Die Chemie der Gefühle

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

Der Däne Zarko Ahlmann Pavlov macht aus Erinnerungen Parfüms. Was er dazu braucht? Vor allem Moleküle. Und eine feine Nase für die Nuancen des Lebens.

Die Gerüche des Lebens, Erinnerungen an vergangene Zeiten: ein Tag in der Natur, die erste Liebe oder eine verbotene Zigarette. Darum geht es im Konzeptfilm des Parfümeurs Zarko Ahlmann Pavlov aus Dänemark. Der Film zieht den Betrachter von der ersten Szene an in seinen Bann: Die Atmosphäre ist traumhaft poetisch, aber auch von einer Besessenheit geprägt, die den gezeigten Parfümeur umtreibt und mit der er versucht, Düfte zu rekonstruieren, zu harmonisieren und in Parfüms zu verwandeln. 

Jeder erinnert sich an das Parfüm seiner Mutter, seines Geliebten, den Duft von Sommerregen, die rauchgeschwängerte Luft an Silvester, Schnee, eine bestimmte Landschaft. Vor dem inneren Auge tauchen innerhalb eines Sekundenbruchteils Bilder auf. Diese Bilder, Erinnerungen und Gefühle sind es, die auch Pavlov sucht, jagt und findet – und schließlich in Flakons bannt. Ihnen eine Seele verleiht, die mit einem Sprühstoß befreit wird. Der Duft zum Bild im Kopf. „Für mich sind Düfte Kunstwerke”, meint Pavlov.

Zarkoperfume Molecule23438

Alles verströmt einen Geruch: Pflanzen, Blüten, Essen, Menschen. Die Luft ist voller Geruchsmoleküle. Diese Geruchsmoleküle nehmen wir durch die Atemluft, mit der Nahrung oder über die Haut auf. Die Geruchsbearbeitung startet in der Nase mit ihren etwa 30 Millionen Riechzellen. Die Geruchsmoleküle treffen auf Rezeptoren, die sie in elektrische Nervenimpulse übersetzen. Diese gelangen in verschiedene Gehirnregionen, unter anderem zum limbischen System, dem Sitz unserer Emotionen. Gerüche sind also ein direkter Zugang zu unseren Gefühlen. Wie wir Gerüche beurteilen, hat viel mit unserer persönlichen Geschichte und Sozialisierung zu tun. Was der eine als angenehm wahrnimmt, kann beim anderen Ekel hervorrufen. Daher ist es subjektiv, ob wir ein Parfüm mögen oder nicht.

"Für mich sind Düfte Kunstwerke."

Parfüms können aus einer Mischung unterschiedlicher Ingredienzen oder einem einzigen Duftmolekül bestehen. Neben Alkohol und natürlichen ätherischen Ölen werden auch synthetische Duftstoffe verwendet, die natürliche Düfte imitieren oder sich durch bestimmte Charakteristika auszeichnen, beispielsweise das Molekül Iso E Super, das holzig und nach menschlicher Haut – im positiven Sinne – riecht. In der modernen Parfümkunst geht der Trend hin zu innovativen Molekulardüften. Diese Düfte halten gut auf der Haut und eröffnen völlig neue Geruchsfelder, die das Gehirn oft noch nicht zuordnen kann. Das erzeugt Spannung und wirkt anziehend geheimnisvoll.

Fern der ausgetretenen Pfade der Parfümwelt arbeitet Pavlov auf neuen Wegen mit der menschlichen Leinwand, der Haut. Er experimentiert mit Molekülen. Vor allem mineralische Moleküle haben es ihm angetan. Mit größter Hingabe arbeitet der Autodidakt, der ursprünglich aus der Modebranche kommt, an seinem innovativen Parfümkonzept. Man kann es als Fusion von klassischer Parfümkunst und Molekularwissenschaft bezeichnen. Mit dem Massengeschmack haben seine Unisex-Düfte auf Molekularebene wenig gemein. Jede freie Minute verbringt er im hauseigenen Labor. Oft dauert es mehrere Jahre, bis ein Duft so weit ist, dass er ihn der Öffentlichkeit vorstellt. So entstehen eigensinnige Kreationen, die nicht der klassischen Duftpyramide mit Kopf-, Herzund Basisnote folgen. Seinen Parfüms gemein ist die Hommage an die Heimat Dänemark. Das Klima, der Lifestyle und die ganz eigene Ästhetik Skandinaviens spiegeln sich darin wider.

Zarkoperfume 09009

Pink Molécule 090.09 ist der dänischen Küste gewidmet, dort lebt Pavlov mit seiner Familie. Der Duft weckt die Assoziation von einer warmen Brise, von Meer und dunklen Wäldern. In der Sprache des Parfümeurs heißt das: Es geht um einen transparenten Auftakt von Roséchampagner mit holziger Tiefe. Man nimmt ein zartes Aroma von Aprikosen und Holunder wahr, das sich teilweise verflüchtigt und holzigen Nuancen Platz macht, sie jedoch auch begleitet. Die Duftstränge verlaufen parallel. Eine Herznote gibt es bei diesem Duft nicht. Das bedeutet, dass es nach dem prickelnden Auftakt sofort in die Tiefe geht. Sechs Jahre investierte Zarko Ahlmann Pavlov in die Entwicklung seines persönlichen Meisterstücks Molécule 234.38, das 2014 mit dem Danish Beauty Award ausgezeichnet wurde. Das Parfüm kommt ohne klassische ätherische Öle aus und enthält ein großes Molekül, das mit verschiedenen kleineren seine Wirkung entfaltet. Das Magische des Duftes besteht darin, dass er in Interaktion mit dem Träger tritt, auf dessen körperliche und geistige Verfassung reagiert und immer neue Variationen zeigt. Nach zehn Stunden lösen sich kleinere Moleküle von der Haut und es bleibt die Momentaufnahme des letzten Duftzustands zurück. So entsteht eine ganz persönliche Aura von Intimität und Zweisamkeit.

Pavlov beschreibt den Duft vielmehr als ein Phänomen denn als ein Parfüm. Neben seinen sieben Eaux de Parfum hat Pavlov drei Parfüm-Serien entwickelt, die mit der Pipette aufgetragen werden: Oud Couture, Supercharged Molécule und Buddha Wood. „Die Idee war eine Verbindung zwischen Parfüm und Cognac. Ich lasse die Basisnoten für sechs Wochen in kleinen Holzfässern reifen. Die Innenseite der Fässer wurde leicht ausgebrannt. Das verleiht den Basisnoten noch mehr Tiefe. Erst in der Schlussphase füge ich die Kopf- und Herznoten hinzu”, erklärt der Parfümeur. Im Sommer will Pavlov in Deutschland eine neue, exklusive Linie für Zarkoperfume vorstellen: Parfüms auf Wasserbasis. 

Zarkoperfumes diverse

Mehr Informationen über den Parfümeur und seine Düfte auf https://zarkoperfume.de.

Text: Lena Brombacher

Fotos: Zarkoperfume

Go back