Der Weltenerfinder

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2019

Text:Susanne Ruprecht

Fotos: Frank Beer

 

Im Sommer 2020 tritt Demis Volpi die Nachfolge von Martin Schläpfer als Chef des Balletts am Rhein an. Der 33-Jährige möchte Geschichten erzählen und den Menschen in den Mittelpunkt seiner Arbeiten stellen.

 

Dass er sein Leben dem Tanz widmen will, weiß der grundsympathische Deutsch-Argentinier schon früh. „Ich bin als Vierjähriger eines Morgens aus dem Bett gesprungen und habe meiner Mutter erklärt, dass ich Balletttänzer werde“, berichtet er lachend. „Aus dem Nichts! Keiner wusste, woher ich das Wort kannte oder was ich mir darunter vorgestellt habe.“ Er lässt nicht locker, bis er kurz darauf zum ersten Mal an der Ballettstange steht. „An meinen ersten Unterricht, meine erste fünfte Position, erinnere ich mich sehr gut! Das war unbeschreiblich – alles war mir auf merkwürdige Weise extrem vertraut, es fühlte sich sofort wie ein Stück Zuhause an.“ Fortan möchte er nichts anderes mehr machen. Im Alter von sechs Jahren beginnt er eine Tanzausbildung beim Instituto Superior de Arte del Teatro Colón in seiner Heimatstadt Buenos Aires. Der dortige Ballettdirektor Mario Gallizzi erkennt sein Talent und opfert fortan seine Mittagspause, um ihm täglich kostenlosen Einzelunterricht zu geben. Es folgen zwei Jahre an der National Ballet School in Toronto, wohin er mit gerade einmal 14 Jahren (ohne seine Eltern!) geht. Von dort wagt er den Sprung über den Großen Teich und wechselt an die John Cranko Schule in Stuttgart, die er als staatlich geprüfter Klassischer Tänzer abschließt. Dem Stuttgarter Corps de Ballet gehört er danach bis 2013 an.

 

„In der Ausdrucksmöglichkeit durch Körperlichkeit liegt das unglaubliche Potenzial des Tanzes.“

Als er ermutigt wird, auch einmal etwas zu choreografieren, ist er zunächst zögerlich. „Ich habe mindestens fünf Mal abgesagt“, erinnert er sich schmunzelnd. „Es war mir peinlich, so was vor meinen Kollegen zu zeigen. Als ich dann doch meinen ersten Pas de deux erarbeitet habe, wurde mir bei der Premiere schlecht. Das ist übrigens bis heute so: Es ist noch immer ein sehr komisches Gefühl, meine eigenen Stücke zu zeigen.“ Sein Debüt offenbart sein choreografisches Talent jedoch auf beeindruckende Weise – vom Stuttgarter Ballettchef Reid Andersons persönlich bekommt er umgehend Aufträge für weitere Stücke. Eine Schlüsselerfahrung ist seine Mitarbeit bei „La Juive“ („Die Jüdin“) von Fromental Halévy, inszeniert von Jossi Wieler und Sergio Morabito. „Ich habe plötzlich verstanden, dass die Bühne nicht nur ein Ort ist, wo man einzelne Schrittfolgen stattfinden lassen kann, sondern einer, wo man ganze Welten, ja Universen erfinden und in allen Details ausgestalten kann. Da habe ich entschieden: Das will ich machen.“ Sein erstes abendfüllendes Ballett – Ottfried Preußlers Krabat – wird ein Riesenerfolg. Es wird zum größten Kassenschlager von Andersons 22-jähriger Intendanz. Direkt nach der Uraufführung wird Volpi zum Hauschoreografen ernannt, eine Position, die er bis 2017 innehat.

