Immer mit der Rute


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2017

Ein Eisbohrer, dicke Stiefel und warmer Tee – viel mehr ist nicht nötig, um sich auf der zugefrorenen Ostsee vor Nordfinnlands Küste im Eisangeln zu versuchen. Einblicke in einen Sport, bei dem nicht das Ergebnis zählt.

Eine grelle Sirene deutet an, dass es gleich losgeht: Drei, zwei, eins – dann ertönt der Startschuss. Eine Handvoll kurz gewachsener Männchen läuft auf die weiße Eisfläche. Jedes ist auf der Suche nach dem günstigsten Ort, um mit der -Challenge zu beginnen. Eines der Männchen gehört zu mir. Als es das Loch gebohrt, den Haken bestückt und die Sehne ins Wasser gelassen hat, beginnt meine Arbeit: In gleichmäßigen Abständen bewege ich die kleine gelbe Angel hoch und runter, indem ich die Maus über den Bildschirm ziehe. Mehr gibt es nicht zu tun, außer zu hoffen. Der Zeitrahmen: zehn Minuten. Dann ist der Wettbewerb vorbei. Vielleicht wird mein Männchen ein Erfolgserlebnis feiern, vielleicht auch nicht. Darüber entscheidet ganz allein der Computer.

„Wie ich sehe, hast du dich bestens auf unser Abenteuer vorbereitet“, sagt Antti Kontio augenzwinkernd. Natürlich kennt auch er „Pro Pilkki“, das finnische PC-Spiel übers Eisangeln. „Wenn ich selbst gerade nicht aufs Eis kann, spiele ich es auch ab und zu“, gibt er zu. Sooft er kann, lädt der 38-jährige Familienvater aus Oulu in Finnland im Winter Rucksackhocker, Eisbohrer, Köderkoffer und eine Thermoskanne mit heißem Tee in den Kofferraum seines kupferfarbenen SUV und fährt die Uferzeilen der zugefrorenen Ostsee ab. Er hält an, wo es ihm gefällt, stapft aufs Eis und bohrt los. An diesem Tag begleite ich ihn. Seine Wahl fällt auf Varjakka, eine kleine Ortschaft zwischen Oulu und dem regionalen Flughafen, der die 140.000-Einwohner-Stadt im Norden Finnlands am Bottnischen Meerbusen mehrmals täglich mit Finnlands Hauptstadt Helsinki verbindet. 

International bekannt geworden ist Oulu durch die jährlich stattfindende Luftgitarren-WM, bei der Verrückte aus aller Welt ihre lautlosen Künste an den nicht vorhandenen Musikinstrumenten präsentieren. In erster Linie aber ist der Ort eine Industriestadt: Elektronik, Software und vor allem Papier. Tag und Nacht zerschneiden die Schwaden der Fabrikschornsteine den Himmel. Doch nur wenige Kilometer außerhalb der Stadtgrenzen gelangt man in den Wintermonaten in eine wunderschöne Eislandschaft aus beflockten Bäumen mit strahlend weißen und ewig weiten Feldern, die mal hier, mal dort mit roten Holzhäusern gespickt sind. Internationalen Tourismus hat es in der Vergangenheit höchstens aus Norwegen und Russland gegeben, erst seit wenigen Jahren erkunden auch Urlauber anderer Nationen die Region. Das Angebot ist da: 

Huskysafari, Schneeschuhwandern, Skilanglauf, Eislochschwimmen – und eben Eisangeln.

 

 

„Der kalte Wind haucht einem ins Ohr, ab und zu knarzt das Eis.
ansonsten: absolute Stille“

Antti hängt mir ein schwarz-rotes Etwas um den Hals, das die Form eines Teppichmessers hat, nur ohne Klinge. „Du wirst es brauchen, falls wir einbrechen sollten“, sagt er trocken. Als er den roten vom schwarzen Teil trennt, kommen zwei Eispickelspitzen zum Vorschein. Damit hackt man bei einem Einbruch ins Eis, um sich wieder aus dem Wasser ziehen zu können. „Reine Vorsichtsmaßnahme“, beruhigt mich der Profi. Das Eis sei an unserer Angelstelle etwa 40 Zentimeter dick. Wenig später hält er einen Eisbohrer in der Hand und kurbelt, was die kalten Finger hergeben. Tatsächlich: Als die ein Meter lange Schraube etwa bei der Hälfte einen Satz macht, sind wir durch. Neben bunten Blinkern nimmt Antti Kontio am liebsten lebende Fliegenlarven als Köder. „Man kann sich im Angelgeschäft sogar aussuchen, welche Farbe die Larven haben sollen“, erzählt er. Ich stelle fest, wie nah das Computerspiel an der Realität ist: Auch dort wählt man zwischen roten, blauen, gelben und grünen Larven.

