Leute machen Kleider

 

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

Wer „Kö“ sagt, muss auch „Couture“ sagen: Auf Düsseldorfs Prachtstraße betrieben schon vor Jahrzehnten die großen Modeschöpfer ihre Geschäfte. Monika Gottlieb hat viele von ihnen persönlich kennengelernt.

Sie ist Modesammlerin – und ein Kind der Kö. Flanieren, staunen, stehen bleiben: Wem danach ist, der steigt in Düsseldorf kurzerhand in den Thalys nach Paris. In vier Stunden ist er auf den Champs-Elysées. Oder er steuert direkt die Königsallee an. Sie gilt noch immer als die Prachtstraße der Rheinstadt. Wie sie sich im Laufe der letzten Jahrzehnte entwickelt hat, weiß wohl kaum jemand besser als Monika Gottlieb. Das Flanieren, Staunen und Stehenbleiben hat sie schon als Kind geprobt: Sie ist auf der „Kö“ groß geworden, ihre Eltern führten hier ein Geschäft für Parfüms, kostbare Accessoires und Lederwaren. Wenn andere Mädchen ihre Puppen zurechtmachten, bummelte die kleine Monika mit ihrem Cockerspaniel lieber die Straße entlang und ließ sich von den üppig dekorierten Schaufenstern verzaubern.

monika gottlieb boulevard

monika gottlieb café weitz

Im Café Weitz, das schon Ende der 50er-Jahre schließen musste, wartete nach dem Kindergarten immer eine Tasse heiße Schokolade auf sie. Besonders aufregend war es für sie, wenn sich im elterlichen Geschäft die Größen der Modeszene wie Christian Dior oder Jacques Guerlain die Ladentürklinke in die Hand gaben. Bei „Gottlieb“ wurde verhandelt und verkauft, gelacht und geplauscht. „Das kleine Geschäft meiner Eltern war mein Kosmos, in dem für mich die große Welt zu Hause war“, sagt Monika Gottlieb. Und so lernte sie schon früh Französisch, Italienisch und Englisch. Später kamen Japanisch und Spanisch hinzu.

Neben dem Geschäft der Eltern befand sich der „alte“ Breidenbacher Hof. Als Düsseldorf in den 50er-Jahren einen Aufschwung als Messestadt erlebte, wurde das Luxushotel zu einer beliebten Adresse für Reisende und Staatsgäste aus aller Welt. Die kleine Monika, die mit der Tochter des Inhabers befreundet war, konnte so etwa die persische Kaiserin Soraya oder die britische Prinzessin Margaret aus nächster Nähe sehen. Schon mit 20 Jahren stieg sie ins Geschäft ihrer Eltern mit ein und lernte auf Einkaufsreisen rund um den Globus viele Modeschöpfer persönlich kennen. Unter anderem Céline Vipiana, die in den 60er-Jahren das Unternehmen Céline gegründet hatte und für die Gottlieb einer der ersten Kunden in Deutschland war. Aber nicht nur die Lieferanten, auch die Kunden waren prominent. Romy Schneider zum Beispiel kaufte gern hier ein. Und auch Vera Krupp, die Frau des Großindustriellen Alfried Krupp von Bohlen und Halbach.

Monika Gottlieb Couture

Anekdoten aus der Kindheit und aus ihrem Berufsleben hat Monika Gottlieb heute so einige auf Lager. Aber auch einen ganzen Fundus an Vintage-Couture – von Balmain über Maggy Rouff bis zu Bill Blass. Sie ist Jägerin und Sammlerin in einem. Auch heute, fast 25 Jahre „nach Gottlieb“, reist sie durch die Welt, besucht Design-Auktionen und -Ausstellungen, trifft Künstler und Kreative der Modewelt und nimmt erlesene Stücke und Accessoires mit nach Hause. „In den 50er- und 60er-Jahren waren große Namen wie Dior oder Chanel ja noch keine Konzerne – da trug ein Abendkleid oder eine edle Handtasche noch die Handschrift des Modeschöpfers als Individuum“, sagt sie. „Genau das ist es, was ich liebe und sammle.“

Entsprechend ist gerade die Kö der Wirtschaftswunderzeit für sie der Boulevard der Individualität: „Die Kundinnen gingen in einen Modesalon, um etwas Besonderes für sich anfertigen zu lassen – ein einzigartiges Kleid, nur für sie, das keine andere Kundin kaufen durfte.“ Haute Couture in ihrer Ursprungsform. Sie dient heute fast nur noch dazu, das Image des jeweiligen Modehauses zu stärken und auf dessen Prêt-à-porter-Kollektionen aufmerksam zu machen. Diese Entwicklung gehe an den Kunden nicht spurlos vorüber, meint Monika Gottlieb. Das Verständnis von Mode – und damit auch das Selbstverständnis des Trägers oder der Trägerin – habe sich stark gewandelt: „Viele orientieren sich heute an Trends, statt ihrem Bauchgefühl zu vertrauen und einen eigenen Stil zu finden“, sagt sie. „Mode soll aber vor allem Spaß machen und dazu einladen, kreativ zu sein!“ Dafür müsse man nicht unbedingt viel Geld investieren. „Es muss nicht immer die neueste Handtasche sein. Gute, lieb gewonnene Stücke bekommen wieder einen neuen Glanz durch ein anderes Accessoire.“ Sie selbst mag es farbenfroh, greift gern zu ungewöhnlichen Schnitten, Materialien und Designs. Ihre Anregungen holt sie sich immer noch gern beim Flanieren auf der Kö. Oder sie springt in den Zug nach Paris …

Text: Elena Winter

Fotos: Monika Gottlieb

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