorsichtiger. 2000 wurde ein Wagen, der sich mit der damals unterlegenen Oberbürgermeisterkandidatin Marlies Smeets auseinandersetzte, nach Protesten zurückgezogen. Seitdem hält Tilly seine politischen Wagen bis kurz vor Start des Rosenmontagszugs streng geheim.

„Meine Arbeit ist immer ein Tanz auf dem Vulkan“

Seitdem hält Tilly seine politischen Wagen bis kurz vor Start des Rosenmontagszugs streng geheim. Ein bisschen schade für Journalisten, aber gut für die Narrenfreiheit: „Sie kommt aus der Tiefe der Geschichte: Einmal im Jahr ungestraft die Meinung sagen – das war vor Jahrhunderten für die Menschen noch ein echtes Privileg. Dieses Recht ist zumindest für uns heute selbstverständlich. Und an Karneval treiben wir es damit auf die Spitze!“, sagt er. Den Rechtspopulismus machte Tilly unter anderem 2017 zum Thema und ließ einen Wagen unter dem Motto „Blond ist das neue Braun“ auf die Straße:

Eine Darstellung von US-Präsident Trump in einer Reihe mit der Französin Marine Le Pen und dem Niederländer Geert Wilders – daneben ein erblondeter Adolf Hitler. Neben einem enormen Presseecho habe er daraufhin Hunderte Hassmails von Privatpersonen bekommen, lässt uns Tilly wissen. Mehr noch als bei anderen seiner provokanten Festwagen. Heftige Resonanz rechnet er in seine Arbeit wie selbstverständlich mit ein: „Satire ist Kritik – und die darf und soll auch wehtun“, sagt er. Allerdings, so bemerkt er, haben sich die Reaktionen auf seine Wagen in den letzten Jahren verschärft. „Die Themen radikalisieren sich, barbarische Ansichten nehmen zu“, so Tilly. „Meine Arbeit ist immer ein Tanz auf dem Vulkan.“ Er versteht sie am ehesten als politische Aktionskunst.

Bis zu zwölf politische Wagen sind es an jedem Rosenmontagszug. Sie entstehen innerhalb von sechs Wochen und kurz vor der Hochphase des Karnevals in einer großen Wagenbauhalle in Bilk. Die Wagen werden in Leichtbauweise gefertigt, mithilfe eines dünnen Dachlattengerüsts, nassen Blumenpapiers, gekochten Leims und vieler Liebe zum Detail. Dabei unterstützt Tilly ein zehnköpfiges Team aus Bildhauern, Illustratoren und Malern. Direkt nach ihrem Auftritt am Rosenmontag werden die Kunstwerke wieder zerstört. „Sie sind nur für die jeweilige Saison gedacht“, so Tillys nüchterner Kommentar.

Zu den politischen Wagen kommen jährlich elf Werbewagen für Brauereien, Autohersteller und andere Unternehmen und 15 Wagen für die Karnevalsvereine, inklusive des Prinzenpaarwagens. Außerdem Bühnendekorationen für den Prinzenball und weitere Sitzungen sowie unzählige Illustrationen. Neben dem Karneval fertigen Tilly und sein Team aber auch Plastiken für Messeauftritte, Diskotheken, Fernsehshows und andere Auftragsarbeiten. Seine bis zu vier Meter hohen Riesenblumen beispielsweise kamen als Kulisse schon bei „Wetten, dass …?“ und auf verschiedenen Festveranstaltungen zum Einsatz. 

Jacques Tillys Hauptstandbein aber ist und bleibt die fünfte Jahreszeit. „Für mich ist lebenslänglich Karneval“, sagt der 55-Jährige. „Schon als Kind war ich fasziniert davon. Unser ganzes Haus war dann immer mit Luftschlangen und Ballons geschmückt – eine tolle Atmosphäre!“ Aus einem alten Fotoalbum kramt er ein Bild für uns heraus. Tilly als Teufelchen verkleidet. „Da war ich vier Jahre alt. Ich stehe auf einer Aluleiter, um den Karnevalszug sehen zu können.“ „Ist das die Prinzessin?“, habe er seinen Vater immer gefragt, wenn sie dem Treiben vom Straßenrand aus zugeschaut haben. „Jede verkleidete Frau damals war für mich die Karnevalsprinzessin“, erinnert sich Tilly. 

Als er später in Essen Kommunikationsdesign studierte, verdiente er sich mit dem Karnevalswagenbau immer etwas dazu. Großplastiken zu entwerfen – Figuren mit Charakter und einer Botschaft also –, das fand er schon zu Studienzeiten aufregend, sagt er. Aus dem Studentenjob wurde dann sein Beruf. Seit 1984 entwirft und baut er die politisch-satirischen Wagen für den Düsseldorfer Rosenmontagszug.

„Einmal im Jahr ungestraft die Meinung sagen – das war vor Jahrhunderten noch ein echtes Privileg“ 

Wenn er heute in seinem Arbeitszimmer in Oberkassel sitzt, trägt er meist dicke Kopfhörer und hört elektronische Musik. „Stundenlang geht das so. Mit der Musik kann ich gut abtauchen und mich am besten konzentrieren“, verrät er. „Durch den Rhythmus komme ich in eine Art Meditationszustand. Dann wird mein Gehirn wie Hefeteig durchgeknetet. Das hilft, um auf gute Ideen zu kommen.“ Am Anfang falle ihm oft nur Durchschnittliches ein, das sei normal. „Dass eine Idee gut sein könnte, merke ich daran, dass ich selbst begeistert von ihr bin.

Und dann zeige ich sie natürlich auch meiner Frau und meinem Team, und wir diskutieren darüber.“ Die Schwierigkeit bestehe meist darin, für ein abstraktes gesellschaftliches Thema eine passende Bildformel zu finden. Zum Beispiel ein Blatt mit der Aufschrift Demokratie, das von den Raupen „Erdogan“, „Trump“ und „Putin“ zerfressen wird – einer von Tillys Rosenmontagswagen aus dem Jahr 2017. „Das jeweilige Bild darf natürlich nicht zu simpel sein“, stellt er fest. „Gleichzeitig sollten aber auch Karnevalisten mit 1,5 Promille die Aussage noch verstehen.“

Und was macht jemand wie Jacques Tilly, wenn er die Kopfhörer abgelegt und Freizeit hat? „Den Zustand kenne ich kaum, meist bin ich rund um die Uhr mit meiner Arbeit beschäftigt. Wenn ich doch mal freie Zeit habe, verreise ich gern mit der Familie.“ Schnell zieht es ihn dann aber auch wieder zurück an seinen Schreibtisch – dann hat der Karneval wieder Hochsaison. 

www.grossplastiken.de

Der Rosenmontagszug findet in diesem Jahr am 4. März statt.

 

Text: Elena Winter 

Fotos: Andreas Endermann

 

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