Florale Poetin


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2019

Autor: Alexandra Wehrmann
Fotos: Klaudia Taday

Mit Nelken und Schleierkraut hat ihr Alltag rein gar nichts zu tun. Zum Glück, findet Susanne Schmitt. Die 45-Jährige ist Floristin und spielt als solche in ihrer ganz eigenen Liga. Seit 15 Jahren betreibt sie das Blumenhaus am Hofgarten. 2012 wurde sie zur „Floristin des Jahres“ gekürt. 

Der Grundstein für ihre Karriere wurde schon früh gelegt. „Ich war ein Naturkind“, erzählt Schmitt, die in einem 350-Seelen-Dorf im Hunsrück aufgewachsen ist. „Schon als kleines Mädchen pflückte ich Blumen und wickelte sie in altes Blumenpapier ein.“ Man hat das Bild gleich vor Augen. Ein zartes, eher verträumtes Kind, das barfuß über Wiesen hüpft. Eine Art Heidi aus dem Hunsrück. Schnitt. Rund 40 Jahre später sitzt Schmitt im „Blumenhaus am Hofgarten“. Das Mädchenhafte hat sie sich bis heute bewahrt. Sie ist dezent geschminkt, trägt einen dunklen Bob, dazu existenzialistisch-schwarze Kleidung.

Im hinteren Teil des Ladens arbeiten ihre Mitarbeiter das prall gefüllte Auftragsbuch ab. Vor der Tür fließt der Verkehr über die Kaiserstraße. Die Floristin schlägt die Beine, die in wollenen Overknees stecken, übereinander und erzählt mit leiser Stimme konzentriert von ihrem Werdegang. Von der Lehre, die sie noch im Hunsrück absolvierte und bei der viel Schleierkraut zum Einsatz kam, viele Nelken und Gerbera. Davon, dass ihr das irgendwann nicht mehr reichte und sie nach Abschluss der Ausbildung nach Düsseldorf ging. Davon, dass sie sich nach mehreren Stationen als Angestellte im Alter von 30 Jahren selbstständig machte.

„Schon als kleines Mädchen pflückte ich Blumen und wickelte sie in altes Blumenpapier ein“

Heute, 15 Jahre nach ihrem Schritt in die Selbstständigkeit, ist Schmitt ganz oben angekommen. Dass dem so ist, war auch in ihrem Fall nicht ausschließlich eine Frage von Talent. Sondern von sehr harter Arbeit. 60 bis 70 Stunden hat ihre Arbeitswoche in der Regel. Im November und Dezember können es auch schon mal 100 sein. „Der Job ist auf dem Niveau, auf dem ich ihn mache, nur mit ganz viel Leidenschaft zu bewältigen. Wer gut sein will oder besser, der muss auch viel geben“, sagt Susanne Schmitt. Das Stresslevel sei durchaus vergleichbar mit dem in der Sternegastronomie. Wie es dort zugeht, weiß sie aus erster Hand. Schmitt ist seit vielen Jahren mit Volker Drkosch liiert.

Gemeinsam betreiben sie das Restaurant „Dr. Kosch“. Sie ist Geschäftsführerin, kümmert sich um die florale Deko und arbeitet administrativ im Hintergrund.Zurück zur Floristik. Zu den Kunden von Susanne Schmitt zählen so namhafte wie Dior oder das Steigenberger Parkhotel. Als Königin Silvia von Schweden 2016 die NRW-Landeshauptstadt besuchte, verantwortete Schmitt den Blumenschmuck für den Landtag. Und vor einer Hochzeit in der Villa Rothschild in Königstein sind sie und ihr Team schon mal drei Tage am Stück vor Ort, um Vorbereitungen zu treffen. Natürlich reicht ihr Tun bei derartigen Anlässen weit über Sträuße und Gestecke hinaus. Sie schaffen Tisch- und Raumdekorationen, zaubern für Foto--shootings dem Model Kopfbedeckungen aus Gräsern und Blüten.

Für derlei Werke hat Susanne Schmitt den Begriff „florale Poesie“ erfunden. Ihre Kollegen und sie sind die „floralen Poeten“. Es gibt Menschen, die das, was die Düsseldorferin macht, als Kunst bezeichnen. Sie selber findet das „eher schwierig“. „Wir gestalten auf sehr hohem Niveau“, sagt die Floristin. „Aber Kunst? Nein.“ Dennoch ist sie mit ihrer Arbeit stets nah dran an Mode, Einrichtung, aber auch Kunst und Kultur.

Die Disziplinen, bei Schmitt spielen sie miteinander, die Grenzen zwischen ihnen sind fließend. Reisen sind, so sagt sie, eine In-spiration. Farben. Gerüche. Im vergangenen Jahr war sie auf Kuba, in Estland und Lettland. Und natürlich bei den Interieur-Messen in Paris. Von den regelmäßig ausgegebenen Blumentrends hält sie hingegen nicht viel. „Ich mag mir nicht von jemandem vorgeben lassen, was Blumentrend ist. Ich habe meine eigene Sprache“, sagt Schmitt bestimmt.

Die zeigt sich auch in ihren Aktionen außer der Reihe. So verwandelten sie und ihr Team beispielsweise in Kooperation mit „1.000 gute Gründe für ...“ die Haltestelle „Sternstraße“, die gleich gegenüber ihrem Ladenlokal gelegen ist, in ein Meer aus Blumen. Ein anderes Mal versahen sie den Tritonenbrunnen auf der Königsallee mit über 2.000 Anthurien. Angemeldet waren beide Aktionen nicht. „Das war Guerilla“, erklärt Schmitt. Bei den Passanten kam die florale Überraschung jedenfalls gut an. „Grundsätzlich würde ich so etwas jederzeit wieder machen“, so die Floristin weiter. Allein die Gier einiger weniger habe die Freude ihrerseits getrübt. Manch einer habe körbeweise Blumen abgeschleppt. So sei das natürlich nicht gedacht gewesen, „eher so, dass jeder sich ein Blümchen nimmt und möglichst viele etwas davon haben.“ 

„Irgendwann möchte ich mal alle Länder bereist haben, aus denen meine Blumen kommen“

Mittlerweile ist wieder Alltag eingekehrt. Jeden Morgen fährt Schmitt zum Blumengroßmarkt, um frische florale Ware zu besorgen. Zwei Mal im Monat geht es in die Niederlande zur Blumenversteigerung. Die Schnittblumen, mit denen die 45-Jährige arbeitet, kommen aus der ganzen Welt. Aus Südamerika. Aus Israel, Südafrika oder Italien. Und Schmitt hat einen Traum: „Irgendwann möchte ich mal alle Länder bereist haben, aus denen meine Blumen kommen.“  •

www.blumenhaus-am-hofgarten.de

 

 

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