Ride on!


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 1/2018

Motorräder mit Charakter: Einblick in die Custombike-Szene

Seit Langem ist die Motorradszene nicht mehr so aufgemischt worden wie mit der Wiedergeburt der Custombikes – Motorräder also, die individuell gefertigt oder umgebaut werden. Durchexerziert wird diese hohe Kunst des Maschinenbaus in einem Hinterhof in Düsseldorf-Pempelfort: in Hagen Jödeckes „Madeira Drive“. 

Wer heute Motorrad fährt, macht das meistens nicht, um sich von A nach B zu bringen, sondern weil’s Spaß macht. Also als Hobby. Und bei „Hobby“ wissen wir gleich, dass damit jeder Zeit- und Kostenaufwand legitimiert ist. Gerade die Bikerszene hat sich immer schon dadurch ausgezeichnet, dass sie ihre Bikes getunt, abgespeckt und aufgemotzt hat. Warum? Weil’s geht und weil’s cool ist – denn die technische Komplexität eines Motorrades ist überschaubarer als die eines Autos: Man kann mit weniger Aufwand schon viel mehr erreichen. Das gilt fürs Selbstschrauben und fürs Schraubenlassen. Werfen wir einen Blick zurück auf die Geburtsstunde einer populären Kategorie an Custombikes, also an individuell umgebauten Motorrädern: die Cafe Racer. London, direkt rein in die Swinging Sixties. Genauer gesagt nach Stonebridge im Norden, zum Ace Cafe. Hier treffen sich die Rockers, um mit ihren selbst frisierten und umgebauten Cafe Racern auf der Straße kleine Rennen zu fahren. BSAs, Nortons, Vincents, Triumphs – alles, was die britische Zweiradindustrie damals baute, konnte sich hier messen. 

Und wie in jedem von Männern dominierten Trend geht es auch hier um recht einfache Werte: ein bisschen Rebellion, ein bisschen Angeben, cool dabei aussehen und vor allem schneller als der andere sein. Und so lässt sich das Modifizieren der Bikes auch ziemlich sachlich begründen: Wer schneller sein will, muss leichter werden und mehr Leistung haben – also kommt erst einmal alles Schwere ab, was nicht gebraucht wird. Blinker, Schutzbleche, Beifahrerfußrasten, Luftfilter, Batteriekästen und ähnlicher Nippes. Beim klassischen Motortuning aus dieser Zeit dreht es sich essenziell um den Gaswechsel der Motoren. Vereinfacht gesagt: Es muss mehr Benzin-Luft-Gemisch vorne rein, und wenn es verbrannt ist, muss es schneller hinten wieder raus, um Platz für die nächste Ladung zu machen. So verzichtet man gerne auf durchflusshemmende Luftfilter und Schalldämpfer. Damit schlägt man gleich mehrere Fliegen mit einer großen Klappe: Man spart Gewicht, bekommt eine cleanere Optik und nicht zuletzt einen erheblich fetteren Sound mit einem gerüttelt Maß an Mehrleistung. So kommt man recht flott zu einem hübschen, cleanen Bike, mit dem sich auch noch sehr ambitioniert fahren lässt. Und was in den 60ern sehr schnell war, ist auch heute noch schnell genug.

„Motorrad fährt man nicht, weil man muss. Sondern, weil man will.“

Wer Hagen Jödeckes Werkstatt ganz weit hinten im zweiten Hinterhof auf der Augustastraße in Düsseldorf-Pempelfort gefunden hat, wird schnell merken: Betreten auf eigene Gefahr. Hier wird offensichtlich kein Firlefanz produziert, der Kaffee kommt aus der Kanne (schwarz) und nicht aus „Frenchpress“, der Sound (laut) garantiert nicht von Spotify und es darf geraucht werden (viel). Die Werkstatt steht voll mit Bikes in jedem  Fertigungsgrad. Und was für Musterbeispiele von Custombikes! Triumphs, BMW Boxer, diverse Japaner und Harleys aller Baureihen und Baujahre, im Original oder komplett „customized“, bereits fertig oder noch mitten im Aufbau. Zu Preisen, die meist im vier- bis fünfstelligen Bereich liegen.

Was Hagen Jödecke im „Madeira Drive“ macht, kann man sich in etwa so vorstellen: Man nehme ein mehr oder minder tadellos funktionierendes Motorrad, baue es vollständig auseinander, schmeiße einen Haufen Teile in den Keller, besorge dafür erheblich weniger, aber doppelt so edle Teile und baue alles in wochenlanger Handarbeit wieder grundlegend besser als vorher zusammen. Das ist „Customizing“. „Es geht nicht darum, was alles abgebaut wird – sondern um das, was dranbleibt“, so Hagen Jödecke. Weniger ist eben mehr. Am Ende sind Besitzer und Erbauer gleichermaßen stolz auf ihr Werk. Hagen, weil er mit seiner Geduld – die man ihm auf den ersten Blick nicht unbedingt ansieht – eine optimale Lösung für seinen Kunden auf die zwei Räder gestellt hat. Und der Kunde, weil er nun das für ihn perfekte Bike sein Eigen nennt. Eines, das eben nicht alle Kirmesfeatures verbaut hat, die so per Instagram und Pinterest zwischendurch hochgeschwappt kamen und zum Wunsch wurden.

„Es geht nicht darum, was alles abgebaut wird – sondern um das, was dranbleibt“

Die Custombike-Szene ist in den letzten Jahren förmlich explodiert und pünktlich zum anstehenden 80. Geburtstag des Ace Cafes hat sich der Trend endgültig etabliert. Triumph, BMW und Ducati bieten Cafe Racer oder auch Scrambler, eine weitere verbreitete Motorradkategorie aus den 60ern, nun quasi von der Stange an. Gab es jahrzehntelang neben den schnellen japanischen Joghurtbechern nur Chopper von Harley-Davidson, hat man heute freie Auswahl bei den Großserienherstellern. Was die Szene natürlich ein bisschen misstrauisch beäugt, denn der Mainstream ist immer das Ende eines Trends. Aber davon abgesehen, machen die Custombike-Shows wie Glemseck 101 bei Leonberg in Baden-Württemberg, Brightona in England und das wohl coolste Festival Wheels and Waves im französischen Biarritz einer immer größer werdenden Anzahl von Bikern Spaß. Denn wenn die Custombike-Szene eines neben ihren Bikes noch liebt, dann ist es, sich zu treffen. Dabei stoßen die Stars unter den Custombike-Bauern wie Deus Ex Machina aus Australien und die Wrenchmonkees aus Kopenhagen auf allerlei feierwütige Biker, die schon wie die Ace-Cafe-Rocker aus Londons wilden Jahren vor allem eins sein wollen: anders, cool und schnell unterwegs. •

www.madeiradrive-düsseldorf.de

Text: Olaf Ebeling
Fotos: Matthäus Walotek

 

 

 

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