Geniebude

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 4/2018

Der Chef kommt mit dem Fahrrad. Karl-Heinz Petzinka parkt sein schwarzes Hollandrad direkt neben dem Eingang der Kunstakademie. „Sie wissen ja, wo Sie mich finden“, ruft er uns zu – und ist schon im Inneren des Neorenaissancebaus verschwunden. 

Der Chef kommt mit dem Fahrrad. Karl-Heinz Petzinka parkt sein schwarzes Hollandrad direkt neben dem Eingang der Kunstakademie. „Sie wissen ja, wo Sie mich finden“, ruft er uns zu – und ist schon im Inneren des Neorenaissancebaus verschwunden. 

„Für unsere Studenten nur das Beste.“

Wir stehen vor dem Eingang des wuchtigen Hauptgebäudes, des ältesten von drei Bauten, die heute die Kunstakademie bilden. Der Blick fällt auf die Steinplatten vor der Pforte. „Für unsere Studenten nur das Beste“ ist dort zu lesen. Ein Ausspruch der Bildhauerin Irmin Kamp, die zwischen 1982 und 1987 an der Spitze der Akademie stand. Eingemeißelt haben ihn Studierende. 1986 tauschten sie die Platten in einer nächtlichen Aktion aus. Seitdem liegen sie da und dürften doch den wenigsten Besuchern auffallen. Zu einnehmend ist der Bau selber, der am Rande der Düsseldorfer Altstadt liegt, zwischen der Auffahrt zur Oberkasseler Brücke und der schmalen, ruhigen Eiskellerstraße. Die Blicke wandern die drei Etagen hoch. Im Kopf geht man die Namen derer durch, die hier gelernt und gelehrt haben. Wilhelm von Schadow, Ewald Mataré, Joseph Beuys, Gerhard Richter, Günther Uecker, Nam June Paik, Bernd und Hilla Becher, Andreas Gursky. Allesamt Künstler von Weltrang. „Geniebude“ nannte Malerfürst Markus Lüpertz die Akademie. 2023 feiert sie 250. Geburtstag.

Im Rektorat im ersten Stock sitzt der derzeitige Chef. Weißes Hemd, schwarze, körperbetonte Hose. Die knallroten Socken korrespondieren – sein Markenzeichen – mit dem Einstecktuch. Hingucker an der rechten Hand ist ein klobiger Ring aus Gelbgold mit gelbem Diamanten. Der Rektorring. „Den trage ich bei offiziellen Anlässen“, erklärt Petzinka. „Heute habe ich ihn extra für Sie angelegt.“ Entworfen hat ihn ein Mann mit einem Faible für auffälligen Schmuck. Petzinkas Vorvorvorgänger als Rektor: Markus Lüpertz. Das Pendant für die Professoren ist aus Silber. Darin eingeprägt das Akademiesiegel von Paul
Klee: „Der war in den 1930er-Jahren hier.“

Petzinka, genannt „Calle“, ist seit 2008 Professor für Baukunst an der Akademie. 2017 wurde er zum Rektor berufen. Seitdem lenkt der 62-jährige Architekt die Geschicke der Hochschule – und hat viel vor. Rund um die Akademie soll ein Campus entstehen. Ein neues Werkstattgebäude schwebt ihm vor. Ein Hotel mit eigener Restauration. Und im Foyer des Hauptgebäudes möchte er eine Hall of Fame einrichten. Mit Namenstafeln derer, die wichtig sind und waren.

„Sie können zwar entscheiden, was sie machen, aber lernen müssen sie alles.“

Petzinkas Büro ist angenehm leer. Ein wuchtiger Schreibtisch. Darauf rechts und links ein paar Bildbände. Einen Computer gibt es nicht. Der Rektor schaut auf eine Bronzeplastik von Wilhelm Lehmbruck. „Die Arbeit gehört zur umfangreichen Sammlung der Akademie“, erklärt Petzinka. Deren älterer Teil, man spricht auch von der Alten Sammlung, darunter Rembrandt-Stiche und Peter Paul Rubens’ „Himmelfahrt Mariä“, befindet sich im Depot des Museums Kunstpalast. Die Neue Sammlung ist in der 2005 eröffneten Akademie-Galerie am Burgplatz eingelagert.

