Bücher bleiben

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2019

Text: Susanne Ruprecht
Fotos: Melanie Zanin


Versteckt in einem verwunschenen Hinterhof am Ende der Kö befindet sich ein wie aus der Zeit gefallenes Kleinod: die Buchbinderei Mergemeier. In dem renommierten Handwerksbetrieb werden Bücher, Alben und andere Präsentationsobjekte gefertigt. Handmade versteht sich und mit viel Liebe zum Detail. 

 

Sie tragen so schöne Namen wie Edith, Albert und Harald und haben bereits einige Jährchen auf dem Buckel. Sicher ist: Ohne sie würde nicht viel laufen in der alteingesessenen Buchmanufaktur. Denn für die Herstellung der Bücher, Alben, Schatullen, Mappen, Schuber und Co., die hier nach alter Tradition gefertigt werden, sind sie unverzichtbar. Wer nun denkt, es handele sich bei diesen verdienstvollen Helfern um (menschliche) Mitarbeiter, liegt meilenweit daneben. Denn Edith, Albert und Harald sind Geräte – Kniehebelpresse, Stapelschneider und Papierbohrmaschine. Und dass sie Namen haben, spiegelt vor allem eins: die große Liebe zum Detail, mit der hier gearbeitet wird. „Wir behandeln alles mit einer großen Leidenschaft“, bestätigt Ulrike Meysemeyer, die den Betrieb vor gut einem Jahr von Renate Mergemeier, der Tochter des Gründers Heinz Mergemeier, übernahm. Und dieses Herzblut ist omnipräsent: Es ist sofort spürbar, wenn man den nostalgischen Hinterhof betritt, um den sich Werkstatt, Galerie und Präsentationsraum gruppieren. Es ist unüberhörbar, wenn die beiden Buchbindermeisterinnen über ihre Arbeit sprechen. Und es ist unübersehbar, wenn sie ausgewählte Preziosen ihrer Handwerkskunst präsentieren. Dazu zählen zum Beispiel hochwertige, von Hand genähte Erinnerungs- und Gästebücher mit Fadenheftung und Goldprägung, exklusive Sammel- und Fotoalben aus Leder, maßgefertigte Schuber für Fotokunst sowie viele weitere Präsentationsobjekte für besondere Inhalte. Eine exemplarische Auswahl der hauseigenen Produkte ist stets im Beratungsraum ausgestellt und dient unschlüssigen Kunden als Inspirationsquelle. „Privatleute, die zum ersten Mal ein Buch oder ein Album binden lassen, können sich gut an diesen Mustermodellen orientieren“, erläutert Meysemeyer. „Agenturen oder Künstler hingegen kommen meist schon mit sehr konkreten Vorstellungen und suchen eher die technische Beratung.“ 

 

„Wir behandeln alles mit einer großen Leidenschaft.“

 

Was alle Kunden hier schätzen, ist das fundierte Know-how, die Vielfalt an Gestaltungsmöglichkeiten, die individuelle Beratung, das innovative Denken und die reele Handwerkskunst. „Anders als industriell gefertigte Bücher, bei denen die Seiten im Schnellbindeverfahren mit Metallklammern eingequetscht oder mit Heißkleber gebunden werden, der schnell unansehnlich gelb und brüchig wird, werden unsere so produziert, dass sie ganze Generationen überdauern“, erläutern die Buchbindermeisterinnen. „Wir machen Bücher, die bleiben.“ Zum Einsatz kommen meist tradierte Materialien wie Büttenpapier, Pergament, Holz, Acryl, Metall, Leder, Leinen und Samt, aber auch moderne, oberflächenbehandelte und damit äußerst strapazierfähige Papiere sowie auf Wunsch auch Exklusives wie Elefantenhaut. Jeder Einband kann mit einem Titel in Gold, Silber oder diversen Farben und verschiedenen Typografien geprägt werden. Der Fantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt. Gefalzt wird noch von Hand mit Falzbein am Tisch, geheftet mit Nadel und Faden. Neben Ulrike Meysemeyer sorgen neun Fachkräfte, darunter auch eine Spezialistin für die Restaurierung historischer Bücher, plus einige Auszubildende für das hohe Qualitätsniveau des Hauses.

