Hochkarätiger Mythos


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2019

Vor 60 Jahren erschien die literarische Vorlage zum Kultfilm „Frühstück bei Tiffany’s“ zum ersten Mal auf Deutsch. Bis heute trägt sie zur Faszination für das wohl bekannteste Schmuckunternehmen der Welt bei. Der Mythos ist auch in der Düsseldorfer Filiale an der Königsallee zu spüren. 

Es ist eine der bekanntesten Szenen der Filmgeschichte: Menschenleer liegt die Fifth Avenue in New York am frühen Morgen da, ein Taxi fährt vor, die Tür öffnet sich. Im langen schwarzen Abendkleid steigt Audrey Hepburn aus, mit üppiger Hochsteckfrisur und noch üppigerem Collier. Die Kamera folgt ihrem Blick und schwenkt über die Fassade des Tiffany-Stammhauses. Vorm Schaufenster bleibt Hepburn stehen, holt Croissant und Kaffee aus einer Papiertüte hervor und neigt andächtig den Kopf zur Seite. Nach ihrem „Frühstück bei Tiffany’s“ spaziert sie durch die leere Straße davon.

1961 entstand der Film, der Audrey Hepburn und Tiffany untrennbar miteinander verbinden und beide zu Ikonen der modernen Konsum- und Popkultur machen sollte. Die Vorlage lieferte drei Jahre zuvor Truman Capote mit seiner Novelle „Breakfast at Tiffany’s“, 1959 erschien sie auf Deutsch. Auch 60 Jahre später fasziniert die Geschichte von Holly Golightly, man bewundert die ungewöhnliche Heldin, will sie zugleich beschützen – und einmal ihre Kleider von Hubert de Givenchy tragen. Oft stellen junge Frauen die Anfangsszene vorm Tiffany-Schaufenster an der Fifth Avenue für Instagram nach, natürlich stilecht mit Kaffeebecher und Croissant. 

„Dieser Diamant gehört einfach zur Geschichte von Tiffany. Er ist so selten, dass man seinen Wert gar nicht schätzen kann.“

Auch vor der Filiale an der Königsallee ist das immer wieder zu beobachten. Drinnen thronen über den Vi-trinen voller Schmuck und türkisfarbener Porzellanbecher große Schwarz-weiß-Aufnahmen von Audrey Hepburn, mit langer Zigarettenspitze, funkelndem Diadem und dem berühmten Collier mit dem gelben Diamanten. Der sorgte bei der Oscarverleihung im Februar 2019 am Hals von Lady Gaga für Blitzlichtgewitter. Kein Wunder, Hepburn war 1961 die Letzte, die den seltenen Stein tragen durfte. Seitdem war er nur in einer Vitrine in der New Yorker Filiale zu bewundern. „Dieser Diamant gehört einfach zur Geschichte von Tiffany. Er ist so selten, dass man seinen Wert gar nicht schätzen kann. Trotzdem wollten ihn schon viele Menschen erstehen, aber er ist unverkäuflich“, erzählt Niklas Weyel, Storemanager der Düsseldorfer Filiale, die 1998 eröffnete. Genauso lange ist auch Weyel dabei – und die meisten seiner 15 Mitarbeiter, wie er stolz hinzufügt. 

„Den Diamanten wollten schon viele Menschen erstehen, aber er ist unverkäuflich.“

Den Auftritt von Lady Gaga hat er natürlich verfolgt. Von neuen Kampagnen über Raritäten bei Auktionen bis hin zu Sonderausgaben der Novelle: Weyel ist immer auf dem Laufenden in Sachen Tiffany. Begeistert holt der 41-Jährige eine Jubiläumsausgabe von „Frühstück bei Tiffany’s“ hervor und streicht liebevoll über den Einband. Schätze wie diese begeistern nicht nur ihn selbst, auch Stammkunden macht er damit immer wieder eine Freude. Viele von ihnen kennt Weyel schon lange, hat sie beim Kauf des ersten Silberanhängers über den Verlobungs- bis zum Ehering beraten. Doch auch junge Neukunden kommen, genau wie Touristen, vor allem aus China.

Sie alle lockt nicht nur der Film, Tiffany war schon vorher eine Institution und bekannt für Innovationen. 1837 als „Tiffany, Young and Ellis“ in New York gegründet, folgte das Unternehmen schon früh der Maxime, Luxus – denn nichts anderes ist auch das schlichteste Schmuckstück – für alle zugänglich zu machen. Auch jenseits der USA. 1987 eröffnete in München die erste deutsche Filiale. Mit dem Schmuck setzten sich auch Traditionen durch. In Japan etwa wurden Verlobungsringe erst durch Tiffany bekannt. Charles Lewis Tiffanys Entwurf von 1886 mit einem Diamanten in einer Sechskrappenfassung gilt bis heute als Klassiker für den Antrag. Doch auch neue Modelle entstehen, erzählt Weyel: „Im April stellten wir unseren neuen Verlobungsring vor. Der Tiffany True hat ein minimalistisches Design, das durch eine Kombination aus Brillant- und Treppenschliff verstärkt wird.”

