Asia Akkord

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2019

Text: Olaf Ebeling
Fotos: Berthold Litjes 

 

Was asiatische Touristentruppen seit jeher durchexerzieren – Neuschwanstein, Eiffelturm, Big Ben, Petersdom und der Kölner Dom in einer Woche – können wir andersherum schon lange. Wir haben in straffen 15 Tagen Hongkong, Taichung, Taipeh und die Megametropole Tokio bgearbeitet und
dabei eine Welt vorgefunden, in der sich höfliche Zurückhaltung, enorme Effizienz und beeindruckende Disziplin zu einer ganz erstaunlichen Kultur zusammenfügen.

Wie lange braucht man, um sich einen Eindruck vom größten Kontinent der Welt zu verschaffen? Nun – das kommt ganz auf das angestrebte Reisehöchsttempo und die minimale Menge an Schlaf an, die man persönlich verkraften kann. Wir haben uns vorgenommen, möglichst viele, unterschiedliche Impressionen zu sammeln und beginnen unsere Reise mit einem Direktflug von Frankfurt nach Hongkong, so dass wir nach rund 11 Stunden Flugzeit in der pulsierenden Millionen-Metropole aufschlagen. 

 

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HONGKONG

7.448.900 Einwohner 
chinesische
Sonderverwaltungszone

Hongkong präsentiert sich uns als die perfekte Synthese aus altenglischer Kolonialkultur und chinesischem Kapitalismus. Das Tor zu China ist eine Metropole, die einen Lifestyle zelebriert, wie er vor gar nicht langer Zeit noch nur als Science Fiction a la Blade Runner zu erleben war: heiß, pulsierend und in die Höhe geschossen, rumort die City unaufhörlich rund um die Uhr. Hongkong teilt sich in die zwei Hälften Kowloon und Hongkong Island, die von der Victoria Harbour Meerenge getrennt werden und auf beiden Seiten schießen die Skyscraper in die Höhe. Von der Rooftoop Bar des Hotels genießen wir die fantastische Aussicht auf die spektakulären Lightshows der Skyscraper auf der anderen Seite der Bucht, die sich gegenseitig in der Animationfülle zu übertrumpfen versuchen – vermutlich ist alleine dem Strombedarf der abendlichen Illumination ein eigener Kraftwerksblock im Hinterland gewidmet. Wer hat, der hat. 

Am nächsten Tag shanghaien wir eine der erstaunlich alten Fähren, die uns über Victoria Harbour schunkelt und nehmen uns die andere Seite der Stadt vor. Dort haben wir das Riesenglück, zufällig auf die Installation des US–Künstlers Kaws zu stoßen, der eine gut 30 Meter große mausetote Maus im Hafen herumdümpeln lässt – also die aufblasbare Version davon. Beeindruckend. Was uns noch besser gefällt, sind die Central Mid Level Escalators, 20 „Open Air“–Rolltreppen, mit denen man die verschiedenen Levels von Hongkong Island hochfährt. Vorbei an unzähligen Restaurants und Bars, die auf Gäste warten. Zusammengenommen ist es die längste Rolltreppe der Welt und eine echte Attraktion – einziger Haken daran: es ist ein One–way System – runter geht es nur zu Fuß. Aber abwärts läuft es ja bekanntlich immer schneller. Wir hätten sicher noch eine ganze Woche Hongkong erforschen können, müssen aber weiter. Taiwan ruft.

 

 

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TAICHUNG

2.808.000 Einwohner
drittgrößte Stadt Taiwans

War Hongkong für uns Europäer noch recht gut zu verdauen und „Asia light“, trifft uns in Taichung der kleine Kulturschock – mit dem Verlassen des Fliegers sind wir faktisch Analphabeten, denn hier finden sich keine westlichen Buchstaben mehr, sondern nur noch chinesische Schriftzeichen. Es ist eine interessante Erfahrung, wenn man plötzlich weder lesen noch schreiben kann und auch nicht mehr sprechen – Gottseidank lässt sich fast alles mit Übersetzer–Apps und Improvisationstalent meistern, doch selbst die Beschriftung der Toilettentüren im Restaurant kann einen vor echte Rätsel stellen. 