Am Haken einer kleinen gelben Angel befestigt, überlassen wir das rote Krabbelvieh seinem Schicksal und schicken es vier bis fünf Meter in die Tiefe. Dann beginnen wir mit der Bewegung, die zu Hause die rechte Hand an der Maus ausgeführt hat: die Angel in regelmäßigen Abständen ein Stück hochziehen und wieder runterlassen. „In dieser Gegend leben vor allem Barsche. Die Bewegung der Larve löst ihren Jagdinstinkt aus und lässt sie zuschnappen.“ Ich will wissen, wie wahrscheinlich es ist, dass wir einen Fisch erwischen. 

„Ehrlich gesagt sind die Chancen an einem kalten sonnigen Tag im aufkommenden Frühjahr größer als an einem grauen Wintertag wie heute“, sagt Antti. Aber es komme beim Hobbyeisangeln ohnehin nicht darauf an, ob etwas anbeißt oder nicht.

 

„Es geht darum, für ein paar Stunden Urlaub zu machen, raus in die Natur zu fahren, warmen Tee – oder auch mal Rum – mit einem guten Freund zu trinken. Und darum, die Ruhe hier draußen zu genießen.“ Dann, zum ersten Mal an diesem Tag, sprechen wir nicht miteinander. Wir sitzen einfach auf unseren Rucksackhockern, jeder vor seinem Eisloch. Der rechte Arm macht die bekannte Bewegung, der Rest macht – nichts. Ich horche. Es ist tatsächlich fast mucksmäuschenstill. Der kalte Wind haucht einem manchmal ins Ohr, ab und zu knarzt das Eis. Aber ansonsten: nichts. Absolute Stille. 

Antti gießt Tee in einen Pappbecher und reicht ihn herüber. Ich nicke zum Dank und zeige auf undefinierbare Konstrukte, die ich weiter hinten auf dem Eis entdeckt habe. Äste, die aus dem Eis ragen, drum herum orangefarbene Leinen. „Das sind Lochmarkierungen von den echten Profis“, sagt Antti. Professionelle Eisfischer bedienen sich anderer Methoden und Werkzeuge, da sie für ihre Arbeit teils viel größere Löcher benötigen. Da kommt auch schon mal die Kettensäge zum Einsatz, um ein Fischernetz unter der Eisfläche zu verlegen. Bei uns tut sich etwas: ein unkontrolliertes Zucken an meiner Angel. Ich löse die Sicherung und beginne, die Schnur aufzurollen. „Hoffentlich ist der Fisch nicht so groß, dass er nicht durch das Loch passt“, denke ich kurz. Dann kommen der Blinker und eine halbe Larve am Haken zum Vorschein. „Da war einer dran“, stellt Antti fest. „Aber er ist offenbar noch mal davon-gekommen.“

Wir zucken mit den Schultern, spießen eine neue Fliegenlarve auf den Haken, und das Spiel beginnt von vorne. Schließlich haben wir – im Gegensatz zu den PC-Männchen – den ganzen Tag Zeit. „Möchtest du noch Tee?“, fragt Antti. „Sehr gerne“, sage ich und reiche ihm meinen Pappbecher. Dann schauen wir wieder hinaus auf die weiße Ostsee – und hören schweigend der Ruhe zu. •

Anreise

Von Düsseldorf aus starten täglich Flugzeuge nach Helsinki (teilweise mit Umstieg). Von dort geht es direkt mit Finnair weiter nach Oulu. 

Aktivitäten

Das finnische Unternehmen Go Arctic! bietet Winter-aktivitäten in und um Oulu an und stattet seine Gäste auch mit Equipment aus. 

E-Mail: info@goarctic.fi

http://www.goarctic.fi/en/

 

Text und Fotos: Christoph Karrasch

 

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