Eine Adresse auf der Kö ist wie eine Anzeige in der Vogue

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 4/2018

Nur knapp einen Kilometer lang und doch berühmter als jede andere Straße in Nordrhein-Westfalen, vielleicht sogar deutschlandweit. Die Königsallee. Für Anton Klees war sie als Kind die normalste Straße der Welt. Seine Mutter betrieb bis 2001 das Unternehmen Fuchs-Greves auf der Kö. Bis Gucci eines Tages anrief. 

Anton Klees, Jahrgang 1966, führt heute die Digital-Agentur active value in Unterbilk und lebte lange in New York City. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er auf der Königsallee. Seine Familie betrieb über drei Generationen (1911–2001) das Einzelhandelsunternehmen Fuchs- Greven. „Alles für den gedeckten Tisch“ oder „Schenken fürs Wohnen“ waren Slogans der Familie, die Porzellan, Keramik, Glas, Gartenmöbel und Tischwaren jeglicher Art anbot. Damals bestand die Kö noch aus verschiedenen Einzelhändlern, weltweit operierende Ketten existierten nicht. 

„Die Königsallee war für mich ein Ort von großer Normalität, der Ort einer großen Familie. Zum einen bestehend aus meiner wirklichen Familie, aber eben auch aus den Mitarbeitern des Geschäfts. Es war ein Mikrokosmos. Meine ersten Erinnerungen sind die, dass ich in einen Kindergarten in Kö-Nähe ging und dann von einem Lehrling oder einer Mitarbeiterin abgeholt wurde und meine Nachmittage im Laden verbrachte. Als Kind in einem Einzelhandelsunternehmen hilft man schon früh mit. Wir machten keine wirklichen Urlaubsreisen, sondern Geschäftsreisen. In den Sommerferien sind wir in Glas- und Porzellan-fabriken gefahren, anstatt nach Mallorca, aber ich mochte das immer gerne“, erinnert sich Klees. Auf 500 Quadratmetern arbeiteten bis zu 36 Mitarbeiter bei Fuchs-Greven.

„Die Königsallee war mein Mikrokosmos“

Jeder Mitarbeiter bekam von seiner Mutter zu Weihnachten einen handgeschriebenen Brief, die Kinder der Angestellten wurden mit Büchern beschenkt. Der treueste Mitarbeiter war Rudolph Rachen, er blieb 50 Jahre. Mit 15 Jahren begann er seine Lehre, später stand er Klees’ Mutter als Geschäftsführer zur Seite. Mit der Schließung 2001 beendete der damals 65-Jährige sein Berufsleben.

„Früher war die Königsallee ein Ort des Handels. Es gab zwar einzelne Händler, die immer schon exklusive Waren anboten, aber die Menschen besuchten die Königsallee auch, um Waren für den täglichen Gebrauch einzukaufen. Es gab einen Metzger, Café-Konditorei Hemesath, den Benrather Hof, die Buchhandlung Schrobsdorff und Heinemann. Sie waren alle Einzelhändler, kleine Läden, die ihr Geld auf der Kö verdient haben. Das Bild hat sich sehr gewandelt, heute gibt es viele globale Luxusbrands, die mit ihren Marken vertreten sind. Denn die Kö hat ihre Anziehungskraft nie verloren, eine Adresse auf der Königs-allee ist wie eine Anzeige in der Vogue“, erzählt der Düsseldorfer. 

Willi Greven eröffnete das Geschäft unter dem Namen „Greven“ 1911 auf der Königsallee 74. Seine Nichte Maria und ihr Mann Anton Fuchs, Klees’ Großeltern, übernahmen das Unternehmen 1943. In diesem Jahr wurde aus Greven der Name Fuchs-Greven. Ab 1961 zog das Unternehmen auf die Kö 38/40. Anton Klees’ Mutter Inge Klees führte das Geschäft ab 1982, gemeinsam mit Rudolph Rachen. Das Familienunternehmen erlebte in seiner 90-jährigen Existenz alle Höhen und Tiefen der Geschichte.

