10.000 km durch die Wildnis

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2019

Interview: Cynthia Blasberg
Fotos: Andreas Endemann

Andreas Endermann, freiberuflicher Fotograf, und seine Frau Margreta Endermann haben sich am 1. Mai 2018 mit ihren Kindern Julius, damals vier Jahre alt, und Mathilda, damals zwei Jahre alt, auf einen Roadtrip durch Kanada begeben. 10.000 Kilometer in neun Wochen durch fünf Staaten.

„Der erste Wow-Moment war aber die Prärie. Die Straße breitet sich kilometerlang vor dir aus.“

Wie seid ihr überhaupt auf die Idee gekommen, von Toronto nach Vancouver mit einem Wohnmobil zu fahren?

Margreta Endermann: Die Reise durch Kanada war mein Wunsch. Es war ein günstiger Zeitpunkt vor Julius’ Einschulung und Kanada schien mir genau richtig. So genau kann ich das gar nicht erklären. Ich habe mich vor dem Trip informiert und ein paar Stationen gebucht, damit wir auf den stark besuchten Campingplätzen einen Stellplatz für unser Wohnmobil hatten. Den Rest wollten wir auf uns zukommen lassen.

Andreas Endermann: Wir haben den Fokus von Beginn an vom Sightseeing genommen und auf die Reise an sich gelegt. 

 

Wann hat der Trip durch Kanada begonnen, euren Vorstellungen zu entsprechen?

AE: So richtig los ging es direkt im Anschluss an die Niagarafälle, als wir durch kleine Örtchen fuhren und die teilweise noch zugefrorenen Seen vor uns lagen, also Lake Erie, Lake Huron, Lake Michigan und Lake Superior. Insgesamt hatten wir in den neun Wochen drei Jahreszeiten, nämlich Winter, Frühling und Sommer. Der Wandel der Landschaften im Zeichen der Jahreszeiten war unglaublich reizvoll. Der erste Wow-Moment war aber die Prärie. Die Straße breitet sich kilometerlang vor dir aus. Du kannst zwar in Hügellandschaften schauen, aber alles erscheint endlos. 

ME: Es herrscht eine gewisse Gleichförmigkeit, die das Auge für Details schult. Insbesondere die Grasslands der Prärie sind großartig. Dort ist nichts. Kein Berg. Kein See. Nur Bisons. Schiere Endlosigkeit. Das ist Freiheit. 

AE: Wir waren permanent bewegt von der Natur. Wir waren in den Nationalparks Banff und Jasper inmitten der Rocky Mountains. Das ist natürlich atemberaubend. 

ME: Als wir auf dem Camp Ground in Jasper waren, habe ich morgens die Tür unseres Wohnmobils geöffnet und vor mir war ein Wapiti (Anm. d. Red.: Hirschart) mit seinem Jungen, das hat mich unglaublich überrascht und berührt. Als wir schließlich am Ende unserer Reise auf Vancouver Island ankamen, landeten wir am China Beach und waren plötzlich mitten im Urwald. Das war der Hammer. Man musste durch den Wald aus wirklich riesenriesengroßen Bäumen gehen, um zum Strand zu kommen, und während wir durch diesen Urwald liefen, hörten wir schon das Rauschen des Meeres. 

Wie ist es, mit zwei kleinen Kindern eine Strecke von 10.000 Kilometern zu bewältigen? 

AE: Wir sind täglich 200 bis 300 Kilometer gefahren und haben die Reise dementsprechend ausgerichtet. Mit Familie ist man anders unterwegs als alleine. So haben wir zum Beispiel sämtliche Kinderspielplätze Kanadas kennengelernt, na ja, zumindest die auf unserer Route.

ME: Für die Fahrten hatten wir vor allem Hörbücher und Stickerbücher dabei und Julius und Mathilda haben viel miteinander gespielt. Zu sehen, dass die Kinder sich ausgereicht haben und sich super verstehen, hat uns glücklich gemacht. Letztendlich war es aber ebenso anstrengend, wie es schön war. Das war uns in der Komplexität vorher nicht bewusst. Parallel zur Reise durch Kanada hat eine Reise in der Familie stattgefunden. 

Wie lange hat es gedauert, bis ihr einen Reisealltag gefunden habt?

ME: Das war eine große Herausforderung. Ich bin beispielsweise davon ausgegangen, dass die Kids wie zu Hause um 20 Uhr ins Bett gehen und Andreas und ich abends etwas Zeit für uns haben. Aber das hat überhaupt nicht funktioniert. Meistens habe ich Mathilda ins Bett gebracht und bin oft mit eingeschlafen, während Andreas mit Julius noch am Feuer saß. Ich muss zugeben, dass ich den Alltag in Kanada erst verinnerlicht hatte, als fast die Hälfte der Reise hinter uns lag. 

AE: Ich konnte früher loslassen. Tatsächlich war die Erfahrung in diesem Mikrokosmos aus Familie und Campingwagen ein elementarer Teil des Roadtrips. Wir haben gelernt, anders, ja, neu miteinander umzugehen, und das hat eine wesentliche Qualität der Reise für mich ausgemacht. Wir haben wirklich neue Erfahrungen gemacht in unserer Beziehung und im Umgang mit den Kindern. Wir haben uns als Familie neu erlebt. Ich habe gespürt, dass im Grunde nichts anderes auf der Welt zählt als die Familie. 

„Ich habe gespürt, dass im Grunde nichts anderes auf der Welt zählt als die Familie.“

Reiseinfos:

Ein Jahr vor dem Start wurde das Wohnmobil bei Cruise Canada gebucht. Modell Motorhome C25. Hinflug mit Lufthansa von Düsseldorf über Frankfurt nach Toronto. Neun Wochen im Motorhome, übernachtet wurde auf unterschiedlichen Campingplätzen. Die Endermanns fuhren durch fünf Staaten (Ontario, Manitoba, Saskatchewan, Alberta, British Columbia) und vier Zeitzonen. Insgesamt 10.000 Kilometer.

Kanada hat über 1.000 Provincial Parks und 42 National Parks. Auf ihrer Reise besuchten sie den Grasslands National Park, den Waterton Lakes National Park, den Banff National Park, Jasper National Park und den Pacific Rim National Park. Alle sind aufgrund ihrer Verschiedenheit tief beeindruckend. Die Reise endete in Vancouver.

 

www.andreasendermann.de

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