Mit Feile und Fingerspitzengefühl


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Ihre erste Geige baute sie mit 14. Heute ist Anna Ueberschaer Geigenbaumeisterin. In ihrer Werkstatt in Düsseldorf-Oberbilk repariert und restauriert sie Streichinstrumente aus ganz Europa.

Es riecht nach Holz in der Werkstatt von Anna Ueberschaer. Geigen, Celli und Bögen liegen auf den Arbeitstischen, lehnen oder hängen an den Wänden. Jedes Holz hat eine andere Farbe, eine ganz eigene Maserung. Die Geigenbaumeisterin deutet auf eine helle Geige: „Das ist die erste, die ich gebaut habe.“ Damals – sie war 14 und Schülerin an einer Waldorfschule - wusste sie noch nicht, dass dies einmal ihr Beruf würde. „Geigenbauer, das waren alte Männer mit Rauschebart“, erinnert sie sich. Nach dem Abitur in Wuppertal wollte die Tochter zweier Akademiker eigentlich studieren. Durch Zufall lernte sie einen Geigenbauer kennen: „Der war jung, der war sympathisch, hatte Abitur – und er war Geigenbauer. Er hat mir alles über die Ausbildung erzählt. Da war für mich klar: Ich probier das!“ An der „Newark School of Violinmaking“ in England absolvierte sie die dreijährige Ausbildung und kehrte schließlich für ihre Gesellenzeit zurück ins Rheinland. 2006 machte sie sich selbstständig. Die Entscheidung für Düsseldorf fiel bewusst: „Ich mag die Fröhlichkeit der Rheinländer und musikalisch passiert viel in der Stadt. Es gibt die Tonhalle, die Musikhochschule und viele große Laienorchester.“

An der Wand lehnen zwei Holzplatten. An der Form lässt sich bereits erahnen, dass daraus einmal ein Cello entstehen wird. Zwei Monate dauert der Neubau eines Cellos, eine Geige braucht vier bis sechs Wochen. „Zuerst werden die Seitenwände mit einem heißen Eisen um eine massive Holzform gebogen, daraus entsteht der sogenannte Zargenkranz“, erklärt die Geigenbaumeisterin. Die Decke, immer aus weichem Fichtenholz, und der Boden aus kräftigem Ahorn werden als Nächstes aufgelegt. Dann erst wird die charakteristische Wölbung in das Holz geschnitzt und Decke und Boden von innen ausgehöhlt. Goldene Hobel liegen auf der Arbeitsplatte, der kleinste nicht größer als ein Fingernagel. Daneben ein Messer mit Holzgriff, Stecheisen, Klammern, Sägen, Feilen, Raspeln. Sie alle kommen zum Einsatz, bevor der Korpus des Instruments fertig ist. Zuletzt wird die Schnecke geschnitzt und mitsamt dem Hals in den Korpus eingesetzt, das Holz lackiert. „Und dann ist sie auch schon spielfertig“, so die Geigenbaumeisterin.

Jeder Handgriff ist Präzisionsarbeit: „Man braucht Fingerspitzengefühl, viel Geduld und Ausdauer“, sagt Anna Ueberschaer. Die Düsseldorferin liebt ihre Arbeit: „Für mich ist es der perfekte Beruf. Ich kann stundenlang alleine in meiner Werkstatt sitzen und vor mich hin arbeiten. Ich mag die Ruhe“, sagt sie schmunzelnd. Trotzdem schätzt sie auch den Kontakt zu ihren Kunden: „Manchmal probieren wir stundenlang Instrumente aus. Ich bin zwar eine Fachfrau, aber viele wissen schon genau, was sie wollen. In meiner Werkstatt soll jeder genau das bekommen, was er möchte. Zuhören ist ganz wichtig.“

Die Instrumente, die ihren Weg zu Anna Ueberschaer finden, kommen aus der ganzen Welt. „Ich finde es spannend, immer wieder oft jahrhundertealte Instrumente in der Hand zu halten. Jedes erzählt seine Geschichte.“ Zum Beispiel eine Geige aus senfbraunem gemasertem Holz, die auf der Arbeitsfläche liegt: „Sie stammt von einem französischen Meister. Wenn ich das Instrument ansehe, sehe ich auch die Stadt in Frankreich um 1810 und die traditionelle Bauart.“ Immer wieder beeindruckt sei sie von der Arbeit der großen Meister: „Man betrachtet das Instrument und sieht, wie es fließt, wie die Ecken zusammenlaufen, wie harmonisch sich das Holz zusammenfügt.“ Auch Geigen von Antonio Stradivari hatte sie schon in der Hand. „Ein genialer Künstler und definitiv ein Vorbild.“

Jedes Instrument ist einzigartig. Zu einigen entwickelt sie eine besondere Beziehung. Zum Beispiel zu der etwa 200 Jahre alten Violine aus Mailand. Über ein Jahr dauerten die Restaurationsarbeiten. „Diesem Instrument habe ich ein neues Leben geschenkt. Es war schon seit dem Zweiten Weltkrieg schwer beschädigt. Jetzt ist die Violine in Amsterdam und wird nach hundert Jahren wieder gespielt.“ Der Neubau eines Instruments ist für Anna Ueberschaer fast wie eine Geburt: „Zuerst ist es nur ein Stück Holz und am Ende dann ein Instrument, das seiner Wege geht. So wie ein Kind.“

Für den zeitaufwendigen Neubau der Instrumente hat die Geigenbaumeisterin seit der Geburt ihrer Tochter vor sechs Jahren kaum noch Zeit. „Dafür muss man eigentlich auf dem Land leben und darf nicht ans Telefon gehen“, sagt sie lachend. Das Cello wolle sie aber noch fertig bauen. Darauf freue sie sich schon. 

www.geigenbau-ueberschaer.de

Text: Simone Ahrweiler

Fotos: Celine Al-Mosawi

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