9.000 Kilometer rund ums Meer


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Autor Olaf Ebeling und Fotograf Berthold Litjes haben sich auf den Weg gemacht: raus aus der Komfortzone, raus auf die Straße. Bei der Baltic Sea Circle Rallye ging’s bis zum Nordkap.

“Twenty years from now you will be more disappointed by the things you didn't do than by the ones you did do. So throw off the bowlines, sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.“

Diese Erkenntnis Mark Twains hat uns dazu bewogen, uns ein gutes Stück aus unserer heimeligen Komfortzone herauszubewegen und über 9.000 Kilometer weit zu fahren. Vor einem Jahr beschlossen wir, die Baltic Sea Circle Rallye mitzufahren. Da wie beide Reise erprobt und Fans klassischer Autos sind, passen die Rahmenbedingungen der Rallye perfekt auf uns: Auto mindestens 20 Jahre alt, kein GPS, keine Autobahnen. Grob umrissen führt die Route in 16 Tagen von Hamburg über Dänemark nach Schweden und Norwegen, hoch über den Polarkreis zum Nordkap – und das mitten im Mittsommer, wenn die Sonne nicht mehr untergeht. Von da geht es Richtung Finnland, rüber in Charity-Projekte, die man als Teilnehmer frei wählen kann – wir haben uns für die Düsseldorfer Kindertafel entschieden, die sich am Ende über satte 1.500 Euro freuen konnte. So war unser Gewissen so weit beruhigt, dass wir bei der Wahl des Autos ein bisschen über die Stränge schlagen konnten.
Eins war klar: Wenn wir schon bis hoch zum Nordkap und durch Russland fahren, muss es Spaß machen. So sind wir nach ersten Vernunftüberlegungen mit heimischen Dieseln oder skandinavischen Kombis schnell in Detroit gelandet – genauer gesagt bei einem Chevrolet Tahoe, Baujahr 93, dem Nachfolger des Blazers K5, den man auch aus unzähligen amerikanischen Spielfilmen kennt. Satte 5,7 Liter Hubraum, Automatik mit Overdrive, Allradantrieb und ein Fahrwerk, das selbst ostzonengroße russische Schlaglöcher wegbügeln kann, die einem schlaglochartig klarmachen, warum Starrachsen und Blattfedern selbst heute noch eine Berechtigung im Fahrzeugbau haben.


Der Start der Baltic Sea Circle Rallye ist am Hamburger Fischmarkt – von dort machen wir uns mit viel Spektakel und rund 250 Teams nacheinander auf den Weg gen Norden – überraschenderweise sind wir schon drei Ampeln weiter allein unterwegs und alle anderen vom Verkehr verschluckt. Ein Phänomen, das sich die ganze Rallye lang fortsetzt: Man fährt für sich, nur bei den Tank- und Kaffeestopps rauschen andere Teams heran oder vorbei. Jedes Team fährt seine eigene Geschwindigkeit und seine eigene Route. So entscheiden wir uns hinter Dänemark für die spektakuläre Öresundbrücke und ziehen dann hoch Richtung Stockholm, wo uns Schweden mit einer Pippi-Langstrumpf-Welt wie aus dem Bilderbuch verzückt. Hier halten wir uns übrigens penibel an die Geschwindigkeitsbegrenzung, denn die Höchstgeschwindigkeit wird hier auch als solche verstanden – grobe Überschreitungen enden tatsächlich hinter den hiesigen schwedischen Gardinen.

Die Tage werden nun schon spürbar länger, als wir einen gewaltigen Schlag Richtung Nordwest machen, um zum ersten Etappenziel zu kommen, das wir bis dato nur aus dem Wetterbericht kannten: den Lofoten. Die norwegische Inselgruppe liegt im Nordmeer und verschlägt uns mit ihrer rauen landschaftlichen Schönheit glatt den Atem. Was zugegebenermaßen ein bisschen auch an der weit verbreiteten Stockfischproduktion gelegen haben könnte. Hier trifft sich nach und nach der gesamte Rallyetross zu einer spektakulären Party inklusive Mitternachtssonnenbad – aber am Nordmeer. Wir verzichten dankend, amüsieren uns aber blendend. Die Sonne geht inzwischen nur noch sehr kurz unter und wir nur noch schlafen. Am nächsten Tag reißt die Baltic Sea Circle Bagage das Lager ab und alle machen sich wieder auf eigene Faust auf in Richtung Nordkap. Dort geht die Sonne dann tatsächlich nicht mehr unter und wir holen uns den ersten nächtlichen Sonnenbrand unseres Lebens. Gleichzeitig sitzen wir mit Handschuhen vor dem Zelt – Ende Juni schon eine interessante Erfahrung. Am Polarkreis treffen wir auf meterhohe Gletscherausläufer und zunehmend Wohnmobile mit quietschfidelen Rentnern, die nicht zu Hause im Kleingarten sitzen wollen, sondern sich auch auf den Weg zum Nordkap gemacht haben. Wir reihen uns ein in die Schlange und stellen am Nordkap leicht ernüchtert fest: Es kostet deutlich über 50 Euro Eintritt und rein geografisch gesehen gibt es einen Zipfel nebenan, der noch nördlicher hinausragt.


