Sternstunden ihrer Ära

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

Die Kennzeichen verraten es schon: "H" für historisch, "E" für elektrisch.

Zwei Ikonen ihrer Zeit treffen aufeinander zu einem Vergleichstest der ganz besonderen Art: der Mercedes-Benz 450 SEL 6.9, Baujahr 1979, und der Tesla Modell X 90D, Baujahr 2017. Straße frei für zwei großartige Vertreter der Mobilitätskonzepte von gestern und heute.

Im Jahr 1979 war die Welt für Mercedes-Benz noch vollkommen in Ordnung: „Beim Daimler“ in Sindelfingen wurden ganz selbstverständlich die besten Autos der Welt gebaut, auch wenn irgendwo in England im Namen zweier Brüder etwas anderes behauptet wurde. BMW versuchte sich gerade erst mal am 7er BMW, die autofreien Sonntage der ersten Ölkrise waren längst vergessen und der Liter Normalbenzin kostete lächerliche 90 Pfennig. Für die ganzen jungen Leser: Das entspricht rund 45 Cent.Da konnte man noch aus dem Vollen schöpfen und das tat zu dieser Zeit keiner eindrucksvoller als der Mercedes-Benz 450 SEL 6.9 – ein langer Name, mit einem Ruf wie Donnerhall, der Automobil-freunde ehrfurchtsvoll aufhorchen lässt. 1976 wurden bei einem Testverbrauch von 19,9 Liter auf 100 Kilometer eine Beschleunigung von 0–100 km/h in 7,8 Sekunden und eine Höchstgeschwindigkeit von 237 km/h erreicht, was in allen Belangen bessere Werte als die recht konservativen Herstellerangaben waren.

Mit 286 PS und einem Drehmoment von 550 Newtonmeter, von dem das meiste schon kurz über Leerlaufdrehzahl anliegt, taugt der 450 SEL 6.9 schon beinahe als Rangierlokomotive. Zu seiner Zeit konnte keinerlei Emporkömmling diesem Meisterstück deutscher Ingenieurskunst auch nur ansatzweise das Wasser reichen – schon gar nicht ein Auto aus den USA. Denn was zu dieser Zeit in Detroit vom Band rollte, klang zwar imposant und sah auch mächtig aus, taugte mit butterweichen Fahrwerken und indirekten Lenkungen aber auch wirklich nur etwas auf schnurgeraden Highways mit einem Tempolimit knapp über dem, was man in Deutschland innerorts schon fuhr. Ausparken mit einem Cadillac fühlte sich damals an wie das Ablegen eines Fischkutters vom Steg und klang auch genauso.

Aber wie schon Dylan wissend nölte – die Zeiten ändern sich: Heute kommt der größte Quantensprung in der Entwicklung des Automobils nicht aus Deutschland, sondern aus den USA. Aber dort auch nicht aus Detroit und nicht von den „Big Three“ General Motors, Chrysler und Ford – sondern aus Palo Alto im Silicon Valley in Kalifornien. Gleich um die Ecke in Fremont baut die Tesla Inc. das Model X, das mit seinen Flügeltüren – Pardon: Falcon Wings – dem konsequent visionären Antriebskonzept auch optisch Flügel verleiht.

Schaut man auf die technischen Daten des Tesla X 90D, bekommt man eine Ahnung, was für ein Fahrerlebnis einen erwartet: Allradantrieb über zwei Elektromotoren, 422 PS Systemleistung und ein Drehmoment von 660 Nm lassen einen Vortrieb erwarten, der es mit den ganz Schnellen auf deutschen Autobahnen aufnehmen kann. Und noch viel spektakulärer, als es die Fahrleistungen von 0–100 in 5,0 Sekunden und die 250 km/h Vmax erahnen lassen, ist das eigentliche Fahrerlebnis: Wie von einem Katapult abgefeuert, schießt der Tesla X 90D aus jeder Lebenslage nach vorn. Das alles ohne Schalten, Drehzahlsprünge oder spürbaren Schlupf: Die Leistung ist immer und absolut unmittelbar verfügbar, das Drehmoment sofort ab Start anliegend präsent. 

