Gestern Turnschuh, heute Kult


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

High Heels haben es heutzutage schwer. Vorbei die Zeiten, als nur schicke Pumps über die Königsallee flanierten. Senkt man den Blick in Richtung Asphalt, erblickt man viele sportive Sohlen. Der Sneaker ist salonfähig geworden – und steht für die Aktivität einer ganzen Gesellschaft.

Der Sneaker ist modisches Statement und Befreiung zugleich. Ein Ausdruck von Sportlichkeit und Jugendlichkeit. Er verbindet alle Altersgruppen, alle Geschlechter und Geschmäcker, alle Stile und Schichten – als eine Art Uniform für den Menschen des 21. Jahrhunderts, der schnell und flexibel lebt, mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht und dennoch stets auf dem Sprung ist in ein neues Abenteuer.

Kaum ein Markt ist so sehr in Bewegung, und in kaum ein Produkt wird so viel Kreativität und Technologie investiert wie in den Sneaker. „Sport bestimmt unseren Alltag und ist zum wichtigen Teil unseres Lebens geworden. Diesen Lifestyle spiegelt der Sneaker optimal wider“, erklärt Trendexpertin Marga Indra-Heide vom Deutschen Schuh-Institut das modische Phänomen. Längst mischen nicht nur die großen Sportschuhhersteller Adidas, Nike und Puma dabei mit: Jede Fashion-Marke bringt inzwischen ihre ganz eigene Interpretation auf die Straße. Von dem Boom profitiert auch der Düsseldorfer Sneaker Afew-Store. „Wir haben das Gefühl, dass mittlerweile jeder vom Sneakerhype infiziert ist. Kunden, die früher vielleicht einmal im Jahr zu uns kamen, kaufen jetzt jeden Monat ein“, sagt Product Manager Sebastian Morgner. Wenn ein limitiertes Modell in den Verkauf kommt, stehen oft 600 Leute vor dem Laden auf der Oststraße. Sneakerspezialisten wie Afew sind längst selbst zu Marken avanciert, die einen kompletten Lifestyle verkaufen, für den auch schon mal fünf Tage lang vor dem Store kampiert wird.

Und dieser Hype hat in den vergangenen Jahren weltweit stark an Dynamik gewonnen: Dank Social Media, Modeblogs und Influencern werden die neuesten Sneakermodelle in Sekundenschnelle einmal um den Globus geteilt. Unschuldig wirken dagegen die Zeiten, in denen Turnschuhe allein in Sportarten wie Croquet, Tennis oder Basketball verwurzelt waren – und ihre Herstellung erst durch die Erfindung der Gummisohle und der Massenproduktion Anfang des 20. Jahrhunderts möglich war. Sie waren deutlich billiger als herkömmliche Lederschuhe. Das machte sie vor allem für Jugendliche interessant.


Der Weg von der Turnhalle auf die Straße sollte aber Jahrzehnte dauern. Erst in den 80er-Jahren wurden Sneaker zu beliebten Freizeitschuhen. Dabei standen sie schon immer für Unangepasstheit: erst für Sportlichkeit, dann für Rebellion, schließlich für eine bestimmte Musikrichtung. Modelle wie der Chuck Taylor von Converse, der Adidas Superstar oder der Airmax 1 von Nike sind inzwischen Ikonen der Mode und Popkultur. Sie werden in Hip-Hop-Songs berappt, akribisch gesammelt und auf Börsen wie Gold gehandelt. Der Sneaker ist vom Gebrauchsgegenstand zum Prestige- und Sammlerobjekt avanciert – und damit ein Milliardengeschäft.

Schnell hat der Luxusmarkt dieses Geschäft für sich entdeckt: Der verstorbene Modedesigner Alexander McQueen – zu Lebzeiten Besitzer von 450 Paar Sneakern – war in den 90ern einer der Ersten, die Luxussneaker entwarfen. Es folgten kreative Kollegen wie Stella McCartney und Raf Simons. Als Karl Lagerfeld für Chanel vor wenigen Saisons Models in Tweed-Sneakern über den Laufsteg schickte und Dior mit Blüten bestickte Turnschuhe präsentierte, war der Siegeszug des Sneakers in der Fashionwelt besiegelt. Aktuell lösen immer mehr Stars die klassischen Designer ab: Ob eine gemeinsame Kollektion von Pharrell Williams und Adidas, von Rihanna entworfene Puma-Sneaker oder Kendrick Lamar als Influencer – die Sportschuhmarken setzen jetzt vor allem auf Kollaborationen mit Musikern. So gilt Kanye Wests Sneaker Yeezy als weltweit meistgehypter Schuh und erreicht unter Sammlern Spitzenpreise bis zu 1.500 Euro.

Schaut man sich die aktuellen Sneaker-Kollektionen an, staunt man über die Vielfalt: Futuristische High- Tops mit Mesh, aufwendigen Sohlenkonstruktionen und Neopren-Einlagen stehen neben Fashion-Sneakern mit glänzenden Lackoberflächen und auffälligen Prints, daneben gibt es Retromodelle aus Veloursleder in blassen Pastellfarben. „Was immer geht, sind ‚All White‘- und ‚All Black‘-Modelle, aber mittlerweile kommen die Marken mit wilden Farbkombinationen auf den Markt“, sagt Sebastian Morgner vom Afew-Store. Für Marga Indra-Heide geht der Trend in zwei Richtungen: „Zum einen ist da die Entwicklung zu extrem athletischen und futuristischen Sneakern, die von den großen Sportfirmen geprägt sind. Zum anderen gibt es sehr modisch interpretierte Sneaker, die feminin und verspielt sind – mit Stickereien, Rüschen, Schleifen und Schmuckdetails.“ Und glaubt man den Experten, werden bald die Konsumenten selbst zu Designern. Denn der Sneaker der Zukunft kommt aus dem 3D-Drucker. Bei Adidas können Kunden schon heute in ausgewählten Stores aus Farben, Materialien und Sohlen wählen, die innerhalb von Minuten vor ihren Augen zum individuellen Schuh „gedruckt“ werden. Damit macht der Sneaker nicht nur aktiv, sondern auch kreativ.

Text: Karolina Landowski

Titelfoto: ThinkstockPhotos

Fotos: Domenik Broich

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