Die Fülle eines Flügels


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2018

Mit einem präparierten Flügel zaubern die Grandbrothers einen Sound, dessen vielschichtiges Klangspektrum ebenso begeistert wie verblüfft. Die Idee dazu hatten die beiden während ihres Studiums am Düsseldorfer Institut für Musik und Medien.

Da geht doch mehr“, denken sich Erol Sarp und Lukas Vogel, als sie damit beginnen, die klassischen Klänge eines Konzertflügels elektronisch zu bearbeiten. Da studieren die beiden noch „Ton- und Bildtechnik“ am Düsseldorfer Institut für Musik und Medien (IMM). Ihre Idee: mit einem Flügel Sounds zu kreieren, die man so noch nie gehört hat. Heute, sieben Jahre später, sind sie Shootingstars der kontemporären Musikszene. Ihren Ansatz haben sie mittlerweile zu einem vielschichtigen Klangkosmos ausgebaut, der Ambient, Jazz, Hip-Hop, Beatmusik, Elektro und klassische Komposition in sich vereint. Ihr zweites Album „Open“ präsentierten sie erst kürzlich europaweit in über 50 Städten, unter anderem im Düsseldorfer Zakk.

Und das kam so: Kontakt zur Musik haben beide schon früh. „Mein Vater hat viel Klavier gespielt“, erinnert sich der Schweizer Lukas Vogel. „Wenn wir abends im Bett lagen, haben uns seine klassischen Stücke in den Schlaf begleitet. Außerdem habe ich als Kind bei den Zürcher Sängerknaben gesungen. Das war mein Ding!“ Als Jugendlicher spielt er auch selbst Klavier, fängt an, „am Computer rumzubasteln“, nimmt Stücke auf und experimentiert mit Beats und elektronischen Sounds.

 

Nach dem Abitur ist klar, dass es auch beruflich in diese Richtung gehen soll. Der Düsseldorfer Studiengang „Ton- und Bildtechnik“ am IMM passt perfekt zu seinen Ambitionen. Auch Erol Sarp spielt schon als Kind Klavier, macht als Jugendlicher einen Abstecher zu E-Gitarre, Bass und Schlagzeug, um das Piano später durch die Jazzmusik noch einmal völlig neu zu entdecken. „Beim Jazzklavierunterricht gab es viel mehr Freiheiten und Möglichkeiten zur Improvisation. Da hab ich erst richtig gemerkt, was für ein tolles Instrument das Klavier ist.“ Auch er entscheidet sich für den Studiengang am IMM, denn auch er hat nicht nur ein Faible für Musik,
sondern ebenso für Technik.

„Wie viele Klänge kann ein Flügel erzeugen, wenn man alle Teile nutzt?“

Direkt zu Beginn ihres Studiums 2007 freunden sich die beiden an, 2011 starten sie das Grandbrothers-Projekt. „Von Anfang an war klar, dass wir am Flügel neuartige Klänge erzeugen wollen, die man nicht erwartet“, resümiert Sarp. Inspiration erhalten sie unter anderem durch die Beschäftigung mit Minimal Music. „Steve Rech zum Beispiel war für uns beide wichtig“, so der Deutsche türkischer Abstammung. „Seine Musik ist wie unsere viel von Pattern (Anm. der Autorin: wiederkehrende rhythmische Strukturen) und Loops geprägt, wo gar nicht so viel drum herum passiert.“ „Zunächst haben wir nur Erols klassisches Pianospiel aufgenommen und es am Computer verfremdet“, erzählt Vogel.

„Dann haben wir damit begonnen, mit anderen Klangquellen am Flügel zu experimentieren.“ Sie entwickeln schließlich eine komplexe Apparatur aus kleinen Hämmerchen, die überall am Klavier montiert und verkabelt sind - auf den Saiten, aber auch innen und außen auf dem Korpus. Von Vogel elektronisch gesteuert, schlagen diese auf die unterschiedlichen Oberflächen. „Der Schlag auf Holz klingt percussionartig“, erläutert er.

