Entspannt Elegant

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2019

Text: Katharina Pfannkuch 
Fotos: Steffen Schraut

 

Vor 27 Jahren machte er Düsseldorf zu seinem Zuhause, seitdem prägt er die Modeszene am Rhein und weit darüber hinaus: Steffen Schraut ist einer der erfolgreichsten deutschen Modemacher. Ein Besuch in seinem Showroom.

 

In die Ferne schweifender Blick, entspannte Haltung, wenig Make-up: Nadja Auermann, als eines der Supermodels der 90er berühmt geworden, heute vierfache Mutter, bekannt für ihre makellose, immer etwas unterkühlt wirkende, aber wandelbare Schönheit und für ihre Disziplin, ist das Gesicht der aktuellen Kampagne von Steffen Schraut. Das perfekte Match. Schließlich gilt auch Schrauts Mode als entspannt und zugleich elegant, setzt lieber auf Details und qualitativ hochwertige Stoffe als auf Knalleffekte und Provokationen. Seit 2002 ist der 49-Jährige mit seinem Label erfolgreich. Auch, weil er von Anfang an seine Kollektionen von Konfektionsgröße 34 bis 46 produzieren ließ – bei vielen anderen Marken läuft alles jenseits der 42 schon unter „Plus Size“.

 

„Wir setzen ganz bewusst auf Einzelteile.“

 

Nicht nur bei den Größen denkt der in der Nähe von Reutlingen geborene Schraut weiter. Während einige seiner Kollegen noch an Passformen feilen, die auch an Figuren von Frauen jenseits der 50 gut sitzen, fallen seine Pullover, Blusen und Blazer locker, ohne unförmig zu wirken, umschmeicheln seine Kleider und Röcke lieber die Knie, als kurz unterm Po zu enden, so sind sie fast universell einsetzbar. So manchem selbst ernannten Modekritiker mag das auf den ersten Blick vielleicht etwas gediegen erscheinen, doch Schraut hat gar nicht nur das Ideal der von Kopf bis Fuß in seine Entwürfe gekleideten Kundin vor Augen. Er mag Stilbrüche. Seine Mode soll vor allem eins sein: vielfältig einsetzbar. „Wir setzen ganz bewusst auf Einzelteile. Die passen natürlich auch zusammen, aber ich finde es gerade spannend, wenn Frauen sie mit anderen Marken kombinieren.“ Die so entstehenden Looks überraschen und inspirieren ihn selbst oft. 

Mittlerweile ist seine Mode an 300 Standorten in Deutschland zu haben, bei Unger in Hamburg etwa, Lodenfrey in München, Breuninger in Düsseldorf. 200 Standorte gibt es international, Steffen-Schraut-Entwürfe werden in 20 Ländern und Onlineshops wie Stylebop und Zalando verkauft. Schraut vergibt Lizenzen für Taschen- und Schuh-Kollektionen, gerade launchte er gemeinsam mit Möve seine erste Home Collection. Es läuft gut für ihn. Dabei gilt der deutsche Modemarkt nicht gerade als einfach. Zu ausgefallen soll es nicht sein, aber auch nicht langweilig. Nicht zu teuer, aber qualitativ hochwertig. Wer sich für Mode begeistert und sie sich auch etwas kosten lässt, gilt schnell als dekadent oder oberflächlich, wie auch Diskussionen über Gerhard Schröder im Brioni-Anzug oder Dorothee Bär im Marina-Hoermanseder-Minikleid immer wieder zeigen. Viele deutsche Marken geraten da ins Straucheln, Gerry Weber etwa oder Rena Lange. 

Steffen Schraut aber behauptet sich nun schon seit 17 Jahren erfolgreich. Statt lauter Schlagzeilen und medialer Überpräsenz ebneten ihm leise Töne, hohe Qualität und bezahlbare Preise den Weg in unzählige Kleiderschränke. Seine Kampagnen greifen zwar aktuelle Themen wie Diversity auf, schocken das Publikum aber nicht in Benetton-Manier. Auch er selbst tritt oft an der Seite seiner Models vor die Kamera. Meist mit zurückhaltendem Lächeln und wachem Blick aus den blauen Augen, in schlichtem weißem T-Shirt oder, wie an Nadja Auermanns Seite, ganz in Schwarz. Er sehe sich eher als unternehmerisch denkenden Modemacher denn als rein kreativ arbeitenden Designer, so Schraut. Das habe auch etwas mit Respekt vor dem Handwerk des Desi-gners zu tun, schließlich habe er keine der großen Modeschulen wie die Central Saint Martins in London besucht. Das klingt bescheiden, aber auch im wahrsten Sinne des Wortes selbstbewusst. Vor allem, wenn man Schrauts Werdegang betrachtet.