Erster Weltkrieg, Zweiter Weltkrieg, das Wirtschaftswunder und die Veränderungen durch die Digitalisierung in den vergangenen 20 Jahren. „Vor dem Zweiten Weltkrieg hatten wir Premiummanufakturen wie Meißen oder Herend. Mein Großvater hat dann gesagt: ,ich sitze hier mit Mokkatassen für 500 Mark, das bringt mir nichts, wir müssen sehen, dass wir da moderner und günstiger werden.‘“ Sie veränderten ihr Geschäftsmodell, führten auch Marken wie Iittala ein und wurden zum größten Alessi-Händler Deutschlands. Trotz der Widrigkeiten im Wandel der Zeit – der sehr persönliche Kontakt zu Kunden und Händlern blieb über alle Jahre bestehen. „Familien wie die Flicks oder Cloppenburgs waren unsere Stammkunden.

Die kamen auch mit ihren persönlichen Nöten zu uns. Also nicht finanzieller Natur, sondern eher Einrichtungsnöten. Das Geschirr müsste zur Jagdhütte passen, die Möbel zur Vertäfelung, das Porzellan sollte den gleichen Ton haben wie der Sand vor der Ferienvilla auf den Malediven“, erzählt er mit einem Lachen. Wie auch die lustige Anekdote mit dem Besteckfabrikanten und Industriedesigner Carl Potts: „Potts hatte drei große Leidenschaften. Design, Sportwagen und Western. Er kam also gerne in seinem Jaguar oder Rolls-Royce aus Solingen, sah sich im Lichtburg-Kino auf der Kö einen Western an und schlenderte anschließend an unserem Schaufenster vorbei. Am nächsten Tag rief er an und echauffierte sich darüber, dass sein Besteck nicht dekoriert war. Das waren noch persönliche Geschäftsbeziehungen, die nicht nur auf Rendite ausgerichtet waren.“

Trotz der schönen Erinnerungen – Klees wollte das Geschäft nicht übernehmen. Er machte eine Banklehre, studierte in den USA und arbeitete anschließend für die Onlineagentur Pixel Park, bis ihn der Anruf seiner Mutter kurz vor der Jahrtausendwende erreichte. „Sie war zu diesem Zeitpunkt circa 70 Jahre alt. Sie sagte: „Da kommt jemand von Gucci vorbei, der will unseren Laden übernehmen.“ Mir war klar, dass der nicht unseren Laden, sondern unseren Mietvertrag wollte. Wir unterschrieben immer für fünf Jahre und jedes Mal wurde die Miete erhöht. Am Schluss waren wir ungefähr bei 80.000 Deutschen Mark im Monat. Ich habe dann meiner Mutter dargelegt, dass aufgrund der Entwicklungen wie steigender Mieten, steigender Kosten, schlechterer Rendite, Veränderungen durch Digitalisierung, Nachfolgesuche eine Übergabe an Gucci eine gute Möglichkeit sei, um das Kapitel Fuchs-Greven zu beenden.

Wir haben dann mit Gucci eine sogenannte Key-Fee ausgemacht. Sie haben unseren Mietvertrag übernommen, dadurch Geld gespart, wir haben daran verdient und konnten unsere Mitarbeiter abfinden“, erklärt Anton Klees. Er hatte die Aufgabe, die Mitarbeiter über die Schließung zu informieren. Seine Mutter war zu aufgeregt dafür, Fuchs-Greven war jahrelang ihr Lebensmittelpunkt. Während Klees die Nachricht überbrachte, schmierte sie Brote für die Belegschaft. Noch heute treffen sich die Mitarbeiter von damals und veranstalten eine Weihnachtsfeier. Fuchs-Greven schloss am 31. Dezember 2001 für immer seine Türen auf der Königsallee. 

Text: Britt Wandhöfer

Fotos: Archiv Anton Klees

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