 

„Unsere Bücher werden so produziert, dass sie ganze Generationen überdauern.“

 

Typische Aufträge von Geschäftskunden sind zum Beispiel Dokumentationen exklusiver Architekturprojekte wie der Bau des Andreasquartiers und des Kö-Bogens, Einladungen für große Events wie die Bambiverleihung, maßgefertigte Kassetten und Schatullen für die Werke von Künstlern, mannshohe begehbare Bücher für Werbeaktionen, Speisekarten für Edelrestaurants wie das Schiffchen, Jubiläumschroniken für das tanzhaus nrw, Präsente für besondere Anlässe in Firmen oder öffentlichen Häusern oder auch Protokollbücher für die Düsseldorfer Jonges. Privatpersonen hingegen lassen hauptsächlich individuelle Sammel- und Erinnerungsbücher an Reisen sowie für runde Geburtstage oder Hochzeiten fertigen. „Aber wir haben auch schon die handschriftliche Abschrift von ‚Stolz und Vorurteil‘, einen ganzen Karton voller Liebesbriefe und die E-Mail-Korrespondenz von diversen Liebespaaren zu sehr persönlichen Büchern gebunden“, erinnert sich Mergemeier lächelnd. 

„Ich werde oft gefragt, ob mir der technologische Fortschritt nicht Angst macht. Und ob so ein altes Handwerk wie die Buchbinderei in digitalen Zeiten wie diesen nicht überholt sei“, berichtet die passionierte Buchbinderin. „Wir können das aber ganz klar verneinen. Im Gegenteil: Unsere Kunden nutzen die technischen Möglichkeiten wie Computer und Scanner, um eigene Bücher herzustellen.“ „Insofern bietet die Digitalisierung für uns sogar Vorteile“, ergänzt Meysemeyer. „Denn heute kann jeder Privatmann seine Familiengeschichte aufschreiben und bei uns ein Buch daraus machen lassen. Auch wenn er die Fotos von der Großtante auf dem Dachboden findet, kann er die einscannen und zu einer Chronik binden lassen. War es früher also ein riesiger Aufwand, ein eigenes Buch herzustellen, kann das heute dank moderner Technik relativ einfach realisiert werden. Insofern wird unser traditionelles Handwerk durch die moderne technische Entwicklung sogar reanimiert.“ 

Zudem ist gerade in unseren schnelllebigen, durchdigitalisierten Zeiten die Sehnsucht nach dem Gegenteil ja bekanntlich allerorten spürbar. „Die Rache des Analogen an der digitalen Welt“ nennt der Kulturkritiker David Sax diese Entwicklung. Sie schlägt sich unter anderem im Revival der Vinylplatte sowie in den zahllosen Papeterien nieder, die überall wie Pilze aus dem Boden schießen. Vor ein paar Jahren noch krähte kein Hahn nach Schallplatten oder handgeschöpften Edelpapieren, heute sind sie hippe Lifestyleobjekte und wichtige Distinktionsmerkmale. 

Diese Nische bedient die Buchbinderei Mergemeier perfekt. „Bei uns geht es sehr viel um Rituale und Emotionalität im Allgemeinen. Und um die Sehnsucht, wieder etwas in der Hand zu haben, was real ist“, fasst Mergemeier zusammen. „Die allgemeine Rückbesinnung auf Haptisches, Beständiges und Bewährtes ist bei uns absolut spürbar“, bestätigt auch Meysemeyer. „In unseren Buchbindekursen sagen viele Leute: ‚Endlich kann ich mal wieder an einer Werkbank stehen und mit meinen Händen arbeiten.‘ Auch die Freude über etwas Selbstgeschaffenes ist bei unseren Kunden enorm.“ •

www.mergemeier.net

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