Düsseldorfs feinstes Parkhaus

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 4/2018

Ikonen aus Stahl, Aluminium und Chrom. Zeitzeugen einer Epoche, deren Ende unweigerlich näher rückt. Höchste Zeit, den Glanzlichtern der Ära der Verbrennungsmotoren eine ganz eigene Ausstellung auf musealem Parkett zu gönnen und sie aus dem Dunkel der Sammlergaragen ins Licht der Öffentlichkeit zu holen. Denn was Giorgio Giugiaro, Battista „Pinin“ Farina, Graf von Goertz, Giovanni Bertone oder Raymond Loewy vor rund 50 Jahren auf die Räder stellten, sind synästhetische Skulpturen – automobile Kunst, die ihren Thron im Kunstpalast verdient. Wir haben die Ausstellung „PS: ich liebe Dich!“ einige Tage vor der Eröffnung besucht.

Für das Anschauen und Bestaunen schöner Autos blieben Autoliebhabern bisher nur beschränkte Möglichkeiten – entweder sie besuchten die Verkaufsmessen, wo die vierrädrigen Preziosen zusammengepfercht in Messehallen vor drängelndem Publikum stehen, sie fuhren zum ehrwürdigen Goodwood Revival oder reisten zu den wenigen Privatsammlungen wie der Collection Schlumpf. Aber eine solch kuratierte und konzeptionelle Automobilsammlung, wie sie jetzt im Kunstpalast Düsseldorf zu sehen ist, ist nahezu einmalig. Damit befindet sich Düsseldorf in bester Gesellschaft zum Museum of Modern Art in New York, das erstmals 1951 acht zeitgenössische Fahrzeuge ausstellte.

Heute im Kunstpalast ist das Konzept allerdings deutlich anders und es gibt erheblich mehr zu bestaunen: 29 Designikonen präsentieren sich minimalistisch auf das Wesentliche reduziert – auf ihr Design. Im Fokus stehen hier die Sportwagen der 50er- bis 70er-Jahre, deren Formensprache die Messlatte im Automobildesign höhergelegt hat. Die Designelemente dieser Epoche prägen bis heute das Erscheinungsbild unserer Fahrzeuge – und das beileibe nicht nur im populären Retrolook eines BMW Z8 oder eines Ford GT40. Schon immer zeigte sich der Wille zur Revolution im exklusiven Segment des Sportwagenbaus besonders deutlich, da hier die Designer anders als bei den Brot-und-Butter-Autos ihrer Kreativität freien Lauf lassen konnten. Ohne auf so lästige Kleinigkeiten wie Kofferraum, vier Türen oder gar den Verbrauch achten zu müssen.

Gehören Autos ins Museum? So doppeldeutig die Frage, so eindeutig die Antwort: ja. Denn nichts hat die Gesellschaft und das Design der letzten rund 130 Jahre so geprägt wie das Automobil – auch wenn im Zuge des Mobilitätswandels der Individualverkehr auf dem Prüfstand steht und eine zunehmend kritische Auseinandersetzung mit dem Verbrennungsmotor an Fahrt gewinnt und gar in Fahrverboten gipfelt: Der Faszination der rollenden Skulpturen aus der goldenen Ära des Automobildesigns kann sich trotzdem kaum einer entziehen. Aber warum begeistern uns die schnellen Sportwagen dieser Zeit ganz besonders?

Die Kuratorin der Ausstellung Barbara Til erläutert: „Dahinter steckt ein tief verwurzeltes Bedürfnis nach sublimer, ikonischer Schönheit und Kraft, das seine Erfüllung im 20. Jahrhundert gerade in den verheißungsvollen Möglichkeiten des Automobils findet, in jenen lustvollen Versprechungen von Geschwindigkeit, Schönheit und Emotion. Am eindringlichsten bedienen Sportwagen und Rennautos dieses hochemotionale Feld, denn nirgends wird jenes mythische Narrativ vom „Benzin im Blut”, von Geschwindigkeitsrausch, Abenteuerlust und Grenz-erfahrung so offen zelebriert wie im Rennsport. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Faktor: Ein Sportwagen wird nie als Gebrauchsgegenstand im herkömmlichen Sinne wahrgenommen, sondern stets als Ausdruck von Ästhetik, Stil und Leidenschaft, kurzum als Artefakt der Avantgarde.“