Taichung ist die wichtigste Industriestadt Taiwans und jetzt kein klassisches touristisches Ziel, hat aber vielleicht gerade auch deshalb für uns viel authentisches Lebensgefühl zu bieten. Taichung ist das Herz der weltweiten Fahrradindustrie und so zum Ziel der europäischen und amerikanischen Fahrradhersteller geworden, die hier produzieren lassen – Scott, Specialized, Cannondale, Giant, alles, was Rang und Namen hat, ist „Made in Taiwan“ und „engineered in the US“, was letztlich ein Euphemismus ist, der nur zu verblenden versucht, wo das Know-how inzwischen wirklich steckt. Das führt uns zu einer nicht ganz unerschreckenden Erkenntnis: während wir im Westen noch über Strohhalme diskutieren und den Uploadfilter installieren, bezahlt in Asien kaum noch einer mit Bargeld, die Hochbahn fährt vollständig autonom und dabei pünktlicher als die Schweizer Eisenbahn. Die Kultur in Taiwan stellt sich dar als eine Mischung aus japanischen Einflüssen, chinesischer Verwurzelung und amerikanischer Businessattitüde. Das heißt: alles funktioniert perfekt, in den U–Bahnhöfen ist der Boden so sauber wie geleckt und die Fahrgäste sitzen auf dem Boden, während sie nicht lange auf ihren Zug warten müssen. Kein Kaugummi, keine Zigarettenkippe, keine Hundehinterlassenschaft findet sich. Kamerakontrolle sei Dank. Ob man das nun mag oder nicht – der öffentlichen Ordnung tut es gut, die gefühlte und reale Sicherheit in asiatischen Metropolen ist enorm hoch. Erkauft wird diese öffentliche Ordnung nicht einmal mit übermäßiger Polizeipräsenz, wohl aber mit nahezu lückenloser Kameraüberwachung sowie drakonischen Strafen: beim Missachten des Rauchverbots ist man z. b. mit umgerechnet 150 € dabei. Ob man diesen Kontrollgrad nun so möchte, sei jedem selbst überlassen – wir fanden es letztlich ganz angenehm, nachts vollkommen unbehelligt in einer Millionenmetropole herumzuspazieren und in den Bars und Restaurants Handys und Wertsachen wieder einfach auf dem Tisch herumliegen lassen zu können. Dafür wird man aber schon im Flieger auf die Todesstrafe bei Drogenmissbrauch hingewiesen – nicht, dass hinterher einer sagt, er habe es nicht gewusst. 

 

 

