Vom Stylo d'amour zum Kultobjekt


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Ob verführerisch in tiefem Rot, kühl in Pink oder natürlich im Nude-Look – der Lippenstift ist die Abrundung eines perfekten Make-ups. Laut Umfragen nutzen ihn etwa 80 Prozent aller Frauen zwischen 20 und 60 Jahren.

Es ist 134 Jahre her, dass der erste Lippenstift auf der Weltausstellung in Amsterdam einer damals noch sehr verhaltenen Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die Idee zur Lippenfarbe im praktischen Stiftformat kam aus Paris. Der Parfümeur und Chemiker Pierre-François Pascal Guerlain nannte seine Kreation „Stylo d’amour“ – die breite Masse empfand seine Darreichungsform entsprechend als skandalös und reagierte mit großem Unverständnis. Einige Spötter nannten Guerlains Lippenstift aufgrund seiner Form sogar abfällig „Saucisse“ (Würstchen).

In allen Hochkulturen gab es Menschen, die ihren Mund bemalten. Den ältesten Hinweis auf diese Gewohnheit liefert der Ausgrabungsfund einer Art Lippensalbe, die Forscher auf das Jahr 3.500 vor Christus datieren. Abbilder Nofretetes und der Pharaonen beweisen, dass sich schon die alten Ägypter für Make-up begeisterten. Auch im antiken Griechenland, im Römischen Reich und im alten Japan schminkten sich die leichten Mädchen ebenso wie die hochgestellten Damen. Um das Jahr 1.000 nach Christus erfand der arabische Mediziner Abu al-Qasim al-Zahrawi Lippenfarbe, die er in kleine Gussformen presste und sie so als fertiges Produkt käuflich erwerbbar machte.

Rote Lippen groß in Mode brachte Königin Elisabeth l., und auch im Rokoko war der Kontrast von Porzellanteint und einem tiefroten Mund absolut en vogue – ein Trend, der selbstverständlich dem hedonistischen Adel vorbehalten blieb. Katharina die Große soll sogar ihren Hofdamen befohlen haben, ausgiebig an ihren Lippen zu saugen, bis diese rot leuchteten. Im Zuge der fortschreitenden Christianisierung und der Französischen Revolution galt das Schminken jedoch als dekadent und konnte unter der Guillotine enden.

Als Guerlain knappe hundert Jahre später seinen ersten richtigen Lippenstift präsentierte, interessierte das zunächst nur wenige extravagante Damen – bis die französische Schauspielerin Sarah Bernhardt sich Ende des 19. Jahrhunderts mit knallrotem Mund auf die Bühne stellte und so zum Vorbild vieler Filmstars wurde, denen immer mehr bürgerliche Frauen nacheiferten. Eine erneute Erfindung Guerlains 1910, der erste Lippenstift in einer Metallhülse, machte seine Handhabung zudem immer praktischer und damit massenkompatibler. Weiterhin symbolisierte ein rot geschminkter Mund für viele Frauen Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit.


Auch Gabriela Holscher di Marco, Inhaberin des Concept Stores Ela Selected und Düsseldorfer Stilikone, sieht den Lippenstift als starkes Ausdrucksmittel: „Manche Frauen sagen, dass ihr Mann keinen Lippenstift mag, und tragen daher keinen. Wie schade! Frauen müssen sich das Recht nehmen, zu machen, was sie wollen – auch was Kleidung und Lippenstift angeht!“ Ihr Mann liebt glücklicherweise ihre roten Lippen, die ihr Markenzeichen sind, seit sie dreizehn Jahre alt war. „Ich bin so groß geworden. Meine Mutter sagte stets zu mir: ‚Geh nie nackt aus dem Haus, trag Lippenstift auf.‘ Er ist der letzte Schliff, man sieht gleich viel frischer, gesünder und jünger aus“, erzählt sie. So sehen das auch die Frauen in den Goldenen Zwanzigern, als der Siegeszug des Lippenstifts nicht mehr aufzuhalten ist. Der Rest ist Geschichte.

Inzwischen ist der Lippenstift zum meist verkauften Schönheitsprodukt der Welt avanciert, und Kosmetikfirmen sind ständig damit beschäftigt, ihn uns in neuen Tönen und Zusammensetzungen zu präsentieren. Denn die Farbe der Lippen, so heißt es, ist auch immer ein Spiegel der Zeit. 

Jens Schneider, Stylist aus Düsseldorf, setzt momentan vor allem auf kräftige Farben – oder das genaue Gegenteil: „Lippen müssen entweder knallen in Rot und Pink oder ganz natürlich wirken mit einer shiny Lipline und einem Gloss. Das ist natürlich abhängig vom Outfit. Grundsätzlich sollte man sich aber mit dem Lippenstift zurückhalten, wenn man schon mit dem Augen-Make-up auf den Putz gehauen hat“, rät er. Lippenstift sage viel aus über seine Trägerin, er könne verführerisch sein, aber auch Stärke markieren oder Zurückhaltung vortäuschen.

Für Gabriela Holscher di Marco hingegen gibt es nur eine Farbe. „Ich liebe den klassischen Rotton, variiere selten, habe aber trotzdem immer 30 bis 40 ganz ähnliche Lippenstifte im Bad herumliegen“, erzählt sie. „Wenn ich mich abends abschminke, ziehe ich mir oft noch mal die Lippen rot nach. Falls ich in der Nacht sterbe, möchte ich dabei schön aussehen.“ 

Text: Katja Vaders

Foto: Sebastian Brüll

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