Die Ausstellung schafft hier den erstaunlichen Spagat, die pure Lust der hedonistischen Freude am Auto fernab von Sorgen um den  Klimawandel oder Unfallzahlen so mit einer kunstwissenschaftlichen Betrachtung zu kombinieren, dass man die Sportwagen ohne zeitgenössisch schlechtes Gewissen gebührend genießen kann. Fragt man den zweiten Kurator der Ausstellung Dieter Castenow als  passionierten Autosammler und bekennenden Automobil-Aficionado  nach seiner Sicht zu den rollenden Exponaten, kommen ganz andere Aspekte zur Sprache.

Er repräsentiert die Benzin-im-Blut-Ader der „PS: ich liebe Dich!“-Idee und kennt zu jedem Exponat die Geschichte, die sich dahinter verbirgt, und warum genau diese Version, dieses Baujahr und vor allem auch diese Farbe dort parken. Der Aspekt Farbe spielt bei den ausgestellten Fahrzeugen übrigens eine besondere Rolle – kennt man Enzo Ferraris Schöpfungen gemeinhin in Rot – oder besser: „Rosso corsa“ –, findet man hier etwa einen Ferrari Daytona in einem pastelligen Gelbton. Wie ausschlaggebend die Farbe für die Anmutung des Karosseriedesigns wirklich ist, demonstriert die Ausstellung eindringlich mit gleich zwei 300 SL. Das eine Modell ist in der bekannten Silberpfeil-Lackierung zu sehen, daneben aufgereiht findet sich eines von nur 15 je gebauten in Bordeauxrot. Optisch ein völlig anderes Auto – was zugegebenermaßen an einem weiteren Trick liegt: Am Silberpfeil sind die ausladenden Chromstoßstangen entfernt, um die pure Ästhetik der fließenden Linienführung freizulegen.

„Wir zeigen die Endstufe der Automobile“

Die 29 Fahrzeuge von internationaler Bedeutung stammen übrigens zu 80 Prozent aus Düsseldorf und der näheren Umgebung. Das ein oder andere Fahrzeug könnte dabei Geschichten aus einem bewegten Autoleben erzählen – schaut man zum Beispiel einmal beifahrerseitig auf die Windschutzscheibe des Bizzarrini GT Strada, wiederholt der offensichtlich die Geschichte, die schon seinem kongenialen Schöpfer widerfuhr – er wurde Opfer finanzieller Schwierigkeiten, die sich heute noch im Siegel des Gerichtsvollziehers zeigen. Der nach wie vor auf der Scheibe klebende Kuckuck zeugt übrigens nicht nur von einem Humor, der einer gewissen Größe bedarf, sondern zeigt ebenso, dass auch immer wieder bessere Zeiten kommen.

Zum Beispiel als Ausstellungsstück im Kunstpalast und als Liebling der Kuratorin Barbara Til, die den Bizzarrini zu ihrem Lieblingsstück erkoren hat. Fragt man Dieter Castenow, welche Fahrzeuge er in 40 Jahren in die Ausstellung nehmen würde, kommt wie aus der Pistole geschossen die Antwort: „Die gleichen!“ Nach einer gewissen Bedenkpause fügt Castenow hinzu: „Ergänzt von den Endzeit-Autos der heutigen Zeit: McLaren F 1, Pagani, Königsegg, Lamborghini Aventador oder Bugatti Veyron – das, was heute die absolut oberste Stufe der Entwicklung darstellt. So wie die heutigen Exponate das Bestmögliche repräsentieren, was zu ihrer Zeit ging.“ 

Auch diese Autos werden die meisten vermutlich nur im Museum zu sehen bekommen – oder mit ein bisschen Glück auch auf der Kö. 

 

Text: Olaf Ebeling | Fotos: Matthäus Walotek

PS: Ich liebe Dich

Sportwagen-Design der 1950er bis 1970er Jahre 27.
Die Ausstellung läuft bis zum 10. Februar 2019.
Museum Kunstpalast, Ehrenhof 4 - 5, 40479 Düsseldorf

www.smkp.de

 

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