Der Weihnachts-Hase

 


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 3/2017

DER  WEIHNACHTS-HASE

Weihnachtszeit ist Lesezeit. Der Düsseldorfer Schriftsteller
Martin Baltscheit legt uns eine Geschichte unter den Tannenbaum.
Zum Schmökern, Schmunzeln und Nachdenken.

Noch zwei Wochen. Der Weihnachtsmann nahm einen Schluck Früchtewein und arbeitete sich durch die Wunschzettel. Die Lager waren voll mit Geschenken für Mensch und Tier. Denn so war es üblich und so stand es auch über der Tür geschrieben: Kein Lebewesen ohne gute Tat. Und eine gute Tat verdiente immer auch ein gutes Geschenk. Das wusste der Weihnachtsmann besser als jeder andere, und weil Geschenke machen mehr Freude bereitete als Geschenke bekommen, liebte der Weihnachtsmann sein Leben über alles. 

Gegen Abend klopfte es an der Tür. Vor dem Haus stand ein Hase mit steifgefrorenen Ohren. „Was machst du denn hier?“, fragte der Weihnachtsmann und öffnete die Stube. Der Hase hoppelte auf kalten Pfoten ans Feuer und setzte sich gleich in den Schaukelstuhl. Der gute alte Weihnachtsmann brachte Früchtewein und Kekse. Der Hase starrte in die Flammen.

„Ich will tauschen!“, flüsterte er.

„Was willst du tauschen? Meinen Mantel gegen dein Fell?“

„Gerechtigkeit“, sagte er. Der Weihnachtsmann machte sich eine Notiz auf vergoldetem Papier. „Was meinst du damit, mein Freund?“, fragte er. 

„Ich bin nicht dein Freund“, antwortete der Hase, „und so wie es aussieht, bist du auch kein Freund von mir.“

„Hoho!“ Der Weihnachtsmann legte seine breite Hand auf die Hasenschulter. 

„Ich bin der Freund aller Lebewesen. Kein Lebewesen ohne gute Tat und jede gute Tat verdient auch ein ...“

„Geschenk!? Die Welt ist voller Ungerechtigkeiten und du machst Geschenke. Für alle!“

„Weihnachten ist das Fest der Liebe und ...“

„Ach, hör doch auf!“, kläffte der Hase wie ein alter Hund und kippte den Rest vom Früchtewein in die zischende Glut. „Es gibt gute und schlechte Lebewesen.“

„Und jedes hat seinen Sinn.“

„Fuchsleben sind sinnlos.“

„Nicht für die Füchse.“

„Wolfsleben. Schlangen. Hunde. Raben. Alle sinnlos, aber du machst jedem eine Freude.“

„Wenn Füchse, Schlangen und Raben gut zu ihren Familien waren ...“

„... waren sie meist nicht gut zu Hasen, Hühnern und Mäusen. Was glaubst du, wie das bei uns ankommt? Neue Füchse kommen aus allen Wäldern, nur deiner schönen Gaben wegen! Schöne Bescherung. Ich will meinen alten Wald zurück.“

„Der Wald ist groß genug für neue Tiere.“

„Ich werde dir zeigen, wie es ist, wenn jemand Neues kommt!“

Der Hase nahm das goldene Blatt und schrieb in großen Buchstaben darauf: 

„Ich wünsche mich als Weihnachtsmann!“

Der alte Weihnachtsmann sah auf den Zettel und dann auf seine Uhr. 

„Wenn du mir helfen willst, kannst du Geschenke einpacken.“ 

Der Hase sprang auf den Tisch, stieß die Keksdose um und schrie: „Du musst mir meinen Wunsch erfüllen. Du bist der Weihnachtsmann! Und dann wird dir der Weihnachtshase einmal zeigen, wie man gerecht Geschenke macht!“ 

Der Hase hüpfte herum und die blaue Kanne zerbrach auf dem Boden. Da packte der Alte die zwei langen Ohren, öffnete die Tür und trat den Hasen mit Schwung in den Puschelschwanz. Er flog in hohem Bogen aus dem Haus, zurück in den Frühling und die Vergangenheit, aus der er wohl gekommen war. Die Tür fiel ins Schloss und der Weihnachtsmann machte sich an die Arbeit, um die verlorene Zeit wieder aufzuholen. 

Zwei Stunden setzte er sich für eine Pause mit ein paar Lebkuchen vor den Fernseher und hörte auf allen Programmen die gleichen seltsamen Nachrichten: „Neuer Weihnachtsmann! Pressekonferenz mit Weihnachtshase! Der Weihnachtshase gibt bekannt: Neue Geschenke braucht das Land!“ Der Hase hatte sich einen roten Mantel angezogen, eine wollene Mütze aufgesetzt und schrie in alle Mikrofone: „Ich bin der neue Weihnachtshase und erfülle nur die eigenen Wünsche!“

Die umstehenden Hasen jubelten. 

„Gutes nur für gute Tiere!“ 

Applaus von allen Hasenpfoten.

„Böse Tiere kriegen nichts!“ 

Großer Jubel. 

„Einen Zaun vielleicht!“

Riesenjubel. 

„Neue Tiere müssen draußen bleiben! Für immer!“

Und alle Tiere rasteten aus. Eichhörnchen, Vögel und Kaninchen winkten schon mit Weihnachtshasenfahnen und alle zusammen riefen:

„Wir sind das Tier! Geschenke bleiben hier!“

Dem Weihnachtsmann fiel der Lebkuchen aus der Hand. Die Nachricht vom gerechten Weihnachtshasen lief schneller durch den Wald, als eine Sonne Schnee zum Schmelzen brachte. Schon mit der Morgenpost lagen weniger Wunschzettel im Briefkasten und bis zum Abend blieben sie fast ganz aus. Der Schlitten war kaum über die Hälfte gefüllt und es gab nichts mehr zu tun für den alten Weihnachtsmann. Die Fernseher zeigten, wie sich die Tiere von eigenen Weihnachtsmännern Wünsche erfüllen ließen.

Eine Weihnachtsbiene und eine Weihnachtsmaus zeigten ihren Artgenossen neue Schlitten und unbekannte Süßigkeiten. Sogar die Weihnachtsbäume wünschten sich die Abschaffung aller Weihnachtsbäume, wollten ungeschmückt verwurzelt sein und sangen das Lied vom Tannenbaum, der nicht verreisen wollte. Die Welt hatte sich über Nacht verändert und am Abend des 24. Dezembers brachte der Weihnachtsmann sein „Ho! Ho! Ho!“ kaum über die Lippen. Alles war anders: Vor jedem Heim flatterten neue Fahnen und alle warteten auf ihren persönlichen Weihnachtsmann oder -frau oder -huhn oder -hering. Die neuen Zäune waren mit grellen Lichterketten geschmückt und man brauchte ein geheimes Wort, um durch die Gartentore zu kommen. Wie es aussah, feierten Menschen und Tiere nicht mit-, sondern gegeneinander. Und weil auch die Kamine der Häuser vergittert waren, lieferte der Weihnachtsmann in dieser Nacht kein einziges Geschenk ab. Der gute alte, sehr müde Weihnachtsmann kletterte vom Kutschbock und strich dem alten Rentier übers Fell. 

„Ich gehe ein paar Schritte allein“, sagte er und ging ein paar Schritte allein durch den frischen Schnee, durch leere Straßen und eine lange Reihe von Gegenpartys. Aus jedem Haus erklangen Lieder, die er nicht kannte, und nichts passte zusammen. Auch der große Weihnachtsbaum auf dem Markt war verschwunden. Der Weihnachtsmann atmete schwer und es fing an zu schneien. Feierlich war es nicht, nur kalt. Der Platz an der Kirche blieb leer und ein einziges Lebewesen saß auf einer grauen Bank. 

„Ho, ho, ho ...“, flüsterte der Weihnachtsmann und wollte einen Spekulatius teilen.

Eine weiße Pfote nahm den Keks an und knabberte schüchtern. Die Pfote zitterte und der Weihnachtsmann sah, wie eine Träne auf den Boden fiel. 

„Was machst du denn hier?!“ Er fasste den Hasen an den Schultern. Seine Augen waren rot, noch eine Träne fiel wie eine weiße Perle herab und verschwand im Schnee, als hätte es sie nie gegeben.

„Was heulst du hier rum!? Das wolltest du doch. Jeder sitzt in seinem Wald und kümmert sich einen Dreck um den anderen. Du hast das ganze Fest kaputt gemacht, du ... dämlicher Weihnachtshase!“

„Ich bin nicht der Weihnachtshase!“ Der Hase nahm die Kapuze ab. „Ich bin der Osterhase und so traurig wie du! Das ist doch nicht mein Werk. 

Heute schaffen sie Weihnachten ab und im Frühjahr mich! Ich habe damit nichts zu tun.“

Der Weihnachtsmann schob seine Brille zurecht. Das war wirklich ein anderer Hase als der, der an seine Tür geklopft hatte.  

„Aber wenn du der Osterhase bist, welcher Hase war dann bei mir?“

Die beiden starrten in ihre Augen wie in leere Wunschzettel. 

„Das war der Angsthase!“, sagte der Osterhase und blickte in die umliegenden Fenster. 

„Er hat ihnen Angst gemacht und alles zerstört.“

Die neuen Lieder waren gesungen und frisches Misstrauen wurde auf den Festtags-tischen serviert. Weihnachtsmann und Osterhase saßen schweigsam auf der Bank wie Schneeflocken, die fielen und nicht wussten, ob sie jemals landen würden.

„Jetzt hätte ich gern ein Geschenk“, seufzte der Weihnachtsmann und kannte sich selber kaum, er hatte sich noch nie etwas gewünscht. „ Am liebsten ein Wunder.“ 

Der Hase schnäuzte sich die Nase und nickte.

„Kannst du haben“, sagte er, bewegte sich aber nicht. Der Weihnachtsmann sah sich um.

„Wo denn?“

„Na, du musst schon suchen“, lächelte der Osterhase und also suchte der Weihnachtsmann nach seinem Geschenk. Er lief viele tiefe Schritte auf dem Platz, bis er hinter einem Trafokasten ein Bündel mit Stroh fand. Im Stroh war ein Stück Stoff und in der hellen Wolle lag etwas Weiches. Der Weihnachtsmann legte das Bündel in seine Arme, entfaltete das Tuch und staunte. 

Auch der Hase staunte mit.

„Und, ist es aus Schokolade?“

„Nein“, sagte der Weihnachtsmann. „Es ist aus Liebe. Aber noch sehr klein und es friert! ... hast du eine Decke?“

Der Hase schüttelte den Kopf. 

„Hat jemand eine Decke?!“, rief der Weihnachtsmann über den Platz, das Viertel, die Stadt und das ganze Land. „Ich brauche eine warme Decke für ein Baby!“

Da öffnete sich das Fenster einer mitfühlenden Gans. Sie hatte eine daunenwarme Decke. Zwei Mäuse und eine Katze sahen es und brachten Handschuhe und Strümpfe. Mehr und mehr Lebewesen schenkten, was sie entbehren konnten, und langsam füllte sich der Platz mit Gaben, Wünschen, Ideen und auch der Tannenbaum kehrte zurück. Weil es bald zu viele Geschenke waren, trug der Baum sie auf seinen Ästen und der Weihnachtsmann gab die Richtung vor. 

„Wo gehen wir hin?“, fragten die Tiere, „in die Kirche?“ 

Aber der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf und wiegte das Kind in seinen Armen: 

„Nein, nicht in die Kirche. Wir gehen zum Angsthasen und machen ihm ein Geschenk.“ 

Leise fiel der Schnee auf die Welt und alle Weihnachtsmänner flüsterten miteinander, um das schlafende Kind nicht zu wecken. Denn so sind die Lebewesen, keines ist ohne eine gute Tat und jedes ist dem Leben zugetan. •

Illustration: Maria Karipidou

 

In Martin Baltscheits neuem Buch „Besuch aus Tralien“ (Dressler Verlag, Oktober 2017, 12,99 €) geht es um die Frage: Wie fühlt es sich an, fremd zu sein? Modern und augenzwinkernd illustriert von Maria Karipidou. Erhältlich etwa in der Mayerschen Buchhandlung auf der Kö.

 

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