 

„Der Mensch auf der Bühne steht bei mir immer im Mittelpunkt.“

 

Das Besondere an seinen Stücken ist der Wunsch, Geschichten zu erzählen: „Ich glaube, dass meine Arbeiten immer auch ein Stück Theater sind“, sagt er. „Auch wenn einige von ihnen neoklassisch oder zeitgenössisch sind und abstrakte Elemente beinhalten, sind sie dabei stets sehr narrativ. Der Mensch auf der Bühne steht bei mir immer im Mittelpunkt – viel mehr als ein rein formeller oder ästhetischer Ausdruck.“ Dieser Ansatz wird ab der Spielzeit 2020 auch die Düsseldorfer Tanzwelt prägen. „Unter Martin Schläpfer war die Neoklassik der wesentliche Kern eines sehr spezifischen Repertoires“, erläutert er. „Weil mich aber auch das Theater so sehr interessiert, werde ich es um Handlungsballette erweitern. Das hat man in Düsseldorf in den letzten zehn Jahren in dieser Form sicher eher seltener gesehen. Ich werde aber auch an das bestehende Konzept anknüpfen, aufstrebende zeitgenössische Choreografen einzuladen. Ich möchte, dass das Ballett am Rhein eine treibende Kraft in der Entwicklung von choreografischen Sprachen bleibt, und verschiedene Farben des Tanzes zeigen.“

Eine seiner Arbeiten liegt ihm besonders am Herzen: „Die Passion des Mädchens mit den Schwefelhölzern“ ist eine Symbiose aus dem Märchen von Hans Christian Andersen und der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach. „Wir haben mit wenigen Mitteln gearbeitet“, resümiert Volpi seine Inszenierung aus dem Jahr 2017. „Entstanden ist etwas, was viel größer ist als die Summe seiner Teile und das ganze Team tief berührt hat. Es geht bei dem Stück um Mitgefühl. Seine Botschaft lautet: Wir sollten alle viel bewusster dahin schauen, wo es vielleicht gerade nicht so schön und gemütlich ist. Zu den Menschen, die vielleicht gerade nicht so ins Bild passen, wie wir uns das vorstellen.“ Seine Vision ist, dass Tanz genau dazu beitragen kann. 

 

„Ich kann überall auf der Welt eine Tanzvorstellung anschauen und werde etwas erleben,
was ich nachvollziehen kann.“

„Ich hoffe, dass  meine Arbeit hilft, dass wir Menschen uns besser verstehen und mehr Empathie füreinander entwickeln.“ In diesem verbindenden urmenschlichen Aspekt liegt für ihn das Potenzial des Tanzes. „Tanz kann etwas ausdrücken, was man anders nicht auf gleiche Weise mitteilen kann. Er hat eine Direktheit und eine besondere Poesie“, erläutert er. „Seine Sprache braucht keine Vorkenntnisse. Ich kann mir überall auf der Welt eine Tanzvorstellung anschauen und werde etwas erleben, was ich zumindest teilweise nachvollziehen kann. Wo zwischen zwei Menschen eine Brücke gebaut wird. Tanz ist eine universale und sehr ursprüngliche Sprache. Da, wo wir als Gesellschaft oft scheitern, einander zu verstehen, können wir uns durch den Tanz vielleicht doch verbunden fühlen.“ •

 

 

Demis Volpi

Demis Volpi wurde 1985 in Buenos Aires geboren. Derzeit lebt er als freier Choreograf in Berlin. Zur Spielzeit 2020/21 wird er Chefchoreograf und Ballettdirektor des Balletts am Rhein. 

Er hat zahlreiche internationale Preise gewonnen: So war er 2018 für die International Opera Awards (Kategorie „Beste Produktion“ für „Death in Venice“, Staatsoper Stuttgart) und den Prix Benois de la Danse am Bolshoi Theater in Moskau (Beste Choreografie für „Salome“, Stuttgarter Ballett) nominiert. Er ist Träger des Deutschen Tanzpreises (2014, Kategorie „Zukunft“), wurde 2017 in der Kritikerumfrage der Zeitschrift Opernwelt zum Nachwuchskünstler des Jahres gewählt und erhielt den chilenischen Kunstkritiker-Preis. 

Er hat mehr als 40 Choreografien in der ganzen Welt kreiert, darunter Karneval der Tiere (2010), Capricen (2011), Krabat (2013), Elegie (2014), Chalkboard Memories (2014), Quasi una fantasia (2014), Ebony Concerto (2015), Die Geschichte vom Soldaten (2015), One and Others (2015), Nussknacker (2016), Salome (2016), Tod in Venedig (2017) sowie Operninszenierungen von Don Giovanni (2018) und Medea (2019).

 

www.demisvolpi.com

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