Kopfsache aus Meisterhand


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2018

Mit hochwertigen Jet-Helmen im Retrolook sorgt das britische Label Hedon für eine ästhetische Renaissance am Biker-Markt.

Wie sich das anfühlt, wenn einem der Wind bretthart um den Schädel pfeift: Reginald Flint, Jahrgang 1981, hat das schon früh erfahren dürfen. Als Schüler saß er seinem englischen Vater im Nacken, wenn der auf seiner Yamaha DT 250 durch die belgische Wahlheimat ritt. Als Twen hockte er auf einer Cross-Maschine von Honda (Cr 125) dann vorne im Sattel. Er träumte davon, mit dem Hobel quer durch die Vereinigten Staaten zu fahren statt durch die Wallonie, ins Freie hinaus. „Diesen Lifestyle, Open country, fand ich immer faszinierend“, sagt er. Dass er das später tatsächlich leben konnte, hat einerseits wohl mit einer gewissen Bereitschaft zum Risiko zu tun. Mehr aber noch mit dem festen Einkommen, das ihm sein Job in einer Motorradhelm-Manufaktur verschaffte. In einem kleinen Pariser Atelier hatte der junge Mr. Flint begonnen, ziemlich cool gestylte Helme für Biker zu montieren. Im Süden der Volksrepublik China, am Sitz eines der größten Fabrikanten für Helm-Rohlinge, konnte er diese Expertise als Projektmanager einer belgischen Firma für Motorrad-Zubehör weiter ausbauen. Und irgendwann den entscheidenden Schritt machen, um eingefahrene Spuren zu verlassen.

Nichts weniger bedeutet es, wenn einer seine eigene Marke begründet. Sie heißt „Hedon“ und wird von Flint und seiner Frau Lindsay Chong, einer chinesischen Produktdesignerin, gemeinsam geführt. Westlich von London, nahe dem Motorway 4 und dem Flughafen Heathrow, hat sie ihre Werkstatt in einem Backsteinbau im Vorort West Drayton. Dort erledigen das Gründerpaar und sechs Mitarbeiter das Finish an den in ihrem Design vorproduzierten Helmen und fertigen Modelle nach individuellen Kundenwünschen. Heraus kommt dabei immer „etwas, das auf dem Kopf eher klein aussieht“, wie Flint die Leitidee beschreibt. „Wir wollten einen Helm, bei dem das Handwerk hervorsticht“, erklärt er, „und der nach so guter Qualität aussieht, dass du ihn einfach tragen willst. Als wir den auf dem Markt nicht finden konnten, sagten wir uns: Lass uns das selber machen!“ Technisches Know-how und Kontakte hatte er durch seine Jahre in China genug gesammelt – und in Lindsay eine Partnerin mit ähnlichem Zugang zu Design und Gründlichkeit gefunden. So ein Schutzhelm ist in erster Linie nicht fürs Styling entworfen, wie Lindsay gern zu verstehen gibt – doch genau das war die besondere Herausforderung.

„Unter einem Jet-Helm fühlt sich die Welt wie aus einem Film mit Steve McQueen an“

Lindsay eine Partnerin mit ähnlichem Zugang zu Design und Gründlichkeit gefunden. So ein Schutzhelm ist in erster Linie nicht fürs Styling entworfen, wie Lindsay gern zu verstehen gibt – doch genau das war die besondere Herausforderung.

Irgendwas scheint daran richtig zu sein, denn inzwischen sind „Epicurist“, „Heroine“ und all die anderen Modelle in bestimmten Biker-Kreisen Kult. Das sind nicht die passionierten Beschleuniger, die ihre Rennmaschinen in vierkommasoundso Sekunden auf 270 bringen wollen. Sondern Liebhaber, die ihre Zeit auf dem Zweirad als besondere Auszeit verstehen. Die sich also eher für eine alte Norton, eine restaurierte Moto Guzzi oder BMW oder die Triumph Bonneville begeistern. Öfen, die ganz klar für zeitlose Qualität und „Retro“ stehen.

Auf solchen Maschinen sieht man mit einem herkömmlichen übergroß wirkenden Helm ein wenig unglücklich, um nicht zu sagen bescheuert aus. Dort macht sich der etwas kleinere klassische Jet-Helm wesentlich besser. Den bieten auch mehrere Marktführer an, im Zweifel zum halben Preis. So hochwertig, so „seventy“ wie von Hedon jedoch können das Insidern zufolge nur wenige. Halbmatte Lackierung, schnörkellose Linienführung, Fütterung aus echtem Leder, klassisches Visier – darunter fühlt sich die Welt schon mal wie aus einem Film mit Steve McQueen an.

Das Gestern wieder nach vorne zu holen: Für Reginald und Lindsay ist das ein beträchtlicher Teil des Vergnügens. In der Werkstatt in West Drayton stehen nicht zufällig alte handgefer-tigte Möbel und ein Plattenspieler. Außerdem sind da ein altes zweizylindriges Sachs-Motorrad und eine kleine Sammlung einteiliger Renn-anzüge, die vor Jahrzehnten zum Einsatz kamen. Zum Beispiel bei der legendären Isle of Man Trophy, die Reginald als faszinierter Zuschauer erlebt hat. „Eines der klassischen Rennen, wo die Fahrer mit jedem Start ihr Leben riskieren“, betont er respektvoll, „so etwas findet man sonst nirgendwo ...“

Mancher Biker, der zum Hedon-Kunden geworden ist, dürfte das ähnlich sehen. Das macht auch einen Teil der Erfolgsstory made in Britain aus: Hier prallen Anbieter auf Käufer, die den gleichen Sinn für Qualität in kleiner Auflage besitzen – ob es dabei um rahmengenähte Halbstiefel, Drillichjacken oder Friseurstühle geht. Diese Spezies wird auch von sportlichen Preisen nicht abgeschreckt. Der günstigste Jet-Helm von Hedon ist gegenwärtig kaum unter 370 Euro zu haben; mit speziellen Extras, zum Beispiel einer Sonderlackierung, geht es auch mal auf 600 und mehr Euro hinauf. Ziemlich sportlich, wie Skeptiker urteilen. Weil ja auch Hedon letztlich auf die Schalen aus Glasfiber und Kohlefasern zurückgreife, die in China fabriziert werden. Und weil auch andere Fabrikate die gleichen Standards in puncto Sicherheit aufweisen müssten, um die europäische ECE-Norm zu erfüllen, nach der Schutzhelme für motorisierte Zweiräder hergestellt sein müssen. Der Unterschied liegt im Zweifel jedoch wieder im Detail: Der smartere Verschluss am Hals, der bessere Lack, das bessere, weil beschlagfreie Visier. Und nicht zuletzt: das auffallend geringe Gewicht.

Also wird das Preisniveau auch in Zukunft in etwa so bleiben, wie Reginald erklärt: „Wir wollen nicht in einen Discount-Krieg geraten. Lieber arbeiten wir mit Händlern zusammen, die ähnlich gute Werte vertreten.“ In Frankreich ist deren Zahl auf 85 gestiegen, in Deutschland ist es noch kein Dutzend. Das ist ausbaufähig, wie der Meister versichert.

Und wie hält man das aus, als Paar 24 Stunden am Tag zusammen zu sein, die gleichen Dinge anzuschieben, mit der gleichen Leidenschaft? Da grinst Mr. Flint: „Das ist eben nicht bloß meine oder Lindsays Arbeit. Wir machen das alles zusammen. Hedon ist unser Ziel, unser Leben, und ich fühle mich sehr privilegiert, das zu tun.“ 

www.hedon.com

 

Text: Bertram Job

Fotos: Hedon

 

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