Daraus resultiert eine Mühelosigkeit in der Fortbewegung, die dem Fahrer ein Dauergrinsen ins Gesicht meißelt und dem Beifahrer beim Beschleunigen spitze Freudenschreie entlockt. Diese enorme Dynamik erhält auch in der Querbeschleunigung keinen Dämpfer: Dadurch, dass die beiden E-Motoren vorn und hinten liegen, kommt der Tesla auf die optimale 50:50-Gewichtsverteilung und, was noch wichtiger ist: Durch die Anordnung der Batterien im doppelten Fahrzeugboden ist der Schwerpunkt so tief, wie es bei keinem konventionellen Fahrzeug möglich ist.

Ein Garant für exzellente Fahreigenschaften. Übrigens ist es Teil des Tesla-Konzepts, mit viel Fahrfreude den Menschen den Wandel von einer Verbrennungs- zu einer Solarelektrowirtschaft so angenehm wie möglich zu machen. Den bestehenden Vorurteilen zur Haltbarkeit der Fahrzeugbatterien entgegnet man mit einer 8-jährigen Herstellergarantie. Das Thema Reichweite der Fahrzeuge muss man unter Beachtung des Nutzungsprofils bewerten: Ein viel fahrender Handlungsreisender ist nach wie vor mit einem konventionellen Fahrzeug besser bedient.

Gern gesehene Gäste auf der Kö - Damals wie Heute

Aber die meisten Pendler, die ihr Fahrzeug morgens 30 Minuten von der heimischen Garage ins Firmenparkhaus fahren und abends wieder zurück, könnten sofort umsteigen und Lademöglichkeiten installieren lassen. Zudem steigt die Zahl der öffentlichen Ladestationen weiter an, die Batterietechnologie verbessert sich permanent und schon heute sind Reichweiten von 350 km absolut realistisch. Das größte Problem ist dabei ein rein psychologisches: Die Fahrzeuginstrumente zeigen eine permanent abnehmende Reichweite an, die den Fahrer nervös macht. In konventionellen Fahrzeugen erfreut man sich hingegen daran, dass der Tageskilometerzähler aufaddiert, wie weit man schon mit seiner Tankfüllung gekommen ist. Ein Detail, das Verbesserungspotenzial aufzeigt.

In fast 40 Jahren ist der 450 SEL 6.9 zu einem anerkannten Klassiker gereift und sein heutiger mindestens sechsstelliger Wert überschreitet seinen damaligen Neupreis von 69.930 DM selbst unter Berücksichtigung der Inflation erheblich.Für Menschen mit so viel Benzin im Blut, dass sie als Gefahrgut durchgehen würden, ist die Faszination des großen Achtzylinders ungebrochen und wächst noch mit dem Wissen, dass die Ära des Verbrennungsmotors unabänderlich dem Ende entgegengeht.

Downsizing–Dreizylinder sind die Vorboten des Wandels, ein Fahrzeug wie der Tesla zeigt aber endgültig, wohin die Reise der Mobilität gehen wird. Dem enormen Fahrspaß, den die zwei Elektromotoren so unspektakulär spektakulär aus ihren Achsen schütteln, kann sich keiner, der Freude am Fahren hat, auf Dauer entziehen. Ob der Tesla in 40 Jahren als „Klassiker der E-Mobilität“ gegen zentral kontrollierte Taxidrohnen antreten wird, mögen wir beim besten Willen nicht vorhersagen. Sicher sind wir uns jedoch, dass Elektromotoren und Batterien nicht die röhrende Faszination eines Hubkolbenmotors erreichen, der von explodierendem Kraftstoff befeuert wird. Folgende Generationen mögen dies aber völlig anders sehen, wie die Entwicklungen der gesellschaftlichen Verantwortung schon jetzt andeuten. Und sicher spricht man nicht mehr von „Benzin im Blut“ – aber vielleicht von „elektrisiert“.

Ladestationen in Düsseldorf

Fahrern von Elektroautos stehen in Düsseldorf über 70 Ladestationen zur Verfügung. Eine übersichtliche Karte und weitere Informationen gibt es auf der Website des Projekts E-Carflex, mit dem sich die Stadtwerke und weitere Partner für den Ausbau der Elektromobilität einsetzen.

Weitere Informationen unter: http://www.e-carflex.de

Text: Olaf Ebeling

Fotos: Matthäus Walotek

Zurück