„Das könnte was Großes werden“

„Flöten- oder orgelartige Sounds wiederum entstehen durch eine weitere Apparatur, die die Saiten elektromagnetisch zum Schwingen bringt.“ All diese verschiedenen Klänge verwebt Vogel zusammen mit Sarps „normalem“ Klavierspiel live am Computer. „Allein die komplexe Apparatur weckt stets großes Interesse“, so Sarp. „Aber auch unsere Musik selbst kommt total gut an. Bei vielen Projekten ist ja entweder das Konzeptuelle total spannend oder die Musik. Wir vereinen beide Aspekte.“

Ein frühes Aha-Erlebnis haben sie auf dem Berliner Fusion Festival 2015. „Da sind die Leute das erste Mal so richtig abgegangen“, berichtet Vogel. „Unser Konzert in Hamburg im Goldenen Pudel 2014 war ebenfalls ein großartiger, sehr wilder Abend. Da waren so herrlich schräge Charaktere im Publikum, die teilweise fast zu uns auf die Bühne gekommen sind – das hat großen Spaß gemacht“, erinnert sich Sarp lachend und fügt hinzu: „Es war von Anfang an unser Wunsch, auch in Clubs zu spielen. Und diese beiden Konzerte waren für uns definitiv ein Ansporn, unseren Weg weiterzugehen.“

Vor richtig großem Publikum spielen sie zum ersten Mal 2015 beim XJAZZ Festival in Berlin. „Das Konzert war in einer Kirche“, schildert Vogel. „Bevor es losging, waren wir backstage oben auf der Empore. Unten war der ganze Kirchenraum bereits komplett voll mit Leuten und es strömten ständig noch weitere rein. Und dann kam Dominik, unser Manager, hoch zu uns und zeigte uns ein Foto von einer riesigen Menschenschlange, die noch draußen anstand. Ein Publikum in dem Ausmaß hatten wir bis dahin nicht ansatzweise erlebt. Wir wurden sofort ultranervös, aber das Konzert war einfach grandios. Das erste Mal vor so einem großen Auditorium zu spielen, hat uns wirklich geflasht.“ Ungefähr in dieser Zeit wird beiden klar: „Wenn wir jetzt schlau sind und diesen Weg weitergehen, dann könnte das was Großes werden“, so Sarp. 

Zu den jüngsten Highlights ihrer steilen Karriere gehört definitiv auch der Support des derzeit sehr angesagten englischen Musikers Bonobo. „Mit ihm haben wir letzten November vier Konzerte vor bis zu 4.000 Zuschauern gespielt“, erzählt Vogel. „Das größte in Warschau, aber das schönste ganz klar im Kölner Palladium. Da kamen richtig viele Fans, das war echt toll.“ Auch beim Düsseldorfer Konzert im Zakk im April 2018 werden sie vom Publikum frenetisch gefeiert. Sehr charmant erläutern die beiden zwischen den einzelnen Songs, wie ihre Musik entsteht, und geben lustige Anekdoten aus ihrem Tour-Alltag zum Besten. Auf die Frage, wo sie sich in ein paar Jahren sehen, verraten sie: „Zurzeit überlegen wir, ob wir uns auf Dauer wirklich nur auf das Klavier beschränken wollen. Wir können uns jetzt auch vorstellen, mal mit anderen Musikern zusammenzuarbeiten. Das ist ein Thema, über das wir gerade ernsthaft nachdenken.“

 

Text: Susanne Ruprecht

Fotos: Celine Al-Mosawi

 

Infobox:

Die Grandbrothers bestehen aus dem in Wuppertal aufgewachsenen Jazzpianisten Erol Sarp und dem aus Zürich stammenden Elektronikmaster Lukas Vogel. Sie entwickeln ihr Projekt 2011 während ihres Studiums der „Bild- und Tontechnik“ am Düsseldorfer „Institut für Medien und Musik (IMM)". Für ihre Musik nutzen sie keinerlei synthetische Klangerzeuger, sondern bespielen ein Konzertpiano durch eine selbst entwickelte Apparatur gleichzeitig über seine Tastatur (Sarp) und via Laptop (Vogel). Ihre erste Single „Ezra Was Right“ (2015), bestehend aus minimalistischen Patterns, verhangenen Akkorden, dezenten Beats und klaren Melodien, wird über Nacht Kult. Das Debütalbum „Dila-tion“ erscheint 2015, ihr zweites Album „Open“ 2017. „Open“ präsentierten sie kürzlich europaweit in über 50 Shows.

www.grandbrothersmusic.com

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