Die Kunstakademie Düsseldorf ist eine Hochschule, die in aller Welt einen exzellenten Ruf genießt. „Wir sagen, wir sind die älteste und berühmteste Akademie Deutschlands. Wir meinen aber schon weltweit“, fasst es Petzinka zusammen. Mittlerweile haben wir das Rektorat verlassen und eilen über die langen Flure der Akademie, passieren zahlreiche Klassenräume. Raum 008 ist die Klasse von Katharina Fritsch. 011 die von Didier Vermeiren und 014 die von Thomas Grünfeld. „Die Türklinken mit den metallenen Halbkreisen sind übrigens von Schwippert“, lässt Petzinka wissen. Hans Schwippert, wie Petzinka Architekt, war von 1956 bis 1966 Rektor der Akademie. Insgesamt standen in knapp 250 Jahren gerade mal drei Architekten an der Spitze der Lehranstalt.

Als Chef verfügt Petzinka über einen Generalschlüssel. Damit öffnet er Türen, die Besuchern sonst verschlossen bleiben. Die zur Werkstatt in der Maltechnik, in der die Studenten alles über Nesseldichten und Grundierungen erfahren. Oder lernen, Rahmen mit Leinwand zu bespannen. Der entsprechende Kurs ist für jeden Studenten obligatorisch. „Die Studierenden können zwar entscheiden, was sie machen, aber lernen müssen sie alles“, sagt Petzinka – und ist schon wieder in Bewegung. Zum legendären Raum 020, in dem früher Katharina Sieverding, Blinky Palermo, Imi Knoebel und Jörg Immendorff an ihren Werken feilten.

Zu Raum 123, in dem bis vor Kurzem Andreas Gursky freie Kunst lehrte und in dem jetzt kreatives Chaos herrscht („Unter Gursky hätte es nie so ausgesehen“). Und zu Raum 002, der heute als Dozentenraum fungiert und in dem in der Ecke rechts neben der Eingangstür die minimalen Reste von Beuys legendärer „Fettecke“ durch eine Scheibe geschützt werden. Fünf Kilogramm Butter hatte der Mann mit dem Hut im April 1982 an dieser Stelle angebracht. Der Rest der Geschichte ist bekannt: Eine wenig kunstsinnige Reinigungskraft beförderte das Beuyssche Werk kurzerhand in den Mülleimer.

„Nur 65 Studierende werden jährlich aus rund 1.000 Bewerbern weltweit ausgewählt."

Petzinka drückt aufs Tempo. Fast halb acht. Um acht hat er den nächsten Termin. Den Konferenzraum will er unbedingt noch zeigen. Hier finden nicht nur Senats- oder Fachbereichssitzungen statt, hier werden auch die vielleicht wichtigsten Entscheidungen überhaupt gefällt. Die über die Aufnahme. In Rollwagen an der Wand stehen einmal im Jahr anonymisiert und nummeriert rund 1.000 Mappen von Bewerbern aus aller Welt. Gerade einmal 65 davon schaffen es an die Akademie. Die Auswahl trifft eine Gruppe aus 12 Professoren. Die Entscheidung falle meist sehr schnell, sagt Petzinka. Das gehe bei der Menge an Mappen gar nicht anders. „Aber unsere Augen sind ja auch geschult.“ Wer es schafft, hier zu studieren, hat die – zugegeben kleine – Chance, später mal ein ganz Großer zu werden. Vielleicht schafft er es sogar in die geplante Hall of Fame. Irgendwann.

Die Düsseldorfer Akademie wurde 1773 vom Kurfürsten Carl Theodor als Kurfürstlich Pfälzische Akademie der Maler-, Bildhauer- und Baukunst gegründet. Derzeit studieren an der Kunstakademie Düsseldorf 560 Studenten aus 48 Nationen. Angeleitet werden sie von 42 Professoren, darunter so namhafte Künstler wie Dominique Gonzales-Foerster, Katharina Fritsch oder Gregor Schneider. 

www.kunstakademie-duesseldorf.de

Text: Alexandra Wehrmann

Fotos: Melanie Zanin

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