Von einer grossen Liebe zu einer kalten Sünde


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2018

Melanie Zanins Vater ist „Gelatiere“ – Eismacher. Wenn er früher mit dem Eiswagen um die Ecken ihres Viertels in Ratingen bog, war Melanie selig. Die Fotografin reiste von Deutschland nach Italien. Die gleiche Route, die ihr Vater in den 70ern nahm, nur umgekehrt. Herausgekommen ist „Giro Gelato“, eine illustrierte Liebeserklärung an die süß-kalte Speise. Mit uns hat Melanie über ihre Liebe zum Eis gesprochen und darüber, warum sie immer noch nach dem größten Schokoladenstück in der Stracciatella-Kugel sucht.

Ohne Zitroneneis gäbe es Melanie und ihre Schwester vielleicht heute gar nicht. 1975 kam Melanies Vater Renzo im Alter von 25 Jahren aus der norditalienischen Provinz Veneto nach Deutschland. Hier lernte er von einem befreundeten Italiener die Kunst der Eisherstellung. Schnell legte er sich einen eigenen Eiswagen zu und beglückte die Ratinger und Düsseldorfer mit seinen Kreationen. „Er hat immer diese eine Schule angefahren, eine Handelsschule in Ratingen. Das war für ihn ein gutes Geschäft. Aber da war eben auch meine Mutter Gabi. Ihre schokoladenbraunen Locken hatten es ihm angetan. Sie holte sich bei meinem Vater immer eine Kugel Zitrone“, erzählt Melanie schmunzelnd.

Noch mehr Gefallen als am Zitroneneis findet Melanies Mutter aber an dem jungen Mann, der die Kugeln portioniert. Bei Renzo ist das zum Glück genauso. Die beiden bekommen zwei Töchter. Während Renzo ganz Ratingen mit seinem frischen selbst gemachten Eis versorgt, rührt Oma Erika im heimischen Keller schon die nächste Fuhre an, die in der Eismaschine ihre cremige Vollendung findet. Was müssen Melanie die Nachbarskinder beneidet haben, deren Väter als Versicherungsmakler oder Banker arbeiteten! „Wenn mein Vater nach seiner Runde nach Hause kam, hat er bei uns vor der Tür geparkt. Dann sind alle Kinder unserer Siedlung gekommen und haben eine Kugel Stracciatella bekommen. Es gab dann immer ein Spiel: Wer hat das größte Schokoladenstück in der Kugel?“, erzählt Melanie. >>

„Wenn es besonders süß und cremig ist, weiß ich, dass ich italienisches Eis im Mund habe“

Das Geschäft mit dem Eis lief so gut, dass Melanies Papa später seine erste Eisdiele, das Eiscafé Venezia, in Düsseldorf eröffnet. Auch wenn Renzo mittlerweile eine Pizzeria betreibt – Melanies Liebe für die kalte Speise ist geblieben. Deshalb war es bis zu „Giro Gelato“ nur eine Frage der Zeit: Ausgerüstet mit Kamera, unstillbarem Eishunger und der Idee, ein Buch daraus zu machen, startete die Reise in Düsseldorf, führte durch Deutschland und Österreich weiter nach Nord- und Mittelitalien mit Endziel Rom.

Während ihrer Eis-Exkursion erweiterte Melanie nicht nur ihr Wissen über Eis, sondern lernte auch viele Menschen kennen, die sie inspirierten. So traf sie in Florenz, wie sie mir erzählt, die 35-jährige Silvana Vivoli. Eine Eisverkäuferin, die ihrem Opa schon mit vier Jahren in der Eisküche geholfen hat. Damals bekam sie dafür 200 Lire, was heute ungefähr 5 Cent entspricht. Sie hatte die Erdbeeren für ihren Opa gesäubert und fand das so großartig, dass sie die Eisdiele später übernommen hat und sie mittlerweile in dritter Generation führt, mit der gleichen immerwährenden Leidenschaft.

Und Melanie erzählt weiter: „In Mailand habe ich Signor Moreno Orsi getroffen. Er hat eine relativ kleine Eisdiele in einer nicht so guten Gegend. Riesiger Tresen, überall Pflanzen und fast kein Platz. Dann hat er mich mit in sein Eislabor genommen – und das war riesig!“, schwärmt die 38-Jährige. „Fast wie eine kleine Fa­brik.“ Denn der Signor, so erfuhr sie, belieferte sämtliche Hotels und Gastronomien in Mailand.

In Deutschland hält sich die romantische Vorstellung, dass die Geschichte vom Eis eine voller Liebe und Passion ist. Leider belehrt mich Melanie da eines Besseren: Das Eis ist eher ein Zufallsprodukt. „Das kam durch die Wirtschaftskrise. Die Italiener waren immer schon ein fahrendes Volk, das Gegenstände auf der Straße verkauft hat. Im Winter waren das gekochte Birnen und Maronen und im Sommer eben Eis. Eigentlich aus einer Not heraus. Eis braucht wenig Zutaten und es ist ein Produkt, das man schnell mal an der Straße kaufen kann.“ >>

In Deutschland herrschte Aufschwung und in Italien Resignation. Und so kam es, dass hierzulande die Eisdielen aus dem Boden schossen. Die Deutschen verbrachten ihren Sommerurlaub gerne in Bella Italia. Umso besser, dass sie das Urlaubsgefühl auch in der Heimat haben konnten. Die deutschen Eisdielen fallen meist durch ihre besondere Einrichtung auf, eine Mischung aus Chrom und farbigem Kunstleder. Eiskreationen wie „Bananensplit“ oder „Pfirsichbecher Melba“ gibt es nur von den zugewanderten Eismachern, in Italien ist dafür ein grobes Sorbet namens „Granita“ ein echter Evergreen. Die Eisdielen in Italien sind anders, oft sind sie in Bars integriert. Dort kann man Kaffee und Drinks, aber eben auch Eis bestellen.

Aber was ist denn nun der Unterschied zwischen deutschem Eis, das die Italiener ja mal hierher­gebracht haben, und Eis aus Italien? „Es muss leichte Fäden ziehen und es ist süßer, cremiger, irgendwie imposanter. Wenn das alles der Fall ist, dann weiß ich, dass ich italienisches Eis im Mund habe“, schwärmt Melanie. „In Deutschland benutzt man, glaube ich, mehr Milch und weniger Zucker“, so die Halbitalienerin. Das heißt aber nicht, dass sie das deutsche Eis nicht ähnlich heißblütig verehrt. „Ich liebe Spaghettieis. Ich weiß, das ist total 80er. Aber es erinnert mich an meine Kindheit. Gutes Vanilleeis, selbst gemachte Erdbeersoße und frische Sahne – da geht mein Herz auf.“ Als wir uns verabschieden, ruft sie mir noch zu: „Ich bestelle übrigens nie Zitrone!“ Zum Glück hatte ihre Mama da damals einen anderen Geschmack … •

Wer Eis liebt, für den ist diese kalte Offenbarung auf 144 Seiten ein Coffeetable-must-have: In Melanie Zanins Buch begegnet man authentischen Menschen, Eiskreationen und Rezepten. In stilvollen Bildern und Erzählungen erfährt man etwa, wie man seinen Gästen Haselnuss-Pralineneis kredenzt oder warum man eigentlich „Eisdiele“ sagt. „Giro Gelato: Auf der Suche nach dem besten Eis der Welt“ von Melanie Zanin und Manuel Weyer (Text), ZS Verlag, April 2017, 19,99 Euro

Text: Britt Wandhöfer

Fotos: Melanie Zarin

 

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