Bei Reutlingen wuchs er auf, noch heute ist die leicht schwäbische Melodie nicht zu überhören, wenn er spricht. Seine Mutter leitete das familien-eigene Textilunternehmen Hämmerle, die Stofflager bezeichnet er oft als seine damalige Spielwiese. Mode faszinierte ihn schon früh. Vor allem auf Wunsch seines Vaters, eines Bankdirektors, machte Schraut aber zunächst eine klassische Banklehre. Die betrachtet er heute als ideale Grundlage für die Selbstständigkeit. Seine Leidenschaft aber war die Mode. Schraut arbeitete im Familienunternehmen, machte Praktika bei Escada und reiste schließlich als Trendscout durch die internationalen Modemetropolen. Ein wichtiger Job in einer Zeit, in der Schnappschüsse von Laufstegen, Streetstyles und Schaufenstern noch nicht in wenigen Minuten per Smartphone durch die Welt geschickt und im Netz hochgeladen werden konnten.

 

„Ich liebe es, Menschen zu beobachten, auch auf der Straße oder im Supermarkt.“

 

Noch immer mache er gerne „Inspirationsreisen“, erzählt Schraut. Die können nach Berlin, New York oder auch nur für eine Stunde auf die Art Cologne führen. Auch seine Wahlheimat Düsseldorf inspiriere ihn: „Ich liebe es, Menschen zu beobachten, auch auf der Straße oder im Supermarkt. Es muss nicht immer eine Vernissage oder die Kö sein.“ Wenn er von Düsseldorf spricht, gerät er ins Schwärmen: „Vor 27 Jahren kam ich der Liebe wegen her und verliebte mich auch gleich in die Stadt. Wo sonst findet man so viel Internationalität, sei es durch Kunst, den Tourismus, die Shoppingmöglichkeiten oder natürlich die einzigartige Lage? Dennoch leben wir nicht zwischen Hochhäusern, sondern haben den Rhein und viel Natur um uns. Von Anfang an habe ich mich hier wohlgefühlt.“

Auch deshalb bestand nie ein Zweifel, dass die Modestadt Düsseldorf der ideale Standort für seine eigene Firma sein würde. Schraut wollte selbst Trends setzen, statt sie nur aufzuspüren. Also gründete er 2002 gemeinsam mit seinem Lebens- und Geschäftspartner Thomas Schneider das Label. Schrauts Vision ist keine rein kreative: „Es geht nicht nur um Selbstverwirklichung, ich trage ja wirtschaftliche Verantwortung.“ Da spricht wieder der Unternehmer in ihm. Im Düsseldorfer Showroom beschäftigt er zehn Mitarbeiter, hinzu kommen Zulieferer, Produzenten in Asien und Europa und das wachsende Lizenzgeschäft. Schraut erzählt seine Geschichte unaufgeregt, er inszeniert sich nicht wie so manch anderer im Modezirkus, spricht leise und bedacht, wirkt manchmal fast selbst überrascht vom Erfolg. Und doch benannte er sein Label nach sich selbst.

 

 

Sich wohl und dadurch schön fühlen.

 

Sein Name ist untrennbar mit der Marke verbunden, steht nicht nur in jedem Etikett, sondern mittlerweile auch als großer Schriftzug auf manchen Entwürfen. Daran musste er sich tatsächlich erst gewöhnen. „Anfangs konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass jemand etwas kaufen würde, auf dem Steffen Schraut steht“, erinnert er sich amüsiert. Die Idee dazu kam von Peter Schmidt, dem legendären Designer, der neben Parfumflakon-Klassikern auch schon Jil Sanders prägnantes und minimalistisches Namens-Logo entworfen hatte. Als er das erste Mal ein gewebtes Logo mit seinem Namen sah, habe er tagelang lächeln müssen, so Schraut, noch heute gehe es ihm manchmal so.  Der große Schriftzug an der Fassade seines Showrooms dürfte also für besonders gute Laune sorgen. 

Oft kommt Schraut morgens zu Fuß her. Ihr Zuhause schützen er und Schneider, Homestorys sind die Ausnahme. Nur wenige Minuten vom Showroom entfernt liegt der gemeinsame Rückzugsort. Hier, zwischen Pop-Art und Schwarz-Weiß-Fotografien, Midcentury-Möbeln und Objekten aus den 80ern, genießt Schraut auch gerne mal ein Wochenende in Jogginghose. Eine ganze Sammlung habe er, sein Favorit ist 15 Jahre alt, verwaschen – und offenbar so bequem, dass der Modemacher schon beim Erzählen ganz entspannt wirkt. Lieblingsteile will er designen, auch Schraut selbst ist seinen Lieblingen treu. Das können 22 Jahre alte Lederschuhe von Helmut Lang, brandneue und streng limitierte Sneaker oder eben eine alte Jogginghose sein. Sich wohl und dadurch schön fühlen, dieser Prämisse folgt er privat und beim Entwerfen von Mode. Und die ist, wie Schraut selbst, ganz souverän und auch ohne laute Knalleffekte ziemlich erfolgreich. •

 

www.steffenschraut.com

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