„Die Kunden kommen aus schönen Gründen zu uns. die Aufregung und Vorfreude mitzuerleben, berührt mich immer.“

Anträge, Geburtstage, Taufen, jemandem eine Freude zu machen oder sich selbst zu belohnen: Anlässe wie diese führen Menschen zu Tiffany. Ein Privileg, findet Weyel: „Die Kunden kommen aus schönen, festlichen Gründen zu uns. Daran teilzuhaben, die Aufregung und Vorfreude mitzuerleben, berührt mich immer.“ Dass oft nicht nur das Schmuckstück selbst, sondern auch der Mythos Tiffany eine Rolle spiele, zeige sich auch daran, dass immer wieder Anträge im Geschäft selbst gemacht werden. Diese große Emotionalität sei wiederum auch dem Film zu verdanken, glaubt Weyel.

1958 war das noch nicht abzusehen. Die Novelle – in der es weder ein Happy End noch eine Romanze zwischen Holly und ihrem Nachbarn gibt, der ist bei Capote nämlich homosexuell – sollte in Harper‘s Bazaar erscheinen, doch das Magazin lehnte ab. Zu skandalös die Geschichte um die „amerikanische Geisha“, wie Capote seine Hauptfigur Holly nannte, zu schroff die Sprache, zu groß die Sorge der Redaktion, dass ein großer Anzeigenkunde nicht besonders amüsiert sein würde: Tiffany. Rückblickend klingt das fast ironisch. Die Novelle erschien schließlich im Esquire und war ein Riesenerfolg. Zwei Jahre später erlaubte Tiffany nach langen Verhandlungen die Dreharbeiten vor und im Geschäft, Audrey Hepburn durfte sogar mit dem seltenen gelben Diamanten für Pressefotos posieren. So entstand das weltberühmte Bild, das auch in Düsseldorf hängt. 

Bewusstsein für Tradition und zugleich Mut, gesellschaftliche Entwicklungen aufzugreifen, prägen das Unternehmen. Das gilt bis heute: In der aktuellen „Modern Love“-Kampagne etwa sind auch gleichgeschlechtliche Paare zu sehen. Für eine andere Kampagne, in der die Schauspielerin Elle Fanning auftrat, wurde der legendäre „Moonriver“-Song von Henry Mancini mit dem Rapper A$AP Ferg neu aufgenommen. Auch auf das wachsende Interesse der Kunden an der Herkunft dessen, was sie kaufen, reagiert das Unternehmen. Die gerade ins Leben gerufene „Diamond Source Initiative“ legt den gesamten Fertigungsprozess der verwendeten Diamanten offen, ein Novum in der Branche. „Unsere Kunden erwarten Qualität, aber auch soziale und ökologische Verantwortung“, so Weyel.

Eines aber bleibt unverändert: das „Tiffany Blue“. 1845 brachte das Unternehmen den ersten Versandhauskatalog der USA heraus. Das „Blue Book“ erschien in ebenjenem Türkiston, der bis heute für Schnappatmung und begeistertes Seufzen sorgt, wenn er in Form einer Schmuckschatulle daherkommt. Im Film spielt die Farbe eine kleine, aber tragende Rolle. Von der Schlafmaske, die Audrey Hepburn alias Holly Golightly trägt, bis zu den Bechern auf der feuchtfröhlichen Party in ihrem Apartment – in fast jeder Szene taucht etwas im berühmten „Tiffany Blue“ auf. Corporate Identity nennt man so etwas heute. 

Genauso untrennbar wie die Farbe verbinden viele mit Tiffany die Idee, einmal wie Audrey Hepburn hier zu frühstücken. Seit 2017 muss man das in New York nicht mehr vor dem Schaufenster tun: Im vierten Stock des Stammhauses eröffnete das „Blue Box Café“. Die40 Plätze sind Monate im Voraus ausgebucht. Wird es irgendwann auch in Düsseldorf Croissants und Kaffee bei Tiffany geben? Momentan sei das nicht geplant, sagt Weyel lächelnd. Vielleicht ist das ja auch gut so. Ein bisschen Unerreichbarkeit gehört schließlich zu jedem Mythos. 

www.tiffany.de

Fotos: Tiffany

Text : Katharina Pfannkuch

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