Forever Jongert


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2017

Wir wollten sehen, wie Segelyachten gebaut werden. Bei unserem Besuch bei Jongert in den Niederlanden erfuhren wir auch von der stürmischen Geschichte der Werft.

Seit 63 Jahren baut Jongert am IJsselmeer Boote. Berufsschiffe, Motor- und Segelyachten. Unter den Eignern der bis heute 325 Yachten, die von den Toren der Werft ihre Törns rund um die Welt starteten, finden sich Persönlichkeiten wie Pete Townshend und Ferdinand Piëch. Und noch der ein oder andere Prominente mehr. Aber das verrät uns die Werft nicht – selbst auf den akribisch archivierten Konstruktionspapieren lässt nichts auf den Namen des Eigners schließen – das Geschäft mit den Superyachten lebt auch von der Diskretion.

Die Anfänge der Bootsbauer

Holländischer, als die Geschichte der Jongert Werft begann, geht es kaum: Der junge Jan Jongert investierte am 11. November 1953 das Preisgeld, das er beim Eisschnelllauf gewonnen hatte, in die Gründung der Jongert Werft in Opperdoes in Nordholland. Dort begann er mit dem Bau von Motorbooten für die Berufsschifffahrt und legte damit fest, wo die Prioritäten seines Schiffsbaus liegen sollten: in Seetüchtigkeit, Haltbarkeit und Nutzbarkeit – alles Faktoren, die nur mit hoher Material- und Fertigungsqualität zu gewährleisten sind. Und die gleichzeitig auch für eine Klientel von Yachtkäufern interessant waren, die mit ihren Booten nicht nur in Sichtweite des Ufers herumschippern wollten, sondern Größeres im Blick hatten. Zum Beispiel um die Welt zu segeln.

Das Yachtgeschäft wurde schnell so erfolgreich, dass es Zeit wurde, zu expandieren und nach Medemblik umzuziehen. Mit der neuen Werft und zwei Yachtentwürfen – der „Zwalkers“ und der „Trewes“ – gelang der noch jungen Werft der Durchbruch. 1970 arbeiteten über 50 Leute auf der Werft, die dabei war, sich mit innovativen technischen Ideen einen guten Ruf zu verdienen. Die Yachtarchitekten Siebrand Minko van der Meer und Willem de Vries aus Amsterdam zeichneten die Entwürfe, die Jan Jongert nun in immer größerer Stückzahl zu Wasser ließ. Mit Segellegende Herbert Dahm war auch ein Verkaufsrepräsentant an Bord. Er kam Ende der 60er--Jahre eigentlich als Kunde zu Jongert, war dann aber so fasziniert von den handwerklichen Fähigkeiten und dem Qualitätsanspruch der Werft, dass er nicht nur zum Eigner seiner ersten 17-Meter-Trewes-Yacht „Privateer“ wurde, sondern auch begann, Jongert-Yachten zu vermakeln. Zum Beispiel an seine Düsseldorfer Geschäftsfreunde. So war es nur eine Frage der Zeit, bis es eine Jongert-Geschäftsstelle in Düsseldorf gab. Auf der Kö sollte sie eine Zeit lang ihre Anschrift haben.

Je besser das Geschäft mit den Yachten lief, umso leichter fiel es dem Gründer, sich zurückzuziehen und seine Söhne Kees und Jan Jongert junior ans Ruder zu lassen. Beide waren buchstäblich auf der Werft groß geworden und verstanden das Bauen von Booten vom Kiel an. Zu Beginn der 80er-Jahre war die Größe der Mannschaft auf der Werft auf rund 100 Mann angewachsen. Die Auftragsbücher waren damals so prall gefüllt wie ein Spinnaker auf Vorwindkurs. Inzwischen steht dem Holzbearbeitungsspezialisten Peter Sijm nun Nico Stokman als erfahrener Metallverarbeiter im erweiterten Konstruktionsbüro zur Seite.

Darüber hinaus arbeitet Jongert intensiv mit externen renommierten Schiffsdesignern wie Doug Peterson zusammen. So entstehen die Jongert 21s „Spes Nostra“, die erste Yacht in einer Reihe neu gestalteter klassischer Yachten von Peterson mit kurzem Kiel, separatem Ruder und geringerem Tiefgang, sowie die „Mephisto“, die erste Jongert-Rennyacht mit Aluminiumrumpf und -deck. Die Jongert M-Line macht mehr als die Hälfte der Gesamtabsatzes aus, für die neuen Superyachten 2900M „Flying Magic“ und 2100S „Blue Papillon“ gewinnt die Werft internationale Designpreise und kann ihr 40-jähriges Bestehen feiern. 1995 gewinnt Jongert weitere wichtige Auszeichnungen für die 2900M „Scarena“ und die Jongert 26T „Impression“ und beginnt mit der Entwicklung des Klappkiels.

Das Geschäft läuft gut und so entschließt sich Jan Jongert Junior zu dem gleichen Schritt, den schon sein Vater damals wagte: Er expandiert. Gegen den Widerstand seines Bruders Kees beginnt er, eine neue Werft direkt am IJsselmeer auf Polderland zu bauen. Mehr als 48 Millionen Euro verschlingt der „Waterpark Wieringermeer“, der aus drei 60 Meter langen Hallen besteht. 2003 dreht sich plötzlich der Wind und weht der so lange erfolgsverwöhnten Jongert Werft ins Gesicht. Das familiäre Zerwürfnis führt dazu, dass sich die Schiffsbroker von Jongert abwenden, die Zusammenarbeit mit Herbert Dahm gerät ins Stocken und 2009 ist das Familienunternehmen plötzlich pleite und die fast 200 Mann starke Mannschaft steht vor der Arbeitslosigkeit. Ein schwarzes Kapitel in der bisher so ruhmreichen Geschichte der Werft. >>

Jeder Sturm zieht vorüber

Aber bei Jongert geht es weiter – schließlich lag es eher an falschen Managemententscheidungen und der Pleite des Bauunternehmers, dass die Werft beinahe unterging, als am Produkt: Bis heute fahren fast alle der über 300 in Medemblik gebauten Yachten noch auf den sieben Weltmeeren, und die Innovationen der Jongert Werft wurden von anderen Werften übernommen. Grund genug für internationale Investoren, bei Jongert einzusteigen und den Werftbetrieb wieder aufzunehmen. Dafür besinnt man sich alter Tugenden und baut zuerst einmal in zwei der drei Hallen wieder das, womit alles anfing: Berufsschiffe, die für den harten Einsatz auf der nahen Nordsee konzipiert sind. Um genau zu sein: maritime Hightech-Trimarane mit Propulsionsmotoren für die Offshore-Versorgung. Damit ist das Überleben der Werft gesichert.

In der dritten Halle entsteht heute aber wieder etwas, was die Herzen der Segelyachtliebhaber höherschlagen lässt: eine 32-Meter-Yacht nach einem modernen Entwurf und in bester Jongert-Tradition. Gleichzeitig baut man an einer 47-Meter-Motoryacht, die erstmals von dieselelektrisch befeuerten POD–Propulsionmotoren angetrieben wird und so fast 50 Prozent mehr Platz für Yachtluxus bietet, da die Technik wesentlich kompakter ist. Zudem kümmert man sich weiterhin um die Kundschaft mit ihren bestehenden Jongert-Yachten, indem man Service und Refit im eigenen 140-Meter-Trockendock anbietet. Schließlich trifft man in der Werft auf Bootsbauer, die schon seit 35 Jahren dort Yachten bauen und die Boote der Kunden oft bis ins kleinste Detail kennen. Höhepunkt für die Segler ist aber sicher die wiederaufgelegte Jongert-Regatta, die auch 2018 wieder stattfinden wird. Mast und Schotbruch! •

Info:

Wer wissen will, wie es weitergeht, besucht -Jongert am besten dort, wo man sie seit den 70er-Jahren immer getroffen hat: auf der BOOT. Die weltgrößte Wassersportmesse findet vom 20. bis zum 28. Januar 2018 in den Düsseldorfer Messehallen statt. Jongert ist dann in Halle 7a / E01 zu finden.

www.jongert.nl

 

Text: Olaf Ebeling

Fotos: Matthäus Walotek und Jongert

 

 

 

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