Werkstatt der Zeitlosigkeit

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

So viel wie nötig, so wenig wie möglich: Auf dieses Prinzip setzt das Frankfurter Design-Duo Esther Schulze-Tsatsas und Dimitrios Tsatsas. Die Taschen ihrer Marke Tsatsas entstehen in aufwendiger Handarbeit.

Was eine Tsatsas-Tasche auszeichnet? Vor allem ihre klare Linienführung, ein Minimum an Nähten, höchste Lederqualität und ihre beeindruckend eigensinnige Form. Das bekannteste Modell ist die Fluke. Übersetzt bedeutet der Name Zufall, denn so entstand die Idee zur ikonischen Tote Bag: Ein Prototyp des Modells Lucid hing im Studio zufällig an nur einem Griff an der Wand, die Seite der Tasche hing locker herunter. Dieses Bild fiel Dimitrios Tsatsas und seiner Frau Esther Schulze-Tsatsas gleichsam ins Auge – und wurde zur luziden Idee.

Doch Inspiration ist nicht alles, das Design-Duo setzt mit seiner Marke Tsatsas völlig neue Maßstäbe und erntet dafür großen Applaus. Dimitrios Tsatsas ist mit dem Lederhandwerk groß geworden. Sein Vater Vassilios, der Anfang der 1980er-Jahre aus Griechenland nach Deutschland emigrierte, betreibt seit 30 Jahren eine Feintäschner-Werkstatt in Offenbach. Hier arbeitete er auch für große Marken wie MCM oder Escada, bevor die Produktionen in Billiglohnländer ausgelagert wurden. Dimitrios studierte an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach Industriedesign. Nach dem Studium war er bei der Designagentur Stylepark in Frankfurt tätig, wo er auch seine Frau kennenlernte, die dort als Architektin arbeitete.

Tsatsas Tasche black

Ein Taschenlabel war eigentlich gar nicht angedacht. Auch dies ergab sich eher aus Zufall. Es begann mit der Suche nach der perfekten Tasche. Als die beiden Perfektionisten auf dem Markt nicht fündig wurden, machten sie sich daran, ihre eigenen Taschen zu entwerfen. Was vorerst nur im Freundeskreis Thema war, wurde 2012 zur Marke Tsatsas.

Heute, fünf Jahre später, sind die Taschen von Tsatsas weltweit in renommierten Concept- und Onlinestores zu finden. Das harmonische Zusammenspiel von Handwerk, Qualität, Design und Material macht die Kreationen der Designer aus. Aufgrund ihrer beruflichen Laufbahnen verfügen sie über ein besonderes Gespür und Verständnis für zeitgenössisches Design, sie beherrschen das gestalterische Vokabular der Gegenwart. Dabei ist der gemeinschaftliche Schaffensprozess essenziell. „Das Produkt ist fertig, wenn es in der Lage ist, unsere ursprüngliche Entwurfsidee authentisch zu verkörpern“, erklärt Esther Schulze-Tsatsas.So bringen die beiden Produkte auf den Weg, die in ihrer Art einzigartig sind. Dabei agieren sie stets nach ihrem eigenen Rhythmus, fern der Schnelllebigkeit der Modeindustrie. 

Tsatsas nähen

„Wir arbeiten nicht saisonbasiert. Unsere Kollektion entwickelt sich stetig weiter und wächst. Wir fügen Taschen und Accessoires dann hinzu, wenn sie unserer Meinung nach die Kollektion logisch ergänzen“, so Schulze-Tsatsas. Die Ergebnisse ihrer Arbeit stellen die beiden zweimal im Jahr während der Pariser Fashion Week vor. Showroom, Atelier und Büro von Tsatsas befinden sich im Frankfurter Gallusviertel. Gefertigt werden die Taschen bis heute bei Dimitrios’ Vater in Offenbach. Die beiden Designer hatten von Anfang an die Unterstützung ihrer Familien. Was die Fertigungstechniken für ihre Entwürfe angeht, mussten sie sich allerdings erst einander annähern. In der bisherigen Arbeitsweise von Dimitrios’ Vater, wie im gesamten Feintäschnerhandwerk, hatte sich das Design fast immer dem Handwerk untergeordnet. „Esther und ich hatten hingegen eine konkrete Vision, wie unsere Taschen bis ins Detail auszusehen haben und waren hier nicht bereit, Kompromisse einzugehen. Daher mussten wir gemeinsam mit meinem Vater überdenken, wie Tsatsas-Produkte gefertigt werden und komplett neue Fertigungsansätze entwickeln“, so der Designer.

In der Tsatsas-Werkstatt entsteht Schönheit in hoher Fertigungskunst. Die Herstellung des Modells Fluke beispielsweise erfolgt in 127 Arbeitsschritten. Selbst das Futter der Taschen wird aus feinstem pazifikblauen Lammnappa gefertigt. Es ist das Markenzeichen von Tsatsas und ein besonderer Luxus. Am Ende des Fertigungsprozesses erhält jede Tasche eine eigene Herstellungsnummer, die im Inneren direkt unter dem Markennamen mit goldenen Ziffern ins Leder geprägt wird. Verarbeitet werden ausschließlich offenporige Glattleder, aus deren natürlicher Beschaffenheit sich die jeweilige Struktur der Oberfläche ergibt.

Tsatsas tasche hell

Bei ihrem aktuellen Projekt SO_FAR steht jedoch ausnahmsweise nicht Leder, sondern Stoff im Vordergrund. Das Duo hat hierfür fünf Versionen der Fluke in einer Kombination aus Textil und Leder entworfen. Dabei handelt es sich um ganz besondere Stoffe des Textilunternehmens Kvadrat in Kooperation mit dem Modedesigner Raf Simons. Die Edition ist limitiert, weltweit sind 250 Stück in den Verkauf gegangen. Dass Hillary Clinton während des Präsidentschaftswahlkampfs in den USA mit dem Modell Coen von Tsatsas abgelichtet wurde, fand das Design-Duo amüsant. Elizabeth Jeffer, die Gründerin des Onlinestores Roztayger, hatte der Politikerin das Modell geschickt.

In Zukunft werden wohl zahlreiche Prominente die Taschen von Tsatsas zu schätzen lernen. Sie heben sich angenehm ab von den in Masse produzierten vermeintlichen It-Bags großer Marken, bei denen man für den Namen zahlt, nicht jedoch für Qualität. Bei aller Modernität sind die Taschen von Tsatsas zeitlos, sie sind Begleiter fürs Leben. Tsatsas wurde in eine Lücke hineingeboren, in der die Modewelt, übersättigt vom überbordenden Chichi und Bling-Bling, wieder nach wahren Werten strebte. Nach Tradition, Authentizität, Qualität und Nachhaltigkeit. Esther Schulze-Tsatsas und Dimitrios Tsatsas erfüllen diese Wünsche mit hochmodernem Anspruch. Ihr Ziel ist es, auch in Zukunft alle Tsatsas- Produkte in der Familienwerkstatt zu fertigen. Sicher müssen sie dort in Kürze die Kapazitäten erhöhen. 

Taschen v.o.n.u.: Modell Coen, Modell Cale

Alle Modelle und Informationen zu Designern und Herstellung: http://www.tsatsas.com

Text: Lena Brombacher
Fotos: Gerhardt Kellermann / Munich

 

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