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TAIPEH

2.669.639 Einwohner
Hauptstadt Taiwans

Taipeh beeindruckt uns mit einer Infrastruktur, die völlig problemlos funktioniert und einer Effizienz, die man eigentlich eher der westlichen Hemisphäre zu geschrieben hätte. Wir erreichen Taipeh mit einem Highspeed-Zug, der auf schnurgeradem Weg von Taichung aus Taipeh in weniger als 1,5 Stunden erreicht. Die Stadt ist topmodern, extrem lebendig und für asiatische Verhältnisse sehr international. Wir fühlen uns architektonisch an eine Mischung aus Westworld und Sim City erinnert, denn die Stadt wirkt wie auf dem Reißbrett entwickelt. Deutlich internationaler geprägt als Taichung, fühlen wir uns auch wieder ein bisschen weniger verloren und widmen uns nun den lukullischen Verlockungen Asiens. Vergessen Sie bitte alle Vorurteile über chinesisches Essen a la „7 Kostbarkeiten frittiert“, wie sie es vom Chinesen vor dem Supermarkt kennen. Grundsätzlich ist die asiatische Küche extrem breit gefächert, ausgesprochen abwechslungsreich und gesund. Es gibt allerlei kleine Feinheiten und raffinierte Kleinigkeiten und unser Highlight fanden wir im Basement des 101 Towers in Taipeh. Im Din Tai Fung Restaurant werden in höchster chirurgischer Präzision Dim Sums hergestellt, die buchstäblich eine Geschmacksexplosion im Mund auslösen – das Geheimnis: die Teigtaschen werden mit einer gefrorenen Füllung hergestellt, die sich beim Kochen in eine Brühe verwandelt. Zerbeißt man nun das kleine Teigtäschen, ergießt sich die fantastische Füllung über die Zunge und führt zu wahren Verzückungen. Und waren die Essmanieren vor einigen Jahren für westliche Ohren noch etwas ungewöhnlich, denn Schmatzen, Schlürfen und Rülpsen gehörte zum guten Ton, hat sich heute einiges am Benimm getan und man kann in einem asiatischen Restaurant essen, ohne an der Kinderstube aller zu zweifeln. Nicht wundern darf man sich übrigens, dass manche Ente aussieht, als sei sie mit dem Rasenmäher filetiert worden: das ist Absicht, denn man bekommt traditionell das ganze Tier serviert, damit es eben hinterher nicht heißt: „That wasn’t chicken!“ 

 

 

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TOKIO

9.555.919 Einwohner
Hauptstadt Japans

Nur 10 Millionen Einwohner? Ja, im reinen Stadtgebiet, aber der Großraum Tokio-Yokohama ist das Zuhause von rund 37 Millionen Menschen – zum Vergleich: ganz Deutschland hat rund 83 Millionen Einwohner. Big in Japan, ohne Frage. So sind wir vollkommen überwältigt, als wir von Taipeh aus in rund 2,5 Stunden Flug Japan erreichen, als einzige Langnasen an Bord der taiwanesischen Boeing übrigens. Tokio liefert zuverlässig all das ab, was man aus Reportagen und Klischees schon kennt: brechendvolle U-Bahnhöfe mit Megafon-Einweisern, Japaner mit Mundschutz, der inzwischen als modisches Accessoire dient und nicht zuletzt geradezu unglaublich zurückhaltende Höflichkeit. War Hongkong die Ouvertüre Asiens, dann ist Tokio für uns das Grande Finale. Wir sind beeindruckt von der Reibungslosigkeit, mit der diese Megapolis funktioniert, wir staunen über den Digitalisierungsgrad und können uns kaum sattsehen an den jungen Japanern, die jeden Style zur Perfektion zelebrieren. Die meiste Zeit verbringen wir in Shibuya, dem angesagten Hipster-Quartier Tokios, wo wir zum Ende unseres Trips noch einmal in einen kleinen Shoppingrausch verfallen – zu groß sind die Verlockungen der japanischen Selvedge-Jeansläden und der kleinen Kunstgalerien, die an uns vorbeiziehen. Wir sehen uns noch Shibuya-Crossing an, die weltberühmte Kreuzung, die man in alle Richtungen gleichzeitig und auch noch diagonal überqueren kann, was dann in Spitzenzeiten 15.000 Menschen gleichzeitig tun – und zwar nicht pro Tag, sondern pro Ampelphase. Hier hätten wir es noch ein paar Tage aushalten können, aber von hier geht es unweigerlich nach Hause, schließlich wollen wir ja auch unseren Akkord nicht kaputtmachen und so geht eine beeindruckende Reise zu Ende. Mata aimashō. •

 

 

Fotograf Berthold Litjes und Autor Olaf Ebeling haben sich auf den Weg gemacht,
Asien im Schnelldurchlauf kennenzulernen.
Mission geglückt!

Reiseroute:

Düsseldorf > Frankfurt > Hongkong > Taichung > Taipeh > Tokio > Frankfurt > Düsseldorf

Reisedauer: 15 Tage

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