Wildhagens Wunderwelt

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Das Onlinemagazin THE DORF zeigt die Gesichter von Düsseldorf. Menschen, die der Stadt ein Gesicht geben. Vielfältig und niemals einseitig. Für unsere zweite Ausgabe besuchte THE DORF Markus Wildhagen in seinem „Wandel Antik“ in Düsseldorf-Unterbilk.

 

Willkommen in der wunderbaren Welt des Herrn Wildhagen. Dieser Ort scheint verzaubert. Eine Mischung aus Willy Wonkas Schokoladenfabrik, Peter Pan, einer Cocktailhour bei Elizabeth Taylor, dem Keller eines Hollywoodproduzenten und einer 70er-Jahre-Party in John Travoltas Villa. Hier gibt es alles und nichts. Und hier gibt es alles, was es sonst nirgendwo gibt. Das ist Wandel Antik.

Eine Beschreibung fällt schwer. Versuchen wir es einmal so: Auf 1.300 Quadratmetern sammelt Markus Wildhagen seit mehr als einem Vierteljahrhundert alles, was ihm gefällt, selten und kostbar erscheint. Und das ist nicht gerade wenig. Drei Meter große Oscar-Statuen finden hier genauso Platz wie nostalgische Kinderbetten, präparierte Büffelköpfe und Artdéco- Schreibtische. Aber wie fing das eigentlich alles an? Schon mit 14 Jahren interessierte sich Markus für alte Möbel. Er hat es immer schon geliebt, auf Märkte zu fahren und dort nach kostbaren Schätzen zu suchen, die jemand anderem nichts mehr bedeuten. Individualität ist das Stichwort. „Wir Menschen sind ja alle so individuell und einzigartig und das sollte sich auch in der Wohnung widerspiegeln. Hier kommen Leute rein und sagen: ,Endlich mal andere Formen, Brüche und Patina!‘“ Er selber mag es nicht, die gleichen Dinge zu besitzen wie andere. „In meinem ersten Apartment hatte ich Sachen von Oma und Opa, die hat man dann eben angemalt oder beklebt. Das war damals todschick. Wenn man jung ist und sich kein echtes Furnier leisten kann, dann hat man sich das halt aufgeklebt.“


Wildhagen ist gelernter Industriekaufmann und hat auch eine Ausbildung im Einzelhandel absolviert, aber eigentlich hat er sich immer nur für Antiquitäten interessiert. Möbel und Accessoires, die sonst niemand hat. „Ich hatte immer diesen Wunsch im Nacken, mich selbstständig zu machen. Damals hatte ich eine Freundin, die mir den Mut gegeben hat. Die hat gesagt: ‚Komm, mach das, du hast ein Talent dafür!’ Von zu Hause kriegt man so etwas nicht mit. Als ich meinen Job kündigte, brach für meine Eltern eine Welt zusammen.“ Und für Markus Wildhagen öffnete sich eine neue Welt. 

Vor 24 Jahren rollte er das erste Mal den roten Teppich aus. Wandel Antik war geboren. Im Hafen auf 200 Quadratmetern und später auf 600 Quadratmetern. Markus pumpt sich Geld von seinen Eltern und ist eigentlich, nachdem er Miete und Kaution gezahlt hat, schon wieder pleite. Die Eröffnung muss also funktionieren. Wildhagen, der in der fünften Generation Düsseldorfer ist, hat glücklicherweise einen großen Freundes- und Bekanntenkreis und so kommen 200 Leute zur Eröffnung. Düsseldorf zu verlassen ist für ihn nie eine Option gewesen: „Es ist überschaubar, es ist schön. Schöne alte Immobilien, es geht schnell zum Flughafen. Infrastruktur und Wirtschaftlichkeit stimmen.“ Der 51-Jährige sieht sich als Einzelhändler. Man kann alle Sachen, die bei ihm im Laden stehen, kaufen. Aber man kann sie eben auch mieten. Der Verleih war immer Teil seines Konzepts. „Die Filmstiftung hat ihren Sitz im Hafen und einmal kam Dieter Kosslick (Anm. der Redaktion: heute organisatorischer Leiter der Berlinale) zu mir.“


Der nicht ganz freiwillige Umzug entpuppt sich also als echter Glücksgriff. Die Umsätze steigen. „Eines Tages stand Thomas Krauth bei mir im Laden. Der hatte damals das Capitol Theater übernommen und ich durfte den ganzen Eingangsbereich einrichten. Das hat mir natürlich wirtschaftlich sehr geholfen.“ Wildhagen bekommt immer mehr zu spüren, dass die Menschen seine Gabe schätzen, Dinge aufzutreiben, die sonst keiner findet, und diese auch noch gekonnt und stilsicher miteinander zu verbinden. Er sagt: „Wir ertrinken in einer Mittelmäßigkeit. Diese ,Geiz ist geil‘-Mentalität ist eine Katastrophe. Wir haben alle nur ein Leben und in dem sollten wir uns auch Freude machen. Das kann etwas für einen Euro sein, es geht dabei gar nicht um Luxus, sondern um das Besondere.“

Dieses Gespür für das Besondere entdeckten auch Modefirmen, unter anderem Gant und Tommy Hilfiger. Für Gant hatte Wildhagen jahrelang an der Erstellung von Schaufensterdekorationen mitgearbeitet und die erforderlichen Requisiten bereitgestellt. Einige Jahre gestaltete er mit seinem Team bundesweit die Eventshops und auch die Deutschlandzentrale von Tommy Hilfiger alle sechs Monate komplett neu. „Die Leute denken immer, dass ich hier hinter meinem hübschen Tresen sitze und den ganzen Tag Kaffee trinke. Die sehen nicht, dass ich nachts um zwei Uhr aufstehe und drei Stunden fahre, um als Erster auf einem Markt zu sein und die besten Dinge zu finden.“ Der Händler sagt: „Diese klassischen Schätze, die es früher gab, gibt es heute nicht mehr. Das Internet hat mein Geschäft entzaubert. Das Internet liefert Informationen, die sich andere über Jahre angelesen oder durch Erfahrungen angeeignet haben.“


Kosslick bringt gerne Freunde mit in den Laden. „Dann hast du auf einmal einen Filmproduzenten bei dir auf dem Sofa sitzen und der sagt: ,Ich brauche ein Geburtstagsgeschenk für die Veronika Ferres‘, dann hat er eine Lampe gekauft. Das war für mich mit 30 Jahren großes Kino“, sagt Markus. Apropos großes Kino: Durch seine Kontakte wird nicht nur die Filmstiftung NRW auf ihn aufmerksam, sondern auch internationale Produktionen. So kann man seine Schätze in Filmen wie Chocolat, Der Untergang oder Hindenburg bewundern. Grand Budapest Hotel hat den Oscar für die beste Ausstattung gewonnen, auch dort sind antike Möbel des Düsseldorfers im Spiel. Bis hierhin hört sich das noch alles sehr romantisch an. Aber der gleiche Hafendirektor, der mit Politikern durch Markus’ Fundus stolziert und sich damit brüstet, so etwas Individuelles im Hafen zu haben, verkündet ihm mit einer kleinen Handbewegung, dass auch sein Gebäude bald abgerissen wird, um im Hafen neue Büroflächen entstehen zu lassen. Was nun und wohin mit den ganzen Antiquitäten? Mit 30 beladenen Lkws findet Markus seine neue Heimat auf der Worringer Straße 57. Jetzt hat er ein Schaufenster und jeden Tag jede Menge Autos, die im Stop-and-go-Tempo an seinem Fenster vorbeischleichen.

 


Deshalb erfindet Markus Wildhagen sich und sein Geschäft immer wieder neu. Und da die Kunden mehr wollen und er Platz braucht, zieht er noch mal um. Die 850 Quadratmeter auf der Worringer Straße sind zu klein geworden. In Unterbilk finden seine Schätze eine neue Heimat, diesmal auf 1.300 Quadratmetern. Außerdem erweitert er seine Geschäftsidee. Seine Firma Wandel-Raumkonzepte erstellt komplette Einrichtungskonzeptionen. Alles aus einer Hand, vom Mobiliar bis zur Wand- und Bodengestaltung. So stammen die Röstmeister, Zille, Gare du Neuss, Pit In Club oder BleuBlauBlue aus seiner Interior-Feder. Auch bei der Gestaltung der beiden Concept Stores Chrystall in Flingern und Friedrichstadt hat er mitgewirkt. Seit einiger Zeit kann man ihn auch auf dem Bildschirm sehen: Markus Wildhagen ist einer der Händler in der erfolgreichsten Nachmittagsshow des ZDF: Bares für Rares mit Horst Lichter. Dort kauft er Gegenstände ein, die seinen Fundus bereichern.

Trotz seiner vielen Tätigkeiten sitzt Markus auch gerne mal hinter seinem Tresen, gespannt darauf, wer als Nächstes seinen Laden betritt. „Ich kenne Leute, die bei mir hochschwanger auf dem Markt gekauft haben. Und heute kommen die Kinder mit 30 Jahren selbst mit Kindern, das ist ein tolles Gefühl. Die 14- und 16-Jährigen sagen: ,Wie cool ist das denn!‘ Die wollen auch nicht mehr eingerichtet sein wie jeder. Jeder hat so ein Sideboard, alles weiß, alles muss hell sein. Wenn einer da ein Schafsfell liegen hat, dann ist das schon sehr gewagt.“ Genau in dem Moment kommt eine kleine Familie durch die Tür. Wildhagen scheint sie zu kennen. Die Eltern des kleinen Oscar möchten ein Kinderbett mit Geschichte. Sie werden schnell fündig, ein Einzelstück, versteht sich. Das sind Momente, die das Internet nicht bieten kann und die einzigartig sind, genauso wie Wildhagens Wunderland. Auch wenn ihn die Selbstständigkeit viele schlaflose Nächte und Unmengen an Arbeit kostet. Man merkt ihm an, wie er sein Business lebt. Ein Besuch in seinem Refugium sollte sich niemand entgehen lassen. Wichtig: viel, viel Zeit mitbringen. Das Geld, dass sich Markus damals bei seinen Eltern gepumpt hat, hat er übrigens zurückgezahlt.

Text: Britt Lörcks, THE DORF | Fotos: Melanie Zanin, THE DORF | Produktion: David Holtkamp, THE DORF

www.wandel-antik.de
www.wandel-raumkonzepte.de

 

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