"Ein Klavier ist nicht nur ein Klavier" - Hauschka


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Der Musiker Volker Bertelmann spielt unter dem Künstlernamen Hauschka an den verschiedensten Orten der Welt vor einer „nerdigen Fangemeinde“. Seine Zuhörer sind Suchende, für die es sich lohnt, den eigenen Anspruch zu sprengen, sobald er sich zu verfestigen droht.

Das Jahr 2017 war nicht einmal zur Hälfte vorbei, da war der Komponist Volker Bertelmann schon für den Golden Globe und den Oscar Award nominiert. Und hat ein neues Studioalbum herausgebracht. „Lion – Der lange Weg nach Hause“ heißt der Film, für den er zusammen mit dem befreundeten Musiker Dustin O’Halloran die Musik komponiert hat, die den beiden die Nominierungen einbrachte. Der Weg, den Bertelmann zurückgelegt hat, bis er mit dem präparierten Klavier und unter dem Künstlernamen Hauschka bekannt wurde, war auch nicht der kürzeste. Aber so, wie er davon erzählt, klingt es, als sei dieser Weg zwingend gewesen: Immer wieder in seinem Leben habe es diese Momente gegeben, Begegnungen, Erfahrungen, Situationen, aus denen er herausgegangen sei und gewusst habe, jetzt ist etwas passiert. Hier verändert sich gerade etwas.


Das war damals so, als er mit neun Jahren an Weihnachten einen Klavierspieler in der Kirche seines Heimatortes Ferndorf Chopin spielen hörte und seiner Mutter gegenüber klarstellte: „Bei diesem Mann möchte ich Klavierunterricht nehmen.“ Und es war wieder so, als er nach abgebrochenem Medizin– und Wirtschaftsstudium von Köln nach Düsseldorf gezogen war. Denn hier stand ein Cousin, den er seit zehn Jahren nicht gesehen hatte und den er in den USA glaubte, auf der Ratinger Straße plötzlich vor ihm. Dieser Cousin bildete zusammen mit Volker Bertelmann kurze Zeit darauf das „Core“ der Hip-Hop- Band God’s Favourite Dog, über die Bertelmann heute sagt, dass sie von vornherein zum Scheitern verurteilt gewesen sei. Der Erfolg inklusive Sony-Plattenvertrag und Auftritten im Vorprogramm der „Fantastischen Vier“ kam viel zu schnell. Die Frustration darüber und die Erfahrung des Ausgeliefertseins an eine Rolle brachten Bertelmann die Erkenntnis: „Das ist nicht mein Weg. Ich muss herausfinden, ob ich als Person ausreiche.“
Das sollte eine ganze Weile dauern, weil er in der Zwischenzeit eine Familie gründete und so pragmatisch wie engagiert in Haan als Musik lehrer arbeitete. Gleichzeitig hörte er aber nicht auf, nach Wegen zu suchen, sich künstlerisch Ausdruck zu verschaffen. Zunächst brachte ihn sein Interesse an elektronischer Musik mit unterschied lichen Musikern im Raum Köln-Düsseldorf zusammen. Die Arbeit mit ihnen mündete in der Aufnahme mehrerer elektronischer Platten unter verschiedenen Namen. 2004 kam dann die Veröffentlichung seiner ersten Klavierplatte „Substantial“. Der Name spricht für das Gefühl, das Bertelmann bis heute mit dieser Arbeit verbindet: „Das war der erste Felsbrocken, den ich irgendwo hingelegt habe.“

Dieser „Felsbrocken“ kam in der Folge schnell in Bewegung, denn zu dem Zeitpunkt hatte Bertelmann bereits damit angefangen, kleine Gegenstände aus dem Hausgebrauch zwischen und auf den Saiten des Klaviers zu platzieren, um die Klangwelt seines Instruments zu erweitern. Er wollte mit dem Klavier nicht mehr nur Klavier spielen, sondern Klangeffekte wie von Bassgitarre oder Schlagzeug herstellen. Und er beschäftigte sich obsessiv damit, einen Elektrosound ohne elektronisches Equipment zu erzeugen. Seit dem Studioalbum „The Prepared Piano“ hat er neben der Arbeit an Theater-, Film- und Kunstprojekten unter dem Namen Hauschka regelmäßig Soloalben herausgebracht.

Seine Platten und deren Titel bezeichnet er als autobiografisch. Es sind persönliche Statements, assoziative Auseinandersetzungen mit eigenen Seelenzuständen, aber vermehrt auch mit gesellschaftlichen Themen und globalen Problemen. In Leben und Arbeit lässt Volker Bertelmann sich nur ungern festlegen. Im Plattenladen sind alle Hauschka-Veröffentlichungen in unterschiedlichen Kategorien zu finden. In scheinbaren Widersprüchen verfängt er sich nicht, löst sie stattdessen in seiner Musik auf. So bringt er seine klassische Ausbildung mit seinem Interesse an Popkultur und elektronische mit traditionellerer Instrumentierung zusammen. Er ist gern auf Tour und kommt sehr gern nach Düsseldorf zurück. Er hat früh den Kontakt zu international erfolgreichen Leuten gesucht und gefunden und ist gleichzeitig mit der Musik- und Kunstszene in Düsseldorf immer eng verbunden geblieben. Im Salon des Amateurs hat er das Approximation Festival mitbegründet. Er arbeitet als Künstler intensiv für sich allein und kann doch nicht verhehlen, wie wichtig ihm die Zusammenarbeit mit anderen Künstlern und Musikern ist, solange er sich nicht mit Menschen umgeben muss, die „so egozentrische Anhaftungen“ haben.


Hinter seiner offenen, professionellen Art, über sich selbst Auskunft zu geben, kommt immer wieder auch eine Sperrigkeit hervor. Er ist ein zeitgenössischer Komponist und wehrt sich hartnäckig gegen das Label Neoklassik. Weil ihm das „zu soft“ ist! Er mag keine „Schmusemusik für den Hipster“ machen, nicht einfach nur ein Pensum abspulen. Er möchte vielmehr mit dem Publikum etwas teilen, entscheidet möglichst erst nach dem Soundcheck, wie ein Konzert ungefähr ablaufen soll, und überlässt sich dann der Improvisation, dem Zufall. Und seinen Zuschauern.

Im Jahr 2015 hatte Bertelmann gleich zwei Mal dieses Gefühl, es verändert sich etwas: Einmal, als er nach einem Konzert in Melbourne den „Lion“-Regisseur Garth Davis kennengelernt hatte. Aber auch durch die Fluchtbewegungen in die Bundesrepublik und den damit verbundenen Rechtsruck in der Gesellschaft. „Die Not der Menschen kommt näher zu uns“, sagt er. „Mein direktes Gefühl war, es geht jetzt nicht mehr um Entertainment, sondern jetzt muss man für sich selbst ein Statement schaffen. Auch wenn das nur bedeutet, dass man Fragen stellt und überlegt, wie die eigenen Kinder eigentlich aufwachsen. Was mit ihnen in 30 Jahren ist.“ Mit diesen Fragen hat Hauschka sich auf seinem Album „What if“ beschäftigt.

Volker Bertelmann beantwortet die Frage nach seiner Frau und den drei Kindern sehr entschieden: „Am Ende des Tages ist es doch so: Man kommt nach Hause an einen Ort, an dem man sich aufgehoben fühlt, an dem man mit Menschen zusammen sein kann, für die man das Ganze macht.“ Natürlich sei seine Arbeit ihm sehr wichtig, aber mit der ihm eigenen Direktheit setzt er nach: „Wenn ich wüsste, ich müsste etwas anderes machen, damit es der Familie gut geht, dann würde ich das tun. Und egal, wo sie sind: Wenn es ihnen schlecht geht, hole ich sie ab.“

www.hauschka-music.com

Fotos: Nina Ditscheid | Carsten Sander

Text: Charlotte Roos

Go back