Grosse Kunst

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2019

Autor: Katharina Pfannkuch
Fotos: Ai Weiwei Studio

Das Frühjahr beginnt mit einem künstlerischen Paukenschlag: Die Kunstsammlung

Als „Märtyrerkünstler“ wurde er schon bezeichnet, als „wichtigster Regimekritiker Chinas“ und immer wieder als „Kunst-Weltstar“. Wenn von Ai Weiwei die Rede ist, wird nicht an Superlativen gespart. Auch der 61-Jährige selbst kommt ohne falsche Bescheidenheit aus: Mit über 100 Einzel- und über 300 Gruppenausstellungen in den vergangenen zehn Jahren sei er vermutlich der produktivste Künstler der Welt, gab Ai Weiwei 2018 im Interview mit dem Tagesspiegel zu Protokoll. Seine bislang größte Einzelausstellung in Deutschland - der Superlativ passt ins Konzept - startet im Mai in Düsseldorf. 

„Alles ist Kunst. Und Politik.“

Werke aus zehn Jahren füllen gleich beide Häuser der Kunstsammlung NRW, das K20 und das K21, unter dem vom Künstler selbst geprägten Motto „Alles ist Kunst, alles ist Politik„. Treffender könnte man das Schaffen des so vielseitigen wie umstrittenen chinesischen Konzeptkünstlers, Regimekritikers, Filmemachers, Bildhauers und Aktivisten wohl kaum auf den Punkt bringen. Für Susanne Gaensheimer, Direktorin der Kunstsammlung, gibt es bei Ai Weiwei zwischen politischem und künstlerischem Handeln keine Grenze. Und tatsächlich: Immer wieder greift er aktuelle Themen auf, die keineswegs nur seine Heimat betreffen. Mit seinen Installationen, Filmen und Skulpturen, aber auch in Interviews bezieht Ai Weiwei stets Position. Oft geht es um die Politik Chinas, noch öfter um globale Flüchtlingsbewegungen, immer um eine humanistische Sicht auf die Welt. 

Sein Vorbild ist Marcel Duchamp, der im frühen 20. Jahrhundert Alltagsgegenstände aus ihrem Kontext entnahm und als Kunstobjekte ins Museum brachte. Durch die Entfremdung des Vertrauten entsteht eine Unmittelbarkeit, der man sich als Betrachter kaum entziehen kann. Vor allem nicht, wenn sie in so außerordentlichen Dimensionen wie bei Ai Weiwei daherkommt. Für die im K20 zu sehende Installation „Straight“ (2008 bis 2012) etwa ließ er insgesamt 164 Tonnen Stahlträger aus den Trümmern eingestürzter Schulgebäude bergen, die beim Erdbeben von Sichuan 2008 auch viele Kinder unter sich begraben hatten. Die Stäbe wurden gerade gebogen und zu einer Landschaft aufgebaut. 

Ebenfalls im K20 wird sich auf rund 800 Quadratmetern die Installation „Sunflower Seeds“ (2010) erstrecken. Unglaubliche 100 Millionen handgefertigte und individuell bemalte, aus Porzellan hergestellte Sonnenblumenkerne sollen die gerade in China allgegenwärtige Spannung zwischen traditioneller Handwerkskunst und industrieller Massenproduktion, zwischen Individuum und Masse, aufzeigen. Und „Life Cycle“ aus dem Jahr 2018, eine fast 18 Meter hohe Skulptur aus Sisalgarn und Bambus, die eines jener Flüchtlingsboote darstellt, deren Bilder mittlerweile zum medialen Alltag gehören, ist im K21 zum ersten Mal überhaupt in Europa zu sehen.

Für Ai Weiwei ist Düsseldorf keine Premiere. Die Kunstsammlung besuchte er bereits 2017, als er seinen umstrittenen Film „Human Flow“ vorstellte. Vielen Kritikern war damals die Grenze zwischen Aufzeigen des Flüchtlingselends und Selbstinszenierung des Künstlers zu fließend. In der Installation „Laundromat“(2016) lässt Ai Weiwei stattdessen Gegenstände sprechen. Habseligkeiten von ehemaligen Bewohnern des Flüchtlingslagers in Idomeini machen das oft so abstrakt wirkende Thema greifbar. Ai Weiweis Kunst ist im wahrsten Sinne des Wortes sperrig. Sie braucht Raum, will nicht gefallen – und wenn sich an den Installationen aus Stahlträgern, Sisalgarn und am Künstler selbst immer wieder Diskussionen entzünden, beweist das unmissverständlich Ai Weiweis Motto: Alles ist Kunst. Und Politik. 

www.kunstsammlung.de

Ai Weiwei

18.05. – 01.09.2019

 

 

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