Auf der Suche nach der Tour

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

Radsport ist Breitensport – Wochenende für Wochenende schwingen sich die sogenannten „Jedermänner“ auf ihre Räder und fahren ihre Feierabendrunden. Dabei geht es auch um das Erlebnis der Runde, in der man zusammen kurbelt. Oder ganz modern: um den Social Ride. Olaf Ebeling hat es ausprobiert: Er war auf der Grand-Départ-Etappe unterwegs – der ersten Etappe der Tour de France 2017.

Ich lasse es mir nicht nehmen, die erste Etappe der Tour de France vorher persönlich in Augenschein zu nehmen und abzufahren. Die Strecke verlässt Düsseldorf über den Grafenberger Wald, zieht über Erkrath durchs Neandertal, Richtung Mettmann, hoch nach Ratingen und dann zurück nach Düsseldorf. Leider geht es größtenteils über Haupt- und Landstraßen, sodass man die Strecke nur bedingt befahren kann, wenn sie nicht gerade rennmäßig abgesperrt ist. Nichtsdestotrotz lässt sich die landschaftlich reizvolle Gegend auch beschaulich auf den Wirtschaftswegen und Nebenstraßen erkunden und man bekommt bereits ein Gefühl für die Höhenmeter. So kurbelt man entspannt sirrend über die Höhenzüge und fühlt sich beinahe wie im Urlaub.

Aber alles andere als Urlaub ist es, wenn der Startschuss tatsächlich fällt – wie am 18. September 2016, als ich mein erstes Rennradrennen gleich auf der Touretappe mitgefahren bin. Perfekt ausgerüstet mit Mountainbikehelm, einem alten italienischen Stahlrenner, dabei völlig ahnungslos, aber hoffnungsvoll. Hier ist mein Erfahrungsbericht vom letzten Jahr bei der Generalprobe zum diesjährigen Tourstart, dem „Race am Rhein 2016“: 

Auf der Suche nach der Tour Radler

Wie immer im Leben bin ich auch in das „Race am Rhein 2016“ mehr oder minder zufällig reingestolpert. Nur einmal an der falschen Stelle „ja“ gesagt, schon steht man mit 1.500 anderen Hobbyradlern am Sonntagmorgen auf der Berliner Allee. Rundherum ein buntes Sammelsurium aus Carbon-Hightech und in Ehren ergrauten Fahrern, Nervosität, Energieriegeln und gespielter Lässigkeit. Unsere kleine Gruppe hat sich getreu dem Motto „Lieber tief- als hochstapeln“ im letzten Startblock einsortiert, um sich schon mal von vorneherein eine gute Ausrede zurechtzulegen, warum man ganz hinten im Ziel ankommt. Und ein Vorteil des letzten Blocks ist: Man wird nicht demütigend überholt. Bei aller Lässigkeit und „Wir sind ja nur zum Spaß hier“ macht sich eine ungewohnte Nervosität breit, die sich in geschäftigem Treiben ausdrückt: Handschuhe an, Handschuhe wieder aus, Radcomputer an, aus und noch mal neu gestartet, noch was trinken, noch ein Riegel, noch mal zur Toilette, Blick auf die Uhr – noch locker 30 Minuten bis zum Start.

Auf der Suche nach der Tour Feld

Auf der Suche nach der Tour Fahrrad schwarz weiss

Dann ist es endlich so weit: Der Startschuss fällt – und nichts passiert. 1.500 Radler müssen sich erst einmal sehr, sehr lang entzerren. Als wir dann endlich auch die Startlinie überqueren, ist die politische Prominenz schon weg und der Startblock wird bereits abgebaut. Aber dann geht es endlich los, bergab in den Tunnel des neuen Kö-Bogens hinein, ich werfe die Kette rechts aufs große Blatt und: Kette ab. Na prima, die totale Katastrophe. Vor lauter Nervosität bekomme ich im Tunnel kaum die Kette wieder aufs Kettenblatt gelegt und nun sind wirklich restlos alle an mir vorbei. Aber jetzt bahnt sich das angestaute Adrenalin den Weg nach draußen und mit dem Mut der Verzweiflung trete ich in die Pedale. Es geht über die abgesperrten Hauptstraßen zügig vorwärts und als Erstes fällt mir das Geräusch auf, das Hunderte von Radfahrern verursachen: Es surrt und sirrt wie ein wild gewordener Hornissenschwarm und man ist selbst mittendrin. Plötzlich ist alle Nervosität wie weggeblasen und wir radeln Richtung Grafenberg, zur ersten Bergprüfung, hoch zur Galopprennbahn. Ich halte mich zurück, weil ich nicht übertreiben will und auch nicht so richtig weiß, was noch kommt – aber es läuft gefühlt ganz gut. So gut, dass meine beiden Teamkollegen leider bereits abhandengekommen sind. Entschuldigung, Norbert und Achim, dafür noch mal. Nach der Rennbahn geht’s ein Stück bergab und Richtung Neandertal. Ich arbeite mich so langsam von Gruppe zu Gruppe vor und freue mich, dass man das Feld von hinten aufrollen kann, was psychologisch weitaus mehr Freude bereitet, als den Atem der Verfolger im Nacken zu spüren. Richtung Norden geht es dann wieder bergauf und ich halte nach wie vor Haus mit meinen Kräften. Als ich oben einen Mitstreiter frage, wie lange das denn hier eigentlich noch bergauf geht, meint der, jetzt ginge es nur noch runter zurück nach Düsseldorf. Mit dem Wissen habe ich dann richtig in die Pedale gelangt und der wahre Genuss fing an. Mit Highspeed bis rein nach Düsseldorf und noch genug Power für einen anständigen Schlusssprint. Am Ende steht eine 1:18-Zeit für die kleine 46-km- Runde auf der Uhr und damit ein Platz im ersten Drittel der 1.500 Fahrer. Das Gewinnergrinsen ist mir ins Gesicht gemeißelt und hält stundenlang an – eins ist klar: 2017 bin ich wieder dabei und diesmal weiß ich ja, was kommt.

Auf der Suche nach der Tour Fahrrad Pause

Text: Olaf Ebeling

Foto: Matthäus Walotek

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