Rasurkultur


Aus: Magazin KÖNIGSALLEE 2/2017

Rasierpinsel herzustellen ist ein seltenes Handwerk. Das Unternehmen Mühle aus dem sächsischen Erzgebirge verbindet diese Tradition mit Topdesign. 

„Gut geseift ist halb rasiert!", heißt es in der Barbierkunst. Männer, für die das Rasieren ein Ritual ist, mögen dem zustimmen. Denn ein trockenes Barthaar hat eine ähnliche Härte wie Kupferdraht. Damit die Rasierklinge gut und möglichst nah oberhalb der Haarwurzel schneiden kann, muss das Haar also sehr weich sein. Das schafft die Nassrasur besser als das elektronische Pendant: Ein Rasierpinsel erhält die Feuchtigkeit, der Schaum wird durch die Pinselbewegungen sehr feinporig und gleichzeitig bekommt die Haut eine belebende Massage. Rasierpinsel und Nassrasierer gibt es in sehr stilvollen Varianten. Hinter ihrer Herstellung steckt ein interessantes und seltenes Handwerk. Weltweit existieren nur wenige Unternehmen, die das Bürsten- und Pinselmachen noch beherrschen. Mühle in Stützengrün im sächsischen Erzgebirge ist eines davon. In über 70 Jahren hat Mühle eine bewegte Zeit durchgemacht – vom Aufbau in der Nachkriegszeit über die Integration in den DDRStaatsbetrieb VEB bis hin zum „Neuanfang“ nach der Wende. In den letzten zehn Jahren hat sich der Mitarbeiterstamm des Traditionsunternehmens von 25 auf rund 80 vergrößert.

Geschäftsführer Andreas Müller hat eigentlich Theologie studiert und abgeschlossen. Seine Leidenschaft für das seltene Handwerk entdeckte er relativ spät – ist dafür aber heute umso begeisterter dabei: „Man braucht unglaubliche Geduld, Fingerfertigkeit und Liebe fürs Detail“, sagt er. „Es macht großen Spaß, diese Tradition zu wahren und gleichzeitig mit modernen Komponenten weiterzuentwickeln.“ Er leitet das Familienunternehmen heute zusammen mit seinem Bruder Christian in dritter Generation. Die Herstellung eines Mühle-Rasierpinsels ist eine faszinierende Welt für sich. Das Pinselhaar muss zunächst akribisch gewogen, von überschüssigem Haar ausgekämmt und gleichmäßig gebunden werden. Um diese Details in Perfektion zu beherrschen, ist jahrelange Erfahrung nötig. Als Pinselgrundlage verwenden die Mitarbeiter zum einen natürliches Dachshaar, zum Beispiel den sogenannten Silberspitz-Dachszupf. Mindestens genauso hochwertig sind mittlerweile aber auch synthetische Pinselhaare, die Mühle selbst entwickelt hat. „Sie können besser ausgewaschen werden und trocknen schneller“, erklärt Müller.

An das Material der Griffe stellt die Nassrasur besonders hohe Ansprüche. Griffoberflächen aus Holz werden deshalb durch thermische Verfahren und Öle dauerhaft versiegelt. Chrom- und Kunstharzoberflächen erleben mehrere Politurvorgänge, damit sie schön schimmern. Metallteile aus Messing müssen verchromt werden. Und schließlich setzen die Mühle-Mitarbeiter alle Komponenten noch per Hand zusammen, gravieren sie gegebenenfalls und verpacken die edlen Pflegeutensilien. Mühle gehört zu den erlesenen Unternehmen, die der Rat für Formgebung, eine Initiative des Bundestages, beim Produktdesign unterstützt. Der hohe Anspruch zeigt sich auch in der Materialvielfalt. Carbon, Edelharz, Grenadilleholz, Büffelhorn, Olivenholz, Karelische Maserbirke, Porzellan, Chinalack, Mooreiche mit Sterlingsilber – damit wird Rasurkultur für alle Geschmäcker erlebbar gemacht. Neben klassischen Produkten setzt Mühle bei seinen Modern-Serien auf innovative Elemente. Eine der neusten Serien ist Hexagon. Die Kollektion wurde gemeinsam mit dem Berliner Produktdesigner Mark Braun entwickelt. Die Produkte der Luxusserie Mühle Edition beeindrucken durch voluminöse Proportionen und ausdrucksvolle Silhouetten. Das Produktsortiment hat sich bei Mühle kontinuierlich weiterentwickelt: Zu den Kernprodukten Rasierpinsel und Rasierhobel gesellen sich inzwischen ein Manikürset, Pflegeprodukte, Rasierseifen und -cremes sowie eine Naturkosmetikserie. Wunderbare Möglichkeiten also, wie der Mann von heute das männlichste Pflegeritual zelebrieren kann.

Text: Tom Corrinth

Fotos: Studio Likeness | Jo Zarth | Mirko Stelzer


 

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