Fenster zur Welt


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2018

Der Presse-Pavillon auf der Königsallee steht seit mehr als hundert Jahren 
an exponierter Stelle: am Nordende der Prachtstraße. Er hat eine bewegte 
Geschichte hinter sich. Pächter Ralf Eisele weiß davon zu berichten.

Den frühen Vogel mit dem Wurm gibt Ralf Eisele schon länger nicht mehr. Vor über zehn Jahren war er morgens gegen acht Uhr am Platz, um sein Geschäft anzuwerfen. Die Tageszeitungen auf die Außenständer legen, die Magazine im Innenraum sortieren, Zigaretten und Souvenirs auffüllen: Was bei seinem Job eben so anfällt. Inzwischen fängt der 54-Jährige damit fast zwei Stunden später an. „Die Zeiten, wo hier was los ist, haben sich deutlich nach hinten verschoben“, erklärt er. „Auch der Kaufhof macht heute nicht vor halb zehn auf. Da hat sich ganz schön was verändert in der Innenstadt ...“

Im Rhythmus des alltäglichen Lebens zu bleiben, sich anzupassen an dessen wechselhaften Puls: Für den Pächter eines Verkaufsstands ist das obligat. Vor Eiseles Nase, an der Nordseite des Corneliusplatzes, fließt ja ein steter Strom aus Passanten vorbei, mal dicker und mal dünner. Wer von denen tatsächlich anbeißt und die paar Schritte bis an sein Fenster macht, will ebenso schnell wie freundlich bedient werden. Sonst ist er ganz schnell in den nächsten U-Bahn-Schacht oder den nächsten Laden abgetaucht, wie der Routinier nach über 15 Betriebsjahren weiß. Manchmal ist ein Stammkunde darunter, gerade bei den Zeitungskäufern. So wie Fußballikone Rudi Völler, der hier ab und an seine italienischen Sportgazetten kauft. Meistens aber hat Eisele es mit Laufkundschaft jedes Alters, jeder Schicht und jeder Nationalität zu tun.

Etwa jeder Dritte will auch gar keine Vogue und keine Marlboro, sondern bloß einen Tipp, um sich in der fremden Stadt zu orientieren. Wer den nicht ebenso höflich versorgt, wäre für Eisele fehl am Platz. „Man muss Spaß an Menschen haben und sich selbst ein bisschen öffnen“, ist er überzeugt. Und: „Wer lächelt, bekommt das zu 99 Prozent zurück. An dem einen Prozent kann man sowieso nichts ändern.“

„Der Pavillon stand schon in den 70ern für das Flair der Weltläufigkeit“

exponierter Stelle steht. Am Nordende der Kö, gegenüber dem Tritonenbrunnen, wird schließlich der Nabel der Stadt verortet. Mehr „Innen“ geht nicht.Schon auf alten Aufnahmen kurz nach 1900 kann man auf der Brücke, gleich bei der historischen Standuhr alias „Grüne Mathilde“, einen kleinen Rundbau mit Spitzdach ausmachen. Das war zunächst ein Milchstand, der vor allem Fahrgäste der Rheinbahn versorgte – die Wagenzüge mehrerer Linien drehten an dieser Stelle mit hörbarem Knirschen. Ab den 20ern trug das runde Häuschen den Schriftzug der Lokalzeitung „Der Mittag“, die hier verkauft wurde. Zum braunen Herbst 1933 reichte der Architekt Julius Alf, Mitbegründer der Jonges, bei der Stadt seinen Entwurf für einen großzügigeren Pavillon ein. Nicht lange danach war die geradlinige Konstruktion aus Stahl und Glas errichtet: Ticketschalter, Verkaufs- und Unterstand.

Kiosk, Uhr und Brunnen bildeten für die Düsseldorfer und ihre Gäste ein festes Ensemble auf der Flaniermeile. Noch in den 70ern konnten sie aus über hundert Tageszeitungen in zig Sprachen wählen, um sich damit auf den Bänken am Stadtgraben oder in den Cafés niederzulassen. So steigerte der Pavillon das Flair der Weltläufigkeit und fungierte mit Stadtplänen und Broschüren auch noch als gefühlte Zweigstelle der Stadtinformation. Wer hier arbeiten wollte, sprach besser einige Fremdsprachen und pflegte einen diplomatischen Stil.

Heute hält Ralf Eisele, der im Geschäft aushalf, bevor er es vor 15 Jahren von der Betreiberin Astrid Hansen übernahm, deutlich weniger Zeitungen vor. Die dicken Modeschwarten aus Frankreich und anderswo aber sind auch in digitalen Zeiten noch im Angebot. Genau wie die Schlüsselanhänger und Tassen mit dem Stadtwappen, die Postkarten, Kuckucksuhren und was Touristen noch so alles wollen. Und irgendwas machen seine beiden Mitarbeiter und er offenbar richtig, schließt der Pächter, „wenn manche Kunden extra einen Umweg machen, um hierherzukommen. Da zahlt sich Freundlichkeit aus.“

Umwege waren in den letzten Jahren auch nötig. Mit den Großbaustellen für die Wehrhahn-Linie und den Kö-Bogen wurde der Presse-Pavillon häufiger herumgeschubst, wanderte die Brücke mal rauf und mal ­runter – bedrängt von Baggern, Betonmischern und Containern. „Dadurch waren wir ganz gut versteckt“, erinnert sich Eisele, „das war für den Verkaufserfolg nicht gerade förderlich.“ Vor drei Jahren sah es gar nach dem Ende des Vorzeige-Kiosks aus: Im Masterplan für den neuen Corneliusplatz kam er nicht mehr vor. Dann machte sich der Stadtrat erfolgreich für das Denkmal der Stadtkultur stark. So führen Eisele und seine Mitarbeiter nun eine Art Leben nach dem Tod. Der von Julius Alf gestaltete Bau aus den 30ern ist längst entsorgt. Statt seiner ist nun das Oktaeder, das früher unterm Tausendfüßler hockte, noch mal zum Einsatz gekommen. Das ist für Eisele gut genug: Wenn er gegen 19 Uhr die Läden runterlässt, tritt er seinen Heimweg in der Regel mit einem Lächeln an. „Ich kann hier die Selbstständigkeit mit der Freude an der Arbeit verbinden“, sagt er, „und solange ich mit dem Herzen dabei bin, kann ich sagen: Okay, das ist meine Welt.“ •

Presse-Pavillon Eisele, Königsallee 12, 40212 Düsseldorf

 

Text: Bertram Job

Fotos: Raphael Janzer

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