Die Kö - Straße der Vielfalt & Atmosphäre

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Tradition oder Wandel: Die Königsallee steht für beides. Architektur-Professor Juan Pablo Molestina spricht über die Gestaltung und die besondere Atmosphäre der Prachtstraße, über ihr Image und über Cappuccino aus dem Bauchladen.

Königsallee: Düsseldorf befindet sich im Umbruch, an allen Ecken und Enden wird gebaut. Wie würden Sie den architektonischen Wandel auf der Königsallee beschreiben?

Juan Pablo Molestina: Die Königsallee ist ganz klassisch vom Sandstein geprägt. Er findet sich beispielsweise auch in der Fassade des alten Warenhauses Tietz, des heutigen Kaufhofs an der Kö. Dieses Material spiegelt traditionell die Solidität und den gutbürgerlichen Anspruch an diese Straße wider. Doch dieses Bild verändert sich jetzt. Die Farbe der Architektur bewegt sich zwischen beigem Sandstein und dem spiegelnden Blau der Glasfronten.

Was bedeutet der architektonische Wandel für das Image der Straße?

Die Qualität einer Straße ist, dass sie über die Jahrzehnte oder Jahrhunderte hinaus eine gewisse Atmosphäre beibehält. Die Nutzung der Gebäude verändert sich, die Bewohnerstruktur ist mal ärmer, mal reicher, aber die Straße bleibt. Und die Königsallee ist eben eine Straße, die es tatsächlich geschafft hat, sich über 150 Jahre lang diese Qualität zu erhalten, für die sie geschätzt wird. Diese Atmosphäre gilt es zu stärken.


Gibt es auf internationaler Ebene Straßen, die mit der Kö vergleichbar sind?

Die Königsallee ist knapp einen Kilometer lang, dadurch sticht sie sehr heraus. Ich denke aber an The Mall in London, vom Buckingham-Palast bis zum Trafalgar Square. Diese Straße ist auch mitten in der Stadt, und obwohl man mittendrin ist, kann man im Grünen spazieren gehen. Und das ist doch sehr ähnlich. Man kann sich leicht vom Trubel absetzen und dann ruhig unter den Bäumen laufen.

Welchen Anteil hat die Architektur der Kö daran, dass sich die Menschen hier wohlfühlen? 

Nehmen wir beispielsweise das ehemalige Warenhaus Tietz mit seiner wunderschönen Architektur und der alten Jugendstilfassade – das ist gedacht wie ein großer Palais. Es ist ein wunderschöner Hybrid. Das Gebäude bietet viel für die Passanten, innen wie außen. Bei der neuen Architektur muss man hohe Maßstäbe setzen. Jedes Gebäude kommt zwar aus seiner eigenen Zeit, trotzdem muss man immer zuerst darauf blicken, was man vorfindet. Das Geschick von Architekten ist es, diesen Bestand einerseits aufzugreifen, andererseits aber nicht nur Kopien eines historischen Vorbilds anzufertigen. So gibt es viele Gebäude auf der Kö aus den 60er-Jahren, die wunderschön sind und sich gut anpassen. Es ist wichtig für den öffentlichen Raum, Aufenthaltsflächen zu schaffen, wie ein Vordach, das den Flanierer begleitet. Man muss auch denen etwas bieten, die vielleicht nur zum Schaufensterbummel herkommen.


Und was macht die besondere Atmosphäre aus?
 

Was die meisten mit der Kö verbinden, ist die luxuriöse Einkaufsseite. Aber das ist nur einer von vier Bürgersteigen. Die Kö ist ein Ort zum Flanieren. Entlang der Gräben hat sie eine gewisse Ruhe. Eine Qualität, die viele andere Straßen nicht haben. Und ich glaube, die Mischung macht es hier auch. Wenn die Kö nur teures Einkaufen wäre, dann wäre sie lange nicht so nachhaltig interessant, wie sie jetzt ist. Außerdem hat sie eine sehr schöne Proportion und der mittlere Bereich um den Graben wird flankiert mit diesen wunderschönen alten Bäumen und dem grünen Streifen, der direkt zum Park führt und vom Hofgarten abgeschlossen wird.

Was macht eine Straße dauerhaft attraktiv?

Die Königsallee war ja nicht immer eine teure Einkaufsstraße. In den 20er-Jahren war sie eine bunte Ausgehmeile, sehr vonStudenten frequentiert, viel Nachtleben. Mit den teuren Läden und dem Luxus heute hatte das nicht viel zu tun. Die Qualität jeder Prachtstraße, vor allem hier in Europa, ist, dass man beim Flanieren viele unterschiedliche Menschen sieht. Leute aus aller Welt und aus der Region, die teuren Händler, aber auch arme Leute und Geschäfte, die nicht nur die oberste Schicht in Anspruch nehmen. Das sollte man auch ein Stück weit kultivieren. Ansonsten schwankt die Straße immer nur weiter in eine Richtung, bis es monoton und langweilig wird.

Sehen Sie diese Gefahr hier?

Die Königsallee ist zum Glück nicht gefährdet. Aber ich denke, dass es sie bereichern würde, wenn es mehr skurrile, bewegliche Angebote geben würde. Fahrradbauchläden, die Cappuccino verkaufen, oder Würstchen am Kiosk zum Beispiel. Das macht Urbanität auch aus. Ich finde, es liegt nicht nur an den festen Architekturen, die ja naturgemäß teuer sind, sondern auch daran, dass man Raum schafft für Skurriles. Für gegensätzliche Angebote.

Was ist Ihr Lieblingsort auf der Kö?

Im Moment ist die Kö ja noch sehr im Umbau, aber die Bänke am Tritonenbrunnen... das ist ein wunderschöner Ort, um Menschen zu beobachten und zu verweilen.

Interview: Ann-Christin Gertzen

Fotos: Raphael Janzer | Tobias Wolfsteller

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