Ton-Angebend

Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2017

„Unser Publikum ist offen für Alles“

Michael Becker ist dort, wo Musik spielt.
Im Interview spricht der Intendant der Tonhalle über Klassik, Kö und Kuchen.

Sie sind seit zehn Jahren Intendant der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle Düsseldorf. Wie feiern Sie dieses Jubiläum?

Mein eigenes Jubiläum muss ich nicht feiern – wohl aber unsere Programmreihe „Tonhalle 0–100“, die
2017 ebenfalls zehn Jahre alt wird. Sie ist inzwischen zu einem kulturellen Aushängeschild von Düsseldorf geworden, weil sie es immer wieder schafft, verschiedene Altersgruppen anzusprechen. Und das werden wir feiern! Mit allen, die in den vergangenen Jahren hieran mitgewirkt haben. Wahrscheinlich wird es ein Riesenkonzert geben. Aber ich muss Sie gleich enttäuschen: Die Türen bleiben zu diesem Anlass ausnahmsweise geschlossen. Wir möchten auch mal
nur für uns sein.

Wie erklären Sie sich, dass manche Menschen wenig mit klassischer Musik anfangen können? Und wie schafft die Tonhalle es, einige dennoch zu begeistern?

Viele Menschen haben sich noch nie wirklich auf klassische Musik eingelassen. Schon beim Begriff „Beethoven“ stöhnen vor allem Jüngere, weil sie sich an ihre Eltern und Großeltern erinnern. Wenn sie sich von der Musik distanzieren, ist das also eher die Abgrenzung gegenüber der älteren Generation. Hier setzen wir an, zum Beispiel mit Veranstaltungen, die Mama und Papa gar nicht erst ansprechen. Wir suchen uns etwa Youtuber, die aktuell bei Jugendlichen beliebt sind, und bringen sie zusammen mit den Düsseldorfer Symphonikern auf die Bühne. Ein aktuelles Beispiel sind „Die Lochis“, ein Musik- und Comedyduo, das mehr als zwei Millionen Abonnenten auf seinem Kanal hat. Oder für die etwas Älteren: der Kabarettist Christian Ehring. Wir nutzen also häufig Interpreten, die bei der jeweiligen Generation bekannt sind, als Magnet. Über sie stellen wir den Zugang zur Klassik her. Das funktioniert erstaunlich gut. Das fördern natürlich auch unser Chefdirigent Adam Fischer und sein Leitungskollege Alexandre Bloch. Mit ihnen haben wir zwei Volltreffer gelandet.

Tonhalle, Saal

Viele Intendanten halten sich eher im Hintergrund auf. Sie dagegen treten stark in Kontakt mit der Öffentlichkeit – auch durch Interviews wie dieses. Was ist Ihnen daran wichtig?

Ein Zirkusdirektor macht es ja ganz ähnlich: Er zeigt sich seinem Publikum und steht für das Programm ein. Für mich heißt das, dass ich bei vielen unserer Konzerte auf die Bühne gehe und unseren Gästen erkläre, was sie in den nächsten Stunden erwartet. Die Leute sollen nicht von vornherein alles wissen müssen, sondern „einfach fühlen“ – ganz nach dem Motto der Tonhalle. Hierfür ist es aber sinnvoll, eine Einführung ins Stück zu bekommen – am besten von mir, als erstem Vertreter des Hauses.

Das Rheinland ist eine starke Kulturregion, die Konkurrenz ist also entsprechend groß. Wie mutig darf oder sollte hier ein Konzerthaus sein?

Ich empfinde andere Konzerthäuser nicht als Konkurrenten. Dafür unterscheiden sie sich in ihrer Ausrichtung zu stark voneinander. Noch dazu agieren sie jeweils sehr lokal – auch die Tonhalle. Wir sind das einzige Konzerthaus in Nordrhein-Westfalen, das ein eigenes Orchester hat, über das es künstlerisch und verwalterisch entscheidet. Dadurch können wir viel von innen heraus bewegen und durchaus mutig sein. Wir haben zum Beispiel mal die berühmtesten Sinfonien von neun Komponisten gespielt und gekontert mit den durchgeknalltesten Solokonzerten des 20. und 21. Jahrhunderts. Sie können sich denken: Da war viel dabei, was ein Publikum auf die Palme bringen kann. Das Programm wurde aber sehr gut aufgenommen – und das lag sicher auch an den Menschen, die hier leben: Die meisten haben einen enormen Spaß an allem Neuen, solange es ihnen vernünftig vermittelt wird. Ich denke, dass die Mentalität einer Stadt ganz entscheidend für das ist, was man künstlerisch auf die Beine stellen kann. Denn ein Konzerthaus sollte immer auch ein Spiegel der städtischen Gesellschaft sein. Dass wir es in Düsseldorf mit einem so offenen, experimentierfreudigen Publikum zu tun haben, ist ein großes Glück. Hier macht es viel Freude, Neues auszuprobieren – uns und dem Publikum.

Sie haben bei Jürgen Kussmaul an der Robert-Schumann-Hochschule Bratsche studiert. Spielen Sie heute selbst noch?

Spielen – ja. Üben – nein. Einmal im Jahr nehme ich aber zum Beispiel bei „The Management Symphony“ teil. Bei dem Projekt kommen Führungskräfte der deutschen Wirtschaft und Hobbymusiker für ein paar Tage zusammen, um ein Repertoire einzustudieren und aufzuführen. Eine gute Gelegenheit, um mal gemeinsam mit netten Kollegen intensiv zu musizieren.

Für welche Musik können Sie sich noch begeistern?

Musikalisch sozialisiert worden bin ich vor allem in den 80er-Jahren und – ich mag es gar nicht laut sagen – da fällt mir spontan „Last Christmas“ von George Michael ein. Weil das für mich ein extrem gut gemachter Song ist. Auch Peter Gabriel halte ich für einen fantastischen Musiker. Seine Songs gehen aber schon wieder in die symphonische Richtung, weil sie sehr opulent daherkommen. Heute höre ich aber auch gern Chartpop, zum Beispiel die Songs von Adele. Sie dürfen mich nur nicht bitten, etwas vorzusingen, denn ich kann die Texte überhaupt nicht. Die interessieren mich einfach nicht. Was mich interessiert, sind die Melodien und die Harmonien, die darunter liegen.

Was verbinden Sie mit der Königsallee?

Sie ist die Champs-Elysées von Deutschland: eine Prachtstraße, die ein bisschen aus der Zeit gefallen ist. Hier geht man nach wie vor hin, um zu flanieren und um Menschen zu beobachten. Ich auch: Wenn ich die Zeit habe, ziehe ich mit meiner Familie los, um zu bummeln. Oder ich gehe zu Heinemann und esse ein Stück Florentiner Kirsch.

Michael Becker ist seit 2007 Intendant der Düsseldorfer Symphoniker und der Tonhalle Düsseldorf. Nach seinem
Bratschenstudium an der Robert-Schumann-Hochschule schlug der gebürtige Osnabrücker zunächst die journalistische Laufbahn ein und arbeitete unter anderem für den Rheinischen Merkur und den Mittel-deutschen Rundfunk. Von 1994 bis 2006 war er Intendant der Niedersächsischen Musiktage. Heute lebt er mit seiner Frau und seinen vier Kindern im Stadtteil Derendorf – nur einen Steinwurf von der Tonhalle entfernt.

Weitere Infos zur Tonhalle unter: http://www.tonhalle.de

Text: Elena Winter

Fotos: Susann Diesner, T. Riehle

 

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