Champagner ist Haltungssache


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2019

Autor: Sebastian Bordthäuser

Das neue Jahr beginnt für die meisten Menschen mit einem Katalog guter Vorsätze, die je nach moralischem oder gesellschaftlichem Maßstab früher oder später verblassen. Mitte Februar ist in der Regel Schluss und man verfällt in seinen alten Trott. Wer braucht schon eine Bikinifigur im Winter? Außerdem sind es immer die gleichen, doofen Vorsätze: Ein paar Kilo abnehmen, um wieder in die olle Lieblingshose zu passen, mehr Sport treiben, gesünder essen oder der Klassiker: weniger Alkohol trinken. Doch wie wäre es, wenn man nicht das Trinken aufgibt, sondern stattdessen die Qualität verbessert? Wenn man Trinken wieder zum spektakulären Genussmoment macht, statt wahllos permanent irgendeine Brause in sich hineinzuschütten, nur um betrunken zu sein?Mein Vorsatz für das neue Jahr ist, mehr Champagner zu trinken.

Warum sollte ich schlechten Prosecco oder mittelmäßigen Sekt trinken, wenn ich Champagner trinken kann? Schließlich kaufe ich auch keine Kleidung, die mich lediglich warm hält. Auch höre ich keine Musik, die nur irgendwie o.k. ist, um eine Geräuschkulisse zu haben. Wie käme ich dazu? Wir sind in allen Bereichen optimiert bis zum Letzten, nur beim Alkohol und insbesondere Schaumwein ist noch jede Menge Luft nach oben. „Aber wer soll das alles zahlen?“, höre ich es rufen. Und der Einwand ist berechtigt, denn Champagner gibt es nicht für billig. Kein anderes Getränk symbolisiert Luxus, Prestige und Festlichkeit wie Champagner. Und nein, Sekt ist nicht das Gleiche! Oder übersetzt:

Ein Trabant ist kein Porsche. Champagner ist der unangefochtene König der Schaumweine. Seine Herstellungsmethode unterliegt dem strengsten Weingesetz der Welt, sie diktiert allen anderen ernst zu nehmenden Schaumweinen ihre Herstellung. Die Trauben wachsen auf den weltweit teuersten Böden und erzielen jährlich aufs Neue Höchstpreise. Die Handlese ist obligatorisch und somit die Entstehungskosten exorbitant (denken Sie an Spargel), der weitere Produktionsprozess ist langwierig und kostspielig. Er bindet Kapital für mindestens drei Jahre, oftmals noch viel länger. Dazu kommt die Lagerhaltung riesiger Mengen an Reserveweinen, die für seine Komposition benötigt werden. Sprechen wir über Champagner, sprechen wir nicht allein über Schaumwein, sondern über einen in Jahrhunderten gewachsenen kulturellen Wert. Den kann es natürlich nicht geschenkt geben, doch er muss nicht zwangsläufig teuer sein.

Die Trauben wachsen auf den weltweit teuersten Böden. Die Handlese ist obligatorisch.

Der deutsche Markt wird bespielt von den Marken der großen Champagnerhäuser. Deren Namen sind selbst den Menschen geläufig, die gar keinen Champagner trinken. Sie sind Marken wie Rolex, Porsche oder Cartier. Es geht um international gleichbleibende Qualität, ungeachtet der Jahrgänge und sonstiger Unwägbarkeiten der Natur. Dazu gehören natürlich auch große Werbebudgets und ein internationales Vertriebsnetz, das es ermöglicht, auch nachts an der Tankstelle noch eine Flasche Veuve Cliquot kaufen. Jedes Haus hat dabei seine eigene Stilistik, die bereits im Einstiegssegment das geschmackliche Fundament legt. Taittinger ist beispielsweise ein Chardonnay-Haus, während Bollinger auf Pinot setzt und seine Grundweine in Holzfässern ausbaut, was ihnen mehr Komplexität verleiht.

Krug baut alle seine Champagner ebenfalls immer im Holz aus, während bei Dom Perignon grundsätzlich alles im Edelstahl ausgebaut wird. Gosset Champagner durchlaufen keinen biologischen Säureabbau, was sie besonders spritzig macht, und Roederer baut eine Cuvée inzwischen nach biologischen Richtlinien aus. Bei allen großen Markenchampagnern jedoch gilt es, ein geschmacklich gleichförmiges Produkt zu schaffen. Alternativ dazu erleben in den letzten Jahren die Winzerchampagner einen enormen Aufschwung. Sie sind das genaue Gegenteil der Markenchampagner. Der Winzer liefert seine Trauben nicht an ein großes Haus und kassiert dafür einen ordentlichen Haufen Geld, sondern verarbeitet seine Trauben selbst und ist auch für die Vermarktung verantwortlich.

Das ist eine stramme Leistung, vor allem, wenn man an das drei Jahre gebundene Kapital denkt, bis er erstmals Geld sieht. Dafür unterliegen seine Champagner, oder Weine, wie man sie in der Champagne nennt, auch den Jahrgangsschwankungen, die aber auf Grund des langen Produktions- und weiteren Veredelungsprozesses weitaus weniger ins Gewicht fallen als bei Stillwein. Sie bieten eine andere, spannende Facette im Champagner-Universum, die Spielarten wie Blanc de Blancs, Blanc de Noirs, Millésimes oder Jahrgangschampagner in neuem Licht erstrahlen lässt. Noch dazu sind sie preislich oft attraktive Alternativen zu den großen Häusern. Diese Champagner stehen aufgrund der geringen verfügbaren Mengen oft nur im Fachhandel, aber wer kauft schon seinen Champagner im Discounter?

Champagner Veuve Fourny 

Blanc de Blancs 
1er Cru Brut Nature 

Dies ist die knochentrockene Version des Blanc de Blancs. Dank des reifen und gesunden Leseguts und der grandiosen Handwerkskunst der Brüder Fourny ist der Champagner sehr harmonisch und ausgewogen und nicht so hart wie viele -Brut-Nature-Qualitäten anderer -Winzer. Die salzig-mineralischen -Akzente sprechen für sich. Die Zukunft gehört, das beweist die Gegenwart, hochwertigen Winzerchampagnern und kleinen Champagnerhäusern die über eigene Weinbergen, verfügen, sodass sie nicht vollständig von Ihren Traubenlieferanten abhängig sind. Ein solch beeindruckendes Haus ist der Familienbetrieb Veuve Fourny et Fils im Premier-Cru-Ort Vertus. 

Preis: ca. 35,00 Euro

 

Champagner
Cristian Senez 

1996 Brut Millésime   

Der oxidative Ausbau der Grundweine sorgt am Gaumen für Aromen von frischem Apfel, Kräutern und Walnuss. Der sehr trockene, mineralische Abgang wird von der grandiosen Säure des Jahrgangs 1996 getragen. Dieser kleine familiengeführte Betrieb wurde im Jahr 1950 von Cristian Senez gegründet. Heute verfügt das Haus über 30 Hektar Weinberge in der Côte des Bar. Die Grande Reserve besteht zu 75 Prozent aus Pinot noir und 25 Prozent Chardonnay, die Millésime hat die umgekehrten Anteile der Rebsorten. 

Preis: ca. 47,00 Euro*

 

Die Sommeliers

Sebastian Bordthäuser

Er ist studierter Germanist und entschied sich dann doch für die Flasche. Seit 2014 ist er als Weinunterhalter selbstständig und schreibt regelmäßig für die Welt am Sonntag, Effilee, Der Feinschmecker und Meiningers Sommelier-Magazin sowie für zahlreiche andere Genuss-Magazine. 2017 veröffentlichte er zusammen mit Manuela Rüther das Buch „Wein & Gemüse“ im Fackelträger Verlag, im März 2018 erschien die Sammlung „Die Philosophie des Kochens“ im Mairisch Verlag. Außerdem doziert er an Sommelier- und Hotelfachschulen.

Yvonne Hoffmann

Bei dem  Düsseldorfer Weinhandel ROTWEISS machte Yvonne Hoffmann ihre Ausbildung, um anschließend die Londoner WSET School zu absolvieren. Sie reiste zwei Jahre um die Welt, um die Weinherstellung auch in der Praxis zu lernen. Heute hat die 32-jährige Sommelière einen kleinen Weinladen in Düsseldorf-Friedrichstadt und leitet die Wine & Bar-Abteilung des Delikatessenhändlers Bos Food.

Zurück