Nach den obligatorischen Zielfotos geht es also auf eigene Faust weiter Richtung Finnland. Dort treffen wir auf ausgesprochen feierwütige Finnen, die ihre drei Monate Sommertageslicht so was von ausnutzen, dass wir sprachlos sind. Eine Altstadtkneipe am Rosenmontag ist nichts dagegen. Wir treffen allerdings auch noch auf etwas anderes: mindestens spatzengroße Mücken, was uns dann ein paar Kilometer weiter dazu bewegt, einen lokalen Outdoorshop hinter der norwegischen Grenze aufzusuchen, um uns einen Mückenschutz der Skandinavier zu besorgen – folgende denkwürdigen Verkaufsargumente bekomme ich zu hören, als ich frage, welche der mindestens zehn verschiedenen Sorten ich nehmen soll: “Take the one that says Jungle Oil. Very poisonous – that is why it works. But don’t use it on children. By the way: it is totally forbidden all over the European Union. Thank God we are not in the EU!” Von diesem Tag an hat die bloße Anwesenheit von zwei Flaschen Jungle Oil dafür gesorgt, dass wir für den Rest der Reise nicht eine einzige Mücke mehr gesehen oder gehört haben. Strong buy!


Vom finnischen Inarisee zieht es uns nach Russland – um genau zu sein, nach Murmansk. Schauergeschichten von korrupten Grenzbeamten, kriminellen Straßenräubern und abenteuerlichen Straßenverhältnissen machen die Runde, aber es kommt alles anders. Also fast alles: Die Straßenverhältnisse im Norden Russlands sind tatsächlich furchtbar, die russischen Fahrer umso furchtloser. Schlaglöcher groß wie Badewannen lassen uns schnell sehr dankbar für die blattgefederte Starrachse unseres Tahoe sein. Unzählige Kreuze am Wegesrand gemahnen zur defensiven Fahrweise. Die Grenze haben wir in 1,5 Stunden passiert, Russland selbst durchqueren wir aber vorsichtshalber im Konvoi mit anderen Rallyeteilnehmern. Passiert ist uns nichts Negatives, das Schlimmste ist der nach wie vor recht ruppige Service mit Ostblockcharme, den man in der Tat immer noch antrifft.
Ab dem beeindruckenden Sankt Petersburg stehen die Zeichen langsam, aber sicher auf Heimweg und wir peilen über die baltischen Staaten und Polen die Heimat an. Estland, Lettland und Litauen zeigen uns direkt hinter der russischen Grenze, dass der Kapitalismus im Systemvergleich unbestritten weit vorne liegt, denn hier ist gleich wieder Europa in voller Blüte und boomende Städte wie Tallinn und Riga gehen als leuchtende Botschafter der freien Marktwirtschaft durch. Den schauerlichsten Teil der Reise erleben wir tatsächlich in Polen, wo es 15 Stunden durchregnet, stürmt und wir uns die knappen Landstraßen mit unzähligen Transit-Lkws teilen müssen. Hier sind wir froh, heil durchzukommen. Eine letzte Übernachtung in einem dubiosen Hotel mit angeschlossenem Nachtklub in Stettin lässt uns eher unruhig schlafen und dann reißen wir die letzten 700 Kilometer nach Hause lässig in einem Rutsch ab. Resultat der Reise sind nicht nur unzählige Eindrücke spektakulärer Landschaften und netter Menschen, sondern auch rund 100 Gigabyte Material von GoPro-Kamera, Spiegelreflexkamera und unserer Drohne.

Unser ganz herzlicher Dank gilt Paffrath Events, Kaffee Reich, Pure Pastry und MMD-Design US Car-Service, die uns und die Kindertafel sehr unterstützt haben. Für die Winterversion der Rallye haben wir uns übrigens bereits angemeldet – Baltic Sea Circle Winter Edition, die uns statt Mitternachtssonne dann hoffentlich Polarlichter bescheren wird. Wir freuen uns darauf und gehen schon jetzt auf Sponsorensuche, um wieder Charity-Gelder einzusammeln.

Fotos: Berthold Litjes

Text: Olaf Ebeling

Wer die Baltic Sea Circle Winter Edition unterstützen möchte, schreibt an: olaf@die